Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 53 (29.12.1868)
- Date
- 1868-12-29
- Page
- Seite 1060 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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10# nicht zu bezwingen vermag, Dir ihre Weisheit üherM mit in den Haus $ geben. Ach glaube, daß >pjp darnzn in unseren Prtheilen um so vorsichtiger seist pijjssen. Wissen wir denn, aus Welchem Holze ein Mensch gestprden, und welche Reiser die Hand des Geschickes in die blutenden Einschnitte gepfropft hat, die es als sorgsamer Gärtner hineingegraben? So wuchs ich auf; meine Wern ließen mich, svtpeit es eben in damaliger Zeit bei den Juden in kleinen entlegenen Städten besonders für die Mädchen noch gewöhnlich war, unterrichten, aber in ihrem Hause. Ich besuchte keine Schule, und nur selten kam Jemand in unser Haus. Mein Vater hatte ein ausgedehntes Getreidegeschäft, aber Comptoir und Niederlage befanden sich in einem anderen Stadttheile. Wir bewohnten ein hübsches Haus mit einem wohlgepflegten Garten. Dies war die Welt meiner Mutter und die meinige, in welcher mein Vater alle Zeit verweilte, die sein Geschäft nicht beanspruchte. Mein einziger Umgang bestand in einem Mädchen meines Alters, Friedchen genannt, das uns gegenüber wohnte und deren Vater ein Makler war, welchen der meinige vielfach beschäftigte. Es waren brave, ehrliche, aber gewöhnliche Leute in kärglichen Verhältnissen. Auch sie kamen nicht zu uns, aber der Verkehr mit der Tochter war mir gestattet. Du kannst denken, mit welchem Feuer ich daher meine Freundin umfaßte, wie inein Herz sie mit allen möglichen Gaben ausstattete und ich inein Glück in ihrer Zuneigung fand. Ich hatte jetzt das achtzehnte Jahr erreicht, aber war noch so kindlich, wie ein Jahrzehent vorher. Vergnügungen außer einem Spaziergange und jährlich einem Purnnballe bei einem Verwandten kannte ich oder hatte ich wenigstens nicht. Jndeß dies focht mich nicht an, und ich hatte kein Verlangen darnach. Als *ich einst zu meiner Freundin hinüberkam, fand ich bei ihr einen älteren Bruder. Joseph, damals im Alter von fünfundzwanzig Jahren, war ein schöner junger Mann, dessen Vorzüge einem harmlosen Mädchen wie ich sehr imponiren mußten. Er war wohl zehn Jahre entfernt gewesen, hatte in großen Städten gelernt und servirt, sich dabei für jene Zeit eine schöne Bildung erworben und mannigfache Kenntnisse, und war dabei voll Sanftmuth und Höflichkeit. Aber der arme Junge hatte viel Unglück gehabt und konnte nicht vorwärts kommen. Sein einer Prinzipal war bankerott gegangen, bei dem zweiten hielt er es nicht aus, weil er ihn zu Betrügereien mißbrauchen wollte, bei dem dritten endlich trat der Sohn des Hauses in's Geschäft und benahm sich brutal gegen den Diener, der ihn übersah. Trotzdem hatte er sich ein Sümmchen erspart und wollte nun versuchen, das Geschäft seines Vaters mehr in die Höhe bringen. Denn trotzdem unsere Stadt klein war, bildete sie doch den Mittelpunkt des Verkehrs für eine reiche Landschaft, und wenn Du jetzt auf unserem Marktplatze Gras wachsen siehst, viele große Häuser leer stehen und bedeutende Hintergebäude in Trümmer fallen: so war es doch nicht immer so, und jene Zeuge« einer besseren Vergangenheit berichten nur, daß in der Gegenwarf dft VerhMuisse sich Mntzert ynd das Lebe» sich mchr pM -ep Wogen StWeq gAvpndt hat. Ach hört? Meisten Vatzr «in höchst seltener Fall dieses jungen Mannes gegen meine Mutter sehr lobend erwähnen, und das weckte so glückliche Gefühle in mir, daß ich die besondere TheilnahM daran merkte, die ich bereits für Joseph empfand. Das Haus meiner Freundin war, ohne daß ich es wußte, noch um Vieles anziehender für mich geworden,- meine Besuche wurden immer häufiger, und eigenthümlicher Weise fand ich Joseph häufiger zu Hause, als man hätte voraussetzen können. Wußte ich, wann er heimkehrte? Oder wußte er, wann ich hinüberzukommen pflegte? Dies mußte aber doch auffällig geworden sein, denn kurze Zeit nachdem Joseph bei den Seinen wieder angelangt war, nahm meine Mutter einst Gelegenheit, mit mir ein ernstes Wort zu sprechen, indem sie zu mir sagte, daß ich jetzt ein erwachsenes Mädchen geworden, mancherlei kindliche Gewohnheiten ablegen müsse, den Stand und die Ehre des elterlichen Hauses mit zu vertretet habe, darum gewähltere und feinere Kleidung erhalten solle und auch den Umgang mit unseren Nachbarn abbrechen müsse, weil das Kind des Großhändlers, des reichsten Mannes des Stadt, mit den Kindern des Maklers, der von jenem seinen Unterhalt zöge, nicht auf vertrautem Fuße stehen dürfe. Meine Mutter wiederholte dies in Anwesenheit meines Vaters und dieser bekräftigte es mit kurzen, aber bestiinmten Worten. Das war ein Donnerschlag für mich; mit einem Male lag die ganze Harmlosigkeit der Kindheit in Stücken zerschlage» zu meinen Füßen, und die Gefühls- und Traumwelt des zarten Mädchenherzens war verödet. Ich weinte die Nächte hindurch, aber mußte gehorchen. Ich schrieb einen thränenbenetzten Abschiedsbrief an Friedchen. Wenn meine Eltern meine Zuneigung für diese Freundin und ihre Angehörigen zu einer ewigen Liebe hätten steigern wollen, so mußten sie verfahren, wie sie es aethan. Je weniger ich die Gründe meiner Eltern begreifen und als richtig anerkennen konnte, desto grausamer erschien mir mein Geschick, und desto weniger fand ich eine Schuld darin, mit Friedchen oder ihrem Bruder einen Augenblick zu plaudern, wenn ich ihnen auf einem Gange durch die Stadt begegnete. Und dies geschah jetzt nicht selten, da meine Mutter leidend geworden, und ich daher Vieles besorgen mußte; man kannte damals noch nicht die beschwerliche Bequemlichkeit, mehrere Diener zu haben. Wie gesagt, es traf sich jetzt sehr häufig, daß ich Friedchen oder ihrem Bruder begegnete, und ein paar Worte der Begrüßung, der Frage nach ihrer Aller Wohlbefinden und dergleichen konnte doch nicht gegen den Befehl meiner Eltern und deren Gründe laufen; wenigstens glaubte ich dies. Meine Freunde hatten mir ja garnichts zu Leide, und so Vieles zu Liebe gethan. Und ich that meinem Gewissen Genüge, indem ich diese mir so überaus werthe Unterhaltung stets sehr abkürzte. Wenigstens däuchte es mir so, wenn ich meine Freunde verließ.