Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1869)
- Date
- 1869-01-05
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Iudcnthums. Fenilleton-Geilage M Ar. 1. Leipzig, den 5. Januar 1869. Ein weißes Blatt Papier. (Schluß.) In diesen Gedanken lebte ich mich immer mehr hinein, so daß ich mich nicht mehr im Widerstreite mit meinen Eltern fühlte, wenn ich an die einstige Erfüllung meines Gelöbnisses dachte. Dies gab mir auch den Muth, entschieden vorzugehen. Denn kaum war die Trauerzeit vorüber, als meine Vormünder mich mit neuen Heirathsanträgen bestürmten. Ich erklärte ihnen, mich ein für alle Mal damit verschonen zu wollen, und machte sie mit meinen Absichten für meinen Joseph bekannt, die ich, wenn sie mir nicht früher ihre Zustimmung gewährten, nach erlangter Mündigkeit verwirklichen würde. In diesem Sinne schrieb ich auch an Joseph, und seine Antwort war von der glühendsten Dankbarkeit diktirt. Dennoch verließ mich das Gefühl banger Traurigkeit nicht, und machte auch diese Tage meiner Jugend gramerfüllt. Längst hatte ich mich mit der Beschaffenheit der Orte bekannt gemacht, an welchen Joseph verweilte. Was ich an Reisebeschreibungen über Batavia erhaschen konnte, wurde eifrig durchlesen. Dies aber wurde mir ein unaufhörlicher Quell immer neuer Besorgniffe und Beängstigungen, da das dortige Klima die europäischen Ankömmlinge mit unerhörter Grausamkeit hinraffte. Selbst wenn ich einen Brief von ihm in Händen hielt, durchschauerte mich der Gedanke, daß der theure Schreiber unterdeß ein Opfer geworden sein konnte!... Aber Joseph kam, er kam früher zurück, als wir gedacht; er kam, und doch anders, als er es gehofft. Ein Aufstand der Eingeborenen war ausgebrochen und hatte gerade die ausgedehnten und reichen Plantagen überfallen, welche Joseph für sein Haus verwaltete. Die Barbaren hatten Alles uiedergemetzelt, Alles ausgeplündert und zerstört. Nur wie durch ein Wunder entkam Joseph und rettete sich nach der Hauptstadt. Aber er hatte Alles verloren, da sein ganzer Erwerb in den Plantagen angelegt und außerordentlich gewachsen war. Alle seine Arbeiten, seine Strapazen und Gefahren waren ’ vergebens. Ein Brief von ihm zeigte uns dies an, voll Kummers und Bitterkeit, und als sein Schreiben zu uns gelangte, war er bereits glücklich in Amsterdam angekommen. Welch' ein Jubel erfüllte meine Seele! Was fragte ich nach seinen Verlusten? Hatte ich nicht übergenug für uns Beide? Seinen Schmerz sollte das Glück meines Besitzes reichlich aufwiegen. Joseph langte an. Wie anders sah er aus, als wie er uns verlassen. Er war ein kräftiger, aber etwas gealteter Mann geworden und die dunklen Locken hatten sich bereits von der hohen gebräunten Stirn etwas zurückgezogen. Aber kaum hatte ich ihm in die glänzenden Augen geschaut und auf die edlen Züge um den feinen Mund: so hatten sich unsere Seelen wiedergefunden und waren bei einander, als wenn niemals Jahre und Meere uns getrennt gehabt. Dennoch war auch jetzt die Zeit der Erfüllung noch nicht genaht. So sehr unsere Herzen sich umfaßten, unsere Seelen sich in einander ergossen, trat Joseph doch einen weiten Schritt zurück, sobald auf unsere Verbindung nur angespielt ward. Er, der Mittellose, sollte Alles dem Mädchen verdanken, um dessen Hand er werbe? Von ihm, der fünf und sechs Mal Schiffbruch gelitten an seinem Glücke, sollte man sagen, er habe sich schnell in das Fahrzeug eines elternlosen Kindes gerettet, um in den sicheren Hafen einzulaufen? Ach, Julius, den wahren Mann demüthigt das Schicksal nicht, und je öfter seine Versuche, in die Höhe zu steigen, scheitern, desto stolzer richtet er sich auf, desto entschloffener blickt er um sich — und dennoch hat er eine Schwäche, die Empfindlichkeit. Plötzlich empfing ich einen Brief von ihm, worin er mir auseinandersetzte, daß es ihm unmöglich sei, meine Hand anzunehmen, da diese die des Reichthums, seine die der Armuth sei; er müffe nur entsagen, und wenn sein Herz darüber brechen sollte. Ich war außer mir, ich war empört, es hätte nicht viel gefehlt, und ich bätte ihm abgesagt, denn ich fühlte mich tief verletzt, ich glaubte ihn hart und unbeugsam gegen mich. Aber ich faßte mich, und verlangte von ihm noch eine Unterredung, bevor er ginge, verlangte sie als mein gutes Recht. Er kam. Ich empfing ihn zornmüthig. Ich fragte ihn, ob dies der Lohn für meine Treue sei, daß er nicht einmal seinen Stolz mir zum Opfer bringen könne; ob in seinen Augen die Meinung der blöden Menge, seine vermeintliche Mannesehre mehr wiege als mein Glück und meine Ruhe; ob er bei jenem Abschiede vor fünf