Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 53 (29.12.1868)
- Date
- 1868-12-29
- Page
- Seite 1059 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Zettuug des Zudcnthnms. Feuilleton-Leilage M Nr. 53. Leipzig, den 29. December 1868. Ein weißes Blatt Papier. - «Fortsetzung^. Eben war ich damit fertig geworden, hatte das grüne Deckchen wieder darüber gebreitet und wollte Schublade und Schrank wieder verschließen, als ich gewahrte, daß die Hinterwand an der ersteren eine doppelte war, so daß noch ein bequemer, wenn auch schmaler Raum vorhanden. Ich blickte hinein, und sah darin ein in Briefform zusammengelegtes Papier. Es war eine Handschrift meiner Großtante, gewiß schon einige Jahre alt, aber an mich gerichtet. Begierig ergriff ich diese Hinterlaffenschaft der geliebten Frau, ließ mich auf den Lehnstuhl nieder, in welchem ich sie seit meiner Kindheit sitzen gesehen und von dem aus sie so oft Worte der Liebe und der Mahnung zu mir gesprochen, und es kam mir vor, als ob diese Schriftzeichen Laute wurden, die in mein Ohr und in mein Herz drangen. Meine Großtante mit ihrem lebendigen Geiste hatte eine geläufige, zutreffende und bisweilen poetische Ausdrucksweise. Ich schreibe hier ihre Worte ab, denn das kleine Manuspript selbst ist mir ihr theuerstes Vermächtniß. Was auch manche kalten und thörichten Menschen sagen mögen, an und von dem Menschen lebt Alles fort, auch nach dem Tode. Ihre Liebe zu mir zeigt sich mir heute wie je, und meine Liebe zu ihr findet in ihr unvermindert den Gegenstand innigster Verehrung, ob auch ihre sterblichen Reste unter dem Rasen ruhen. So schrieb sie: Es drängt mich, theurer Julius, vor meinem Lebensende und ehe ich noch die Kraft dazu verlöre, Dir das entscheidendste Ereigniß' meines Lebens zu schildern. Du hast in Deinen jungen Jahren niemals ein Geheimniß vor mir gehabt, und so kommt es mir vor, als ob ich das Gleiche Dir schuldig sei. Aber dies ist es eigentlich doch nicht, was mich dazu bewegt. Ich will ganz von Dir gekannt sein; mein Leben soll vollständig offen vor Dir liegen, daß Du mich so ganz nach meiner Art in Dir tragest, und Du begreifest, wie und wodurch ich so geworden, wie Du mich kennen gelernt. Ich habe gefunden, daß dies von großem Nutzen ist, eine oder die andere Menschenseele in allen ihren Tönen und Farben zu verstehen, weil uns dies einen richtigen Maßstab für viele andere und deren Berständniß gibt. Und da sehe ich denn also auch, außer meiner Selbstbefriedigung, einen Nutzen für Dich darin, und wann hätte ich einen solchen hintangesetzt? Lies also, theures Kind, lies, und Du wirst mit mir noch einmal fühlen, worüber nunmehr bereits über ein halbes Jahrhundert hingegangen, und was dennoch auch meine Seele beherrscht, nachdem es diese gestaltet und für immer bestimmt hat. Ich war das einzige Kind meiner Eltern, nachdem fünf Geschwister vor mir ein kurzes, aber schmerzliches Dasein gehabt, und die Herzen meines Vaters und meiner Mutter fünf Mal am Kranken- und Sterbelager ihrer Kleinen gemartert und zerrissen worden waren. Du wirst es daher begreifen, daß Charakter und Lebensweise meiner Eltern sich sehr ernst, wehmüthig, ja trübselig gebildet hatten, daß in unserem Hause ein strenger, düsterer Geist wehete. Weiß ich denn, wie viele Leiden und Stürme meine armen Eltern außerdem bestanden haben mögen? Sie waren beide sehr schweigsam, uud ich habe fast gar nichts aus ihrer Vergangenheit erfahren. Sie lebten sehr abgeschlossen, und so überaus' sie einander liebten — nie kam ein Streit, oder nur ein rauhes Wort zwischen ihnen vor, und sie behandelten einander mit der größten Fürsorge — gewahrte ich doch niemals ein Wort oder eine Geberde der Zärtlichlichkeit, die sie mit einander ausgetauscht hätten. Und so behandelten sie auch mich. Vater und Mutter beschäftigten sich fast ausschließlich mit meiner Erziehung und der Sorge für mich, aber stets ernst, gemessen, zurückhaltend: ich erinnere mich nicht, daß mir außer an meinem Geburtstage und am Neujahrsabende ein Kuß gespendet worden. Es ist eben so, lieber Julius; der Satz, daß dieselben Ursachen dieselben Wirkungen haben, ist wenigstens in der Menschenwelt sehr unrichtig, und wer seine Berechnungen hieran knüpft, wird öfter falsch als richtig schließen. Jede Menschenseele ist anders, und darum wirkt dieselbe Ursache auf jede anders. Gerade diese Zurückhaltung meiner Eltern weckte in mir die äußerste Zärtlichkeit, und das Feuer der Liebe brannte in meinem kindlichen Herzen lichterloh; und später fachte das Mißgeschick diese Weichheit und Innigkeit der Gefühle nur um so mehr an, während es Andere abkühlt uud selbstisch macht. Verzeih der alten Frau, wenn sie sich