Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 53 (29.12.1868)
- Date
- 1868-12-29
- Page
- Seite 1062 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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1062 .. ^Er hängt den Mantel nach dem Winde," bezeichnet Men grundsatz- und charakterlosen Menschen, der nach ,den Personen und Verhältnissen aus eigennützigen Ab- > sichten sich richtet. Für dasselbe ungefähr sagt man auch:.,,er schwimmt mit dem Strome," d. h. also: wohin die Mehrheit steuert, da steuert er nach; es ist nicht .sein eigenes Urtheil, von dem er sich bestimmen läßt, sondern das einflußreicher Personen, um von ihnen Vortheile zu erlangen. Aber ebenso wenig gereicht es zum Lpbe, wenn jemand „wider den Strom schwimmt," und es wird, ihm dies als Unverstand, Selbstüberhebung, Hartnäckigkeit ausgelegt. Die ehrenwerthen Sprüchwörter sagen ihm also: schwimme nicht mit dem Strome, und: schwimme nicht wider den Strom. Was soll er aber nun thun? Soll er mitten in der Strömung stehen bleiben? Das ist schwer und gefährlich. Soll er aus dem Strome heraussteigen? So tritt ihm wieder Pas Sprüchwort entgegen und sagt: „er sitzt auf dem Trocknen," d. h. er kann nicht weiter, mit seinen Hülfsmit- . teln ist er zu. Ende, es ist aus mit ihm. Ja, wenn es selbst noch nicht so weit mit ihm wäre, wenn es ihm gelungen, etwas aus dem reißenden Strome herauszuretten, so sagt zwar das Sprichwort schlau: „er hat sein Schäfchen in's Trockene gebracht," zieht aber dabei die Mundwinkel dennoch verächtlich herunter und giebt zu verstehen, daß es „nicht mit rechten Dingen zugegangen sei." ... Wir müssen gestehen, daß wir dem Leser es überlasten müssen, sich aus diesem Wirrsal selbst zu retten, wir vermögen es nicht. Leicht wird uns dies bei zwei andern Sprichwörtern. Da heißt es: „Der Prophet gilt am wenigsten in seinem Vaterlande;" und dann wieder heißt es: „Der Heller gilt am meisten, wo er geschlagen worden." Beides ist wahr. Wo ein großer Mann, ein Genius, oder auch ein großes Werk geboren und großgezogen worden, und wo beide weiterhin durch die Verehrung, die. verdienen, wirken sollen; pflegt deren Anerkennung nur mühsam errungen, ihre Bedeutung nur mangelhaft verstanden zu werden. Dies sagt uns das erste Sprüchwort. Das zweite sagt das Gegentheil. In der Fremde stehen dem Ankömmling die größten, oft unüberwindlichen Schwierigkeiten entgegen, während die heimischen Beziehungen, die verwandten Verhältnisse uns tragen, uns fördern. Hier, glauben wir, ist eine Ausgleichung nicht schwer zu finden. „Der Prophet" deutet auf das Große, Beherrschende, Überwältigende hin; „ dkr Heller" auf das Kleinere, allen Zugängliche, allen Brauchbare. Und da ist es denn richtig, daß das Letztere in seinen ursprünglichen Umgebungen am schnellsten anerkannt und verwendet werden wird, während das Elftere, weil man es klein gekannt und aufwachsen gesehen, weil man das Verwandte nicht gern über sich hinausragen sieht, und endlich weil man die Schwächen und Mängel zu beobachten Gelegenheit hat, nicht leicht in seiner Großartigkeit von seiner unmittelbaren Umgebung anerkannt wird. Solche Gegensätze finden .sich aber auch schon in der h. Schrift. Als einer der auffälligsten führen wir Sprüche Salomonis 26, 4. 5. an: „Antworte nicht dem Thoren nach seiner Narrheit, daß du nicht gleichest ihm, auch du. Ankivorte dem Thoren na h seiner Narrheit, daß er nicht weise sei in seinen Augen.' — Die Lösung des Widerspruches wird in den ' zweiten Bershälfteu der beiden Verse gegeben. Wii sollen die Aussprüche des Thoren nicht bestreiten, wenn die Narrheit so offenbar ist, daß wir selbst als Thoren erscheinen und uns lächerlich machen würden. Ist aber die Narrheit so, daß, wenn du sie nicht bestreitest, sie den Schein der Klugheit an sich hat, dann bestreite sie. Unsere Leser würden uns erfreuen, wenn sie dies Kapitel noch vermehrten. Kuriosum. sEin guter Grundst In der Szegediner Repräsentanz wurde am 7. d. der Antrag gestellt, der principiellen Rechtsgleichheit der Israeliten dadurch tatsächlich gerecht zu werden, daß an die Seüe der bisher verstorbenen Stadtrcpräsentanten Israeliten in die Repräsentanz gewählt werden mögen. Dieser Antrag ging von der liberalen Partei, von der Partei der Intelligenz aus; bekämpft wurde er vou der in Szegedin gegenwärtig herrschenden Volkspartei. Im Laufe der dreistündigen Debatte, die durch diesen Antrag hervorgerufen wurde, sagte unter Anderem ein Redner der Volkspartei, er habe im Jahre 1848 einen gebildeten Juden gekannt, der bei einem Gespräche über die Emancipation erklärte, daß die Inden keine Gnaden annehmen, sie würden ihre Rechte schon erringen. Wenn man nun die Israeliten aus Gnade in die Repräsentanz ausnehmen wollte, würde man sie in ihrem Selbstgefühle verletzen. Nach Beendigung der Debatte wurde abgestimmt und der Antrag mit 49 gegen 45 Stimmen verworfen. Nach der Abstimmung aber begegnet ein Szegediner Israelit einem der 49 Sieger und fragt ihn um den Grund, weßhalb er gegen den Antrag stimmte? „Warum sollten wir denn," war die geflügelte Antwort, „Juden in die Repräsentanz aufnehmen? Haben doch auch die Juden keinen einzigen Christen zum Abgeordneten für den israelitischen Congreß gewählt." Verlag von Daumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. B. Hirschfeld» Verantwortlicher Redakteur Or. H. Lotze. i