Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-01-05 · Heft 1 (5.1.1869) · p. Seite 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 1 (5.1.1869)
Date
1869-01-05
Page
Seite 18 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226692--26791-3262341
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

18 Jahren sein Gelöbniß mit einer Bedingung für mein unbedingtes Gelübde eingetanscht? Bald aber schwand mein Zorn; ich sah in seinem Antlitz so viel Schmerz und bittres Leid, so schweren Kampf in seine Züge eingegraben, daß ich ebenso schnell zur tiefsten Verzagtheit überging und in heftige Thränen ansbrach. Er warf sich mir zu Füßen, hob seine Hände flehend empor, ein Strom liebkosender Worte floß aus seinem Munde — ich aber sah und hörte nichts mehr, meine Sinne schwanden, ich sank plötzlich nieder, und Bewußtlosigkeit umschattete meinen Geist.. . Als ich wieder zur Besinnung kam — waren Tage vergangen. Ein Nervenfieber hatte mich überfallen. Friedchen und Joseph waren nicht von meinem Lager gewichen. Wie wühlte es in seinem Herzen, als er mich leiden, mich in Todesgefahr sah und in meinen Fieberphantasien nichts als die Ausbrüche meiner Liebe zu ihm hörte und in den Spiegel aller der Aengste und Kümmernisse blickte, die mich um ihn während seiner Abwesenheit verfolgt hatten. Meine Jugend hatte gesiegt. Unter dem Flügelschlage ungetrübter Liebe genas ich schnell. Von einer Weigerung, ja nur von einem Zweifel war nicht mehr die Rede. Wir gehörten uns für immer. Es war meine Absicht, mit dem Tage meiner feierlichen Verlobung mit Joseph mein Haus umzugestalten. Seine Pforten sollten geöffnet sein und die klösterliche Stille auszieheu lassen, die bis jetzt darin geweilt. Meine Verwandten und Freunde sollten darin eine Stätte der Gastfreundschaft finden, in welcher jeder Wohlgesinnte stets willkommen sei und sich behaglich fühlen sollte. Mit Hülfe meines Bräutigams wurde deshalb eine zwar nicht glänzende, aber angemessene Einrichtung getroffen. Er hatte sich in der Fremde viel Erfahrung und einen edlen Geschmack ungeeignet. Zur Verlobung wurden große Anstalten getroffen und viele Gäste geladen. Joseph war eigentlich nicht dafür; er hatte noch immer etwas Gedrücktes und Beängstigtes an sich, das nur der liebenswürdigsten Heiterkeit wich, der edelsten Entfaltung seines reichen Geistes und Gemüthes, wenn er mit mir allein war. Aber ich wollte, daß er mit mir mit einem gewissen Glanze auftrete, und ich ließ mir von ihm reiche Verlobungsgescheuke darbringen. Wie gern verwandte er hierauf die Trümmer seines Vermögens! — Ich ließ mich hierin nicht beirren, auch als es unruhig geworden im Lande. Der französische Krieghatte sich unseren Grenzen genaht. Aber unser Städchen war so entlegen von den Heerstraßen und hatte seit Jahrhunderten keinen Feind gesehen, als daß man ernstliche Besorgnisse hegen konnte. Der Tag der Verlobung war gekommen; alle Anstalten waren getroffen; Flnr und Zimmer standen geöffnet, die Gäste zu empfangen, und strahlten vom Glanze der Kerzen. Ich war in ein grünseideues Gewand gekleidet, denn mein Freund liebte diese Farbe, mit kostbarem Geschmeide geschmückt. Joseph, Friedchen und ihre Eltern umgaben mich. Joseph war glücklich, und dennock strahlte nicht jene Heiterkeit aus seinen Augen, die ich vorausgesetzt hätte. Ich merkte es wohl. Damals verstand ich es nicht, später wurde es mir klar. Denn Du wirst bald begreifen, mein Sohn, daß Alles, was damals geschah, Jahre lang zum Gegenstände meines steten Nachdenkens geworden und in kleinsten Einzelheiten mir bis heute gegenwärtig geblieben. Ach, das Schicksal hatte ihm zu oft schon den gefüllten Becher vom Rande der Lippen gerissen, als daß ihn das Gefühl gänzlich hätte verlaßen sollen: wird es dies Mal nicht ebenso werden? . . . Unsere Gäste kamen an und überhäuften uns mit Glückwünschen. Der Rabbiner erschien und der Gemeindeschreiber, wie es damals gute Sitte war, um den Verlobungsact niederzuschreiben. Ohne einen solchen wäre eine Verlobung nicht für völlig rechtskräftig angesehen worden. Der Rabbiner war ein alter, ehrwürdiger Mann, der mit großer Herzlichkeit zu uns sprach und Vaterstelle heute bei mir übernehmen wollte. Ich zerfloß in Thränen; aber die Sonne des Glückes schien mir hell in das Herz dabei. Endlich war Alles versammelt und der Gemeindeschreiber setzte sich an der Tafel nieder, legte das Papier zum Pakt zurecht und ergriff die Feder. In diesem Augenblicke erhob sich ein furchtbarer Tumult auf der Straße, ein Laufen und Schreien, wie man es in den stillen Straßen unserer Stadt niemals gehört, und aus dem Gewirre hörte man nur den Jammerruf: die Franzosen sind da! Man stürzte an die Fenster, Alles gerieth in Aufregung. Aber unterdessen drangen bereits Soldaten in die Gemächer, wilde Gestalten aus dem berüchtigen Corps Vandamme mit aufgeflanzten Bajonueteu. Sie schrien in französischer Sprache: „Da ist Wein, Braten, da find Kostbarkeiten und Geld — heran, Kameraden!" Die Einen stürzten zu den Tischen und bemächtigten sich der Speisen und des Getränkes; Andere warfen sich auf die Menschen, um ihnen Uhren und Ketten abzureißen. Unsere Gäste eilten von Zimmer zu Zimmer und flüchteten sich durch verschiedene Ausgänge. Einer der Plünderer hatte sich zu mir gedrängt und griff nach meiner Halskette. Da warf sich Joseph dazwischen und schrie ihm entgegen: „Zurück, Franzosen werden doch keine Dame antasten!" Darauf aber hörte der wüthende Soldat nicht, sondern mit einem Stoße drückte er fein Bajonnet Joseph in die Brust. Er sank in meine Arme, an meine Brust, und das Blut strömte ihm aus der Wunde. Ich schrie und jammerte; ich fühlte nicht, daß der Unmensch mir Kette und Armspange abriß; ich hörte nicht das Geschmetter der Trompeten, welches die Plünderer auf die Straße herabrief, um die Stadt so schnell wieder zu verlassen, wie sie gekommen ich stand da, versteinert wie eine Bildsäule aus Marmor, mit eiserner Kraft den schweren Körper meines sterbenden Freundes haltend. Sein Vater war hinausgeeilt, einen Wundarzt zu holen, die Mutter lag ohnmächtig auf einem Sessel, Friedchen hielt mich und ihren Bruder mit den Armen umfaßt. End-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.