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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-01-05 · Heft 1 (5.1.1869) · p. Seite 20

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 1 (5.1.1869)
Date
1869-01-05
Page
Seite 20 (sequence 20)
Language
German
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20 predigten legen weder für ein homiletisches, noch für ein rednerisches Talent Zeugniß ab. Indessen scheint sein Lehrer, dessen Benennung „ Säger" Prediger, noch jetzt in der hiesigen Gemeinde bekannt ist, einen wohlthuenden Einfluß auf seine spätere Ausbildung schon dadurch ausgeübt zu haben, daß er neun volle Jahre seinen Unterricht genossen und schon dadurch allein gewissermaßen zu einem Systeme im Studiren angehalten worden, während sonst das hiesige Melamedwesen einen fieberhaften Wechsel und ein aus Brodneid entstehendes Verdrängen des Einen durch den Anderen bedingt. Während dieser Zeit hat auch W. den ersten Elementarunterricht in der deutschen Sprache, Rechnen rc. von Gymnasiasten genoffen. Bald aber begann der Ernst des Lebens seine Kehrseite zu zeigen. Mit 18 Jahren kam W. in das kleine Geschäft seines Vaters, wo ihm aber die Mußestunden fleißig dazu dienten, sich allgemeine Kenntniffe anzueignen, und mußte bald dem prosaischen Broderwerbe durch den Handel obliegen. Diese Lebensprosa wurde aber bald um so niederdrückender und verheerender, als sie nicht mehr, — besonders nachdem er 1834 sich glücklich vermählte — den Brodbedarf befriedigte ünd er mit dem bittersten Mangel kämpfen mußte. Vergessen waren alle Träume, zerronnen die Ideale, die des Jünglings Brust schwellten, die rauhe Wirklichkeit hat seinem Lebensgeiste jeden Schwung genommen und ihn in den Staub der kleinlichsten Sorgen gedrückt. Die letzte Zuflucht, die ihm blieb, war — PrivatvMerricht zu ertheilen. Ich nenne es die letzte Zuflucht, weil bekanntlich der jüdische Volkswitz in Rußland nicht mit Unrecht das „Knellen" als den schwächsten Anker der Hoffnung für ein bis zur Verzweiflung umhergetriebenes und gehetztes Leben bezeichnet und diesen Versuch zum Zwillingsbruder des Todes stempelte In seiner Verzweiflung griff W. nach diesem Rettungshalm und doch war dieser Schritt entscheidend für sein ganzes Leben. Anfangs hatte er mit all dem Elend dieses Berufes hier zu Lande zu kämpfen, allmählich aber befreiete er sich vom Drucke der Dürftigkeit, und je freier unv reiner die Lebensatmosphäre sich ihm gestaltete, desto höher stieg auch sein Muth, desto eifriger benutzte er die Mußestunden zur Selbstausbildung, bis das Jahr 1840 seinem Leben eine völlige Neugestaltung brachte. Das Nicolaussche Regiment, das sich zu jener Zeit ernstlich mit der Berbefferung der Lage der russischen Judenheit beschäftigte, sah mit unerklärlicher Ostentation eine octroyirte Klassificirung derselben nach Beruf und Beschäftigung als die einzige Lösung dieses Knotens. Mit Freuden wurde daher überall die erste Auswanderung der jüdischen Colonisten nach den russischen südlichen Gouvernements als der Anfang zur Gründung einer jüdischen Landbauernklasse begrüßt. Auch in Mitau ward dieses Ereigniß mit großer Feierlichkeit begangen. Der zu jener Zeit als erster jüdischer moderner Prediger in Rußland und als Leiter der Gemeindeschule in Riga wirkende vr. Lilienthal begleitete die Auswanderer mit einer erhebenden und ermuthigenden Anrede und hat bei dieser Gelegenheit Wunderbar kennen gelernt. Andererseits machte diese Feierlichkeit auf W. einen so gewaltigen Eindruck, daß er bald darauf eine kleine Broschüre „Betrachtungen über die aus Kurland nach dem Cherson'schen Gouvernement auswandernden israelitischen Colonister-Familien" erscheinen ließ. Dieses brachte ihn noch näher in Verbindung mit Lilienthal, und er wurde auch bald darauf von demselben als Lehrer an der Rigaschen jüdischen Elementarschule angestellt. Lilienthals Nähe hat auf W. sehr wohlthuend eingewirkt, sowohl die gemeinschaftlich gemachten Studien im Talmud, als die Anleitung Lilienthals auf Gebieten, die W. früher ganz unbekannt blieben, wurden bald in diesem fruchtbaren, aber bis jetzt noch nicht urbar gemachten Boden zu einer Saat, die unter dem Einfluß seines ungewöhnlichen Fleißes sich rasch entwickelte und eine reiche Ernte brachte, so daß in diese Zeit seine eigentliche Vorbereitung für seine künftige literarische Thätigkeit fällt. Die Bekanntschaft mit der Rigaschen Stadtbibliothek hat den Schatz seines Wiffens überhaupt bereichert, ihm neue, bisher ihm fremde Bahnen geöffnet und den Trieb zur Thätigkeit in ihm zur Reife gebracht. Mit dem Jahre 1845 beginnt seine fruchtbare Arbeit, die sich auf die verschiedensten Gebiete der Literatur verbreitet, und überall, wo nur unermüdliche Thätigkeit, vor keiner Schwierigkeit zurückschreckender Fleiß erforderlich ist, da hat er auch Vorzügliches geleistet*). Das Literaturblatt des Orients hat vom Jahre 1845 bis zu seinem Aufhören alljährlich eine ganze Reihe von Aufsätzen bibliographischen und literarhistorischen Inhalts gebracht, die alle von einer bedeutenden Belesenheit, viele auch von einer zweckmäßigen Benutzung derselben Zeugniß ablegen. Auch diese Blätter brachten in den Jahren 1847 und 1849 historische Notizen aus seiner Feder. Als er im Jahre 1848 im „Literaturblatte des Orients" ein Programm zur Herausgabe seines Werkes, „Biblischtalmudische Medicin" veröffentlichte, hat man dem Erscheinen dieses Werkes in den entfernten Lesekreisen jenes Blattes mit Neugierde, höchstens mit Vergnügen entgegengesehen. (Schluß folgt.» *) In seiner 1853 in Mitau erschienenen „Geschichte der Inden in der Provinz Liv- und Kurland" sind alle seine bis zu jener Zeit gedruckten und zum DruchMrbereiteten Schriften verzeichnet, deren Zahl, die größeren Aufsätze in den Zeitschriften mitgercchnet, 40 erreichte. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.

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