Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 53 (29.12.1868)
- Date
- 1868-12-29
- Page
- Seite 1061 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226635-3226689--26763-3262320- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
So mochte wohl ein Jqhr verflossen sein, als mich eines Tages Joseph auf der Straße anredete — was er sonst nicht that, sondern meinen Gruß erst abwartete — und mich bat, ihm zu einer bestimmten Zeit, Nachmittags eine kurze Unterredung zu gewähren; seine Schwester würde mitkommen; wobei er mir einen etwas entfernten und stillen Stadttheil als Ort des Stelldicheins nannte. Ich erschrak und eine mir unerklärliche Scheu überfiel mich, 'und ließ mich zu seinem Gesuche den Kopf verneinend schütteln. Einen Laut vermocht' ich nicht über die Lippen zu bringen. Aber da sah er mich mit einem so flehentlichen Blicke an, und er war so bleich und seine schönen Züge so schmerzlich, ja es kam mir vor, als ob er krank und abgemagert aussehe; und da stieg es so warm in mein Herz hinauf, und ehe ich einen bestimmten Gedanken und einen Entschluß gefaßt, hatte ich Ja gesagt, wenn auch mit bebender Stimme, und ob es mich auch gleich darauf reuete. — Nun, mein liebes Kind, ich will Dir nicht weitläufig schildern, was in jener Nachmutagsstunde geschah und wie Alles gekommen. Joseph's Hoffnungen in seiner Vaterstadt waren abermals getäuscht worden; all' seine Gewandtheit und sein Fleiß vermochten nichts, besonders wohl weil mein Pater, der ihm anfänglich so gewogen schien, ihn bei jeder Geschäftsgelegenheit zurückwies; seine Ersparnisse waren aufgezehrt. Da kam ihm durch einen Freund aus Amsterdam ein äußerst günstiges Anerbieten zu. Er sollte auf fünf Jahre nach Batavia gehen, dort die Geschäfte eines großen holländischen Hauses besorgen und dafür nicht blos eine hohe Besoldung beziehen, sondern auch einen kleinen Antheil am Geschäfte haben, der jedoch genügend war, um ihm ein ziemliches Vermögen zu verbürgen. Die Aussicht war z» perlockend, um ihr nicht zu folgen. Ich freute mich des Glückes, das meinen Freunden aufzugehen schien, und wußte freilich damals nicht, daß die Größe des Gewinnes immer noch nicht der Größe der Gefahr gleich stand, welcher der Europäer in jenem tödtlichen Klima sich aussetzt/ Nun, Julius, als wir uns trennten, hatten wir uns Treue geschworen, ich und Joseph, unverbrüchliche Treue in Leben und Tod, ein großes, heiliges Glück trug ich als Geheimniß in meinem Herzen mit nach Hause, so groß und heilig, daß es den Schmerz der Trennung weit überwog... Du kannst Dir denken, daß sich bald bei uns Bewerber um meine Hand einstellteu. Ich war nicht so übel in meiner Erscheinung, hatte den besten Ruf und als einziges Kind meiner Eltern ein sehr beträchtliches Vermögen zu erwarten, Ach, Julius, es war ein hartes Geschick für mich, meinen geliebten und verehrten Eltern immer und immer wieder die liebsten Wünsche vereiteln zu müssen! Mein Vater war älter und schwächer geworden; er sehnte sich danach, sein Geschäft, das ihm an's Herz gewachsen, tüchtigen jüngeren Händen zu übergeben und seine letzten Lebensjahre in Ruhe zu genießen; meine Muter sehnte sich, ihr Haus doch einmal wieder etwas belebter und bevölkerter zu sehen; beide sehnten sich, vor ihrem Tode Wein Schicksal gesichert zu wissen. Und allem Deesem mußte ich stets ein hartnäckiges Nein entgegensetzen, und hatte oft keinen andern Grund anzugeben als die Gefühle einer unklaren Abneigung, und damals war man in unseren Familien noch wenig geneigt, den Gefühlen eines jungen Mädchens irgend einen Werth beizulegen. Das war eine harte Strafe für das Geheimniß, das ich vor meinen Eltern hatte, und ich konnte sie nicht als eine ungerechte ansehen, denn ich hatte über mein Leben ohne Zustimmung meiner Eltern entschieden. Offenbaren durfte ich es nicht, weil ich wußte, daß ich sie hiermit auf's Tiefste verletzen würde. Was allein mich in diesem sich wiederholenden, schweren Kampfe aufrecht erhielt, waren die, allerdings seltenen Zuschriften meines Joseph, die mir durch seine Schwester ins Geheim zukamen. Sie sprachen eine so glühende Liebe, eine so unerschütterliche Treue aus, sie bewiesen mir, daß ich das ganze Herz und Leben dieses Mannes ausfüllte, und gaben zugleich Kunde von seinen fortschreitenden Erfolgen, daß ich mich dadurch gerechtfertigt, gestärkt und entschiedenfühlte. Drei Jahre hatte ich so sortgelebt, als ich in einem kurzen Zeiträume meine beiden Eltern durch eine ansteckende Krankheit verlor, welche im ganzen Lande und besonders in unserem Städtchen wüthete. Ich stand allein, ganz allein, und der Gedanke an meine Eltern erschien mir nicht ohne eine Schuld von meiner Seite. Wenn ich an ihrem Grabe stand, zerrissen mir Vorwürfe das Herz, daß ich ihnen ihren höchsten Wunsch nicht erfüllt, meine ganze Pflicht gegen sie nicht geübt hätte. . . Nur der eine Gedanke rang sich tröstend aus meiner inneren Verwirrung heraus: daß ihre verklärten Geister jetzt bis auf den Grund meines Herzens sähen, meine Gefühle billigten und mein Thun gerechtfertigt fänden! «Schluß folgt.) Kleine Mittheilungen. Widersprüche in Sprüchwörter». Daß Sprüchwörter meist eine Wahrheit nur einseitig enthalten, sie also nur unter Umständen Geltung haben, hat die Erfahrung längst gezeigt. Darum ist es eigentlich nicht zu verwundern, wenn sich bisweilen Sprüchwörter geradezu widersprechen. Zum Sprüchwort kann eine Sentenz nur werden, wenn sie sich dem Volke durch oft wiederholte Erscheinungen in der Wirklichkeit bewährt hat, oder umgekehrt eine oft sich erneuernde Wahrnehmung drückt sich im Munde des Volkes als ein Sprüchwort aus. Sollen also Sprüchwörter einander widersprechen, so müssen sie Erscheinungen betreffen, welche sich gegenüberstehen. Allerdings wird dies meist nur scheinbar sein und durch die Verschiedenheit der Umstände erklärt werden können. Doch führen wir einige Beispiele an.