Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 53 (29.12.1868)
- Date
- 1868-12-29
- Page
- Seite 1052 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226635-3226689--26754-3262311- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1052 bas Mehr oder Weniger nicht streiten. Aber mit dem Schlußsätze boneb berachmäv Jerusalem ist Alles geändert, die Sprache wird unreiner, wird tautologisch, hat keine Bibelcitate mehr, und zeigt eine junge Abfassung, da sie nicht mehr wagt, Lsraoba-Formeln mit Benutzung des Namens Adonai zu liefern, sondern Neben - Attribute, wie ha-rachinan in sehr großer Zahl anzuwenden, die Ankunft des Propheten Elias zu erbitten und gar eine Einschaltung wie bsnö berith vorzuschreiben. Von den Einschaltungen bei Beschneidungen noch gar nicht zu reden: was sollte wohl da in einer das Herz ansprechenden einigermaßen anständigen Weise gesagt werden? Hat doch schon das Alterthum Elias-Legenden zu Hülfe rufen müssen. Das eigentliche Nachtgebet ist voll von mysteriösen und kabbalistischen Sätzen und nur in ider sesardischen Redaction finden wir, und zwar mehrfach wiederholt, das Stoßgebet Uaebwana sobareb Io man äs mistaarin li, d. i. Gott, vergieb Allen die mich gekränkt haben. <Wie man sieht, ist die sg. Feindesliebe kein Monopol des Christenthums.) Unter den Sabbath-Semiroth sind einige wirklich begeisterte Gedichte nur wenig vom Kabbalismus gefärbt. Sonderbar nur, daß das schlechteste derselben, die unzusammenhängende Reimerei Uamabäii, am meisten Verbreitung gefunden hat. Der Rest besteht aus lose gereimten, geschmacklosen Litaneien mit kabbalistischer Färbung, und auch ein bekanntes deutsches Lied zum Verständniß der Kinder. Die Krone unter dem vielen Nonsens bilden jedoch die Gebetstücke, Lieder u. s. w., welche bei Agonisirenden und. Sterbenden benutzt werden und von welchen die Brüderschaften rc. sich kein Jota rauben lassen und dafür von allen frommen und vielen aufgeklärten Schaafsköpfen mit der ehrfurchtsvollsten Anerkennung belohnt werden. Das Büchlein (95 Seiten) heißt Rsttiat-ba-nstescb und ist gedruckt auf Kosten der hiesigen 6bebra de Kabranim. Seite 7 steht in ganz entsetzlichem Hebräisch wörtlich wie folgt: „Ehe die Zeit eintritt, um den Weg alles Fleisches zu gehen, steht der Satan, genau: die Hinterseite Gottes, an der Seite des Kranken und überredet ihn, den Gott Israels zu verleugnen, und da der Mensch in solchem Augenblick seines Geistes nicht mächtig ist, darum soll der Kranke folgendes Sündenbekenntniß nebst Verzicht auf alle Vorbehalte sagen. Darin heißt es auch: „da ich meine Seele hingebe, so möge der Satan und seine Clique keine Kraft haben, mir hinderlich zu sein, irgend ein Gebot Gottes zn übertreten (sostehts!) und möge meine Seele sich vereinigen mit den Seelen von Abraham, Isaak und Jakob am Orte meiner Sehnsucht. Sollte aber G. b. der Satan kommen um mich zur Uebertretung irgend eines göttlichen Gebotes oder Verbotes zu verleiten, oder gar zum Abfall von dem einigen einzigen Gott, zumal in der Minute des Abschiedes, durch Angst, Furcht, Schauder, Verwirrung, so gestehe ich ihm das nicht zu, weder mit Worten noch mit Gedanken, von Allem was der Mund reden noch das Herz denken kann." Sodann heißt es in den Gebeten : „es möge sein — des Sterbenden — Geist, Gemüth und Seele an das Licht der göttlichen Immanenz angehrftet bleiben und deine beauftragten Engel in der sechsten von den 6 Pforten, die zur Pforte des Wohlwollens gehören, mögen ihm assistiren. Sein Tod möge ein Tod im Kusse und der Vereinigung von Geist mit Geist sein, die Macht des Satans möge ihm nicht schaden, und über ihn möge leuchten das Licht der obersten Klarheit, jener obersten von den 409 Welten und der Erbauung und der Gnade rc. rc." Und in dieser Weise geht es fort, immer mit der größten topographischen Kenntniß des Jenseits, immer mit der größten Furcht vor der Macht des Satans. Und daneben die schönsten jüdischen, wahrhaft religiösen Psalmen und Psalmenstücke! Welche Zusammenstellung! Sollte man's glauben, daß das ein ernstgemeintes Andachtsbuch für Juden in der Sterbestunde, erst vor 4 Jahren hier in Hamburg neu aufgelegt sei? Was wird da aus unserm Stolz auf unfern reinen Monotheismus? Unsere Voll-Orthodoxen sind mit diesen Gesinnungen völlig einverstanden, und sie würden eintretende« Falls das Refuat ha nefersch eben so stramm vertheidigen, als das Jeknm purkan. Auch die Neu- Orthodoxen thäten das, sonst hätten die Herrn Hirsch, Adler, Wolfs, Jellinek, Frankel, Levisohn u. s. w., schon Schritte unternommen um solchen götzendienerischen Scandal zu beseitigen. Aber sie sind wohl insgesammt Mitglieder der Beerdigungs-Brüderschaften, und nehmen an diesen Exercitien Theil! — Hier find neulich zwei Stiftungen für Freiwohnungen ins Leben getreten. Die eine hier in Hamburg von Herrn Hirsch Berend Oppenheimer, beschränkt