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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-01-05 · Heft 1 (5.1.1869) · p. Seite 19

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 1 (5.1.1869)
Date
1869-01-05
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
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19 lich kamen meine Leute herbei; sie rissen mich aus meiner Erstarrung, wir trugen Joseph auf ein Sopha, der Wundarzt erschien . . . Joseph kehrte nicht wieder zum Leben zurück, um Mitternacht hauchte er seinen letzten Seufzer aus. Was soll ich Dir noch erzählen, mein Sohn? Du kannst Dir Alles selbst ausmalen; aber thue es nicht; wohl dem, der vor solchen Schrecknissen bewahrt bleibt. Ich hatte das Zimmer, wo dieses furchtbare Ereigniß stattgefunden, fest verschließen lassen. Jahre gingen vorüber, ehe ich den Muth faßte, ehe ich dem Drange, der — o Räthel, das Du bist, menschliches Herz! — mich dennoch trieb, die unselige Stätte zu betreten, nicht mehr widerstand. Da lag das Blatt Papier noch, auf welches der Verlobungsaet niedergeschrieben werden sollte ... ich habe es heilig aufbewahrt. Darauf sollte der zukünftige Inhalt eines glücklichen Lebens verzeichnet werden, aber es war leer geblieben, und so leer verblieb auch mein Leben. Zwar fand mein grenzenloser Schmerz seine Grenzen durch die Zeit, und es kehrten Stunden ein, wo ich mich wohl und leicht und vom Leben befriedigt fühlte; aber glücklich niemals. Der Schatten meines Freundes verlor allmählich seine dunklen Farben und wurde lichter und lichter, jetzt ist er ganz licht, und das Leben, das mich umringt, giebt ihm den dunklen Hintergrund, von dem seine lichte Gestalt sich abhebt. Ich sagte stets zu mir die Werte des Königs David: er kommt nicht wieder zu mir zurück, aber ich komme zu ihm!" Das waren die Worte, die ich in der Handschrift meiner Großtante las. Aber sie hatte später noch hinzugefügt, ich möchte alle die Andenken in ihrer Schublade verbrennen, denn sie sollten mir nicht zur Last sein, und was Geldes werth darunter, möge ich verkaufen und den Erlös den Armen reichen. Ich that es ungern, aber ihr Wort war mir heilig. Die metallenen Gegenstände jedoch ließ ich abschätzen, vertheilte den Werth an Bedürftige, und behielt jene für mich. Zum Ankauf hatte ich dasselbe Recht wie Jedermann. Rüben Wunderbar. Nekrolog. Am b'hx n'S -i"* starb hier ein Mann, dessen Namen nicht nur in diesen Blättern, sondern auf dem Gebiete der jüdischen Literatur überhaupt kein unbekannter ist und mit dem die Ostseeprovinzen den einzigen jüdischen Schriftsteller aus den Hiergeborenen verloren haben. — Rüben Wunderbar ist am erwähnten Tage plötzlich hingerafft worden. Der alte Spruch «mp' imirabfit durfte sich auch hier bewähren. In einer literaturfreundlicheren Gegend wäre es fast unmöglich, daß das Hinscheiden eines so würdigen Veteranen der jüdischen Literatur noch bis jetzt nicht an die Redaction dieses überall so verbreiteten Blattes berichtet wäre — eines Blattes, dessen Correspondent der Verblichene eine solange Reihe von Jahren war. Wenn aber alle Correspondenten dieses Blattes aus Kurland bis jetzt über diesen so schmerzlichen Todesfall geschwiegen, so sei es mir gestattet, einem Manne auch hier ein kleines Denkmal zu setzen, der fast nur für die Nachwelt gelebt. Jede Zeit hat ihr eigenes Gepräge, das sie mehr oder weniger allen ihren Gebilden, allen ihren Kindern, auf den verschiedensten Gebieten ihrer Thätigkeit aufdrückt. Es ist daher gewiß nicht zufällig, sondern ein der Physiognomie der Zeit entlehnter Zug, wenn wir der Biographie fast aller altern jüdischen Gelehrten unseres Jahrhunderts die Aufschrift setzen können: w "O nr: 2ipn m-w ,N^?:n -p**» masnm nüt» Wohl können wir in den verborgenen Schachten der Erde die geheime Behausung des Silbers und die Schlupfwinkel des lichtscheuen Goldes erspähen, schwer ist es aber, die geheimen Wirkungen eines Geistes zu belauschen, wie er oft durch Morast und Kiesel, durch Sand- und Granitboden sich Bahn bricht, und das Licht der Sonne erblickt. Dem heißen trocknen Boden der Tropengegenden entwächst die grünende Palme, der egyptischen Finsterniß des Cheders entspringen oft die hellsten Geister, und in der dumpfen Atmosphäre der Schacherbude sehen wir häufig jüdische Charaktere zur höchsten sittlichen Reinheit sich entwickeln und kräftigen. Mit einem solchen typischen Character haben wir es auch hier zu thun. Rüben Wunderbar ist den 12. Septbr. 1812 von unbemittelten Eltern hier geboren, die aber — was bei unfern Glaubensgenossen eine gewöhnliche Erscheinung ist — mit dem Aufwande aller ihrer Kräfte ihm einen sorgfältigen Unterricht nach alter Sitte und Brauch angedeihen ließen. Früh hat der Unterricht begonnen — schon zu 3 Jahren wurde mit dem Lesen im Hebräischen der Anfang gemacht, im siebenten Jahre mußte der Knabe allmählich über den Wochenabschnitt einen iüi-n einstudiren und vortragen. Es muß aber der besondern Vorliebe seines Lehrers zugeschrieben werden, wenn die Homiletik in seiner frühesten Kindheit ihm gleichsam aufgedrungen wurde, da in seinem reifern Alter weder Neigung noch etwas mehr als mittelmäßige Fähigkeit für diese Geistesthätigkeit sich bei ihm aufweisen läßt. Wohl hat er in einem Alter von acht Jahren einen in einer kleinen Versammlung bei Gelegenheit eines Familienfestes — Berith-Milla — vorgetragen, wohl hat er bei Gelegenheit seiner Bar-Mizwah-Feier einen Vortrag über mm örmiD roo ff. halten müssen — beide aber vom Rabbi einstudirt —, wohl hat er um dieselbe Zeit ein unedirtes hebräisches Schriftchen homiletischen, exegetischen und poetischen Inhalts geschrieben*); aber ein paar später von ihm im Druck erschienene Gelegenheits- Dieses Schriftchen, das mehr den Namen Sammlung verdient, soll sich in der Rigaschen Stadtbibliothek befinden.

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