Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 53 (29.12.1868)
- Date
- 1868-12-29
- Page
- Seite 1048 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226635-3226689--26750-3262307- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Eljensau fgenommen wurde; das Alles eingeschlossen von verschwatzenden, schreienden, lustigen Menge; die Fenster der umliegenden Häuser dicht besetzt von reizenden Frauenköpfen — der Fremde, der an diesem Morgen zufällig da vorbeikam, mußte sich baß verwundern über die Lebendigkeit des Pester Straßenlebens. Die Juden von Pest haben gezeigt, daß sie, trotz der geringen Uebung, sich aufs Wahlarrangiren verstehen. Im Tempel selbst wurden die Stimmzettel abgegeben; von 1800 conscribirten Wählern waren 1688 an der Urne erschienen. Was das Wahlresultat anbelangt, so war in der Hauptstadt' der Sieg der Fortschrittspartei ein vollständiger, indem sämmtliche von dem Centralcomito aufgestellte Candidaten gewählt wurden. In Ofen, wo die Wahl gleichfalls im dortigen Tempel stattfand, war die Stimmung eine ungetrübt freudige, ungetrübt selbst von etwaigen Wahlumtrieben. Das ist leicht erklärlich: Ofen hatte nur einen Deputirten zu wählen, und alle Wähler vereinigten ihre Stimmen auf den Ministerialrath Herrn v. Ludasi, der somit einstimmig zum Congreßdeputirten Ofens gewählt wurde, und diese Wahl gestaltete sich zu einer glänzenden Ovation für den Candidaten. Nachdem nämlich das Resultat der Wahl verkündet und das Mandat Herrn v. Ludasi vor der Bundeslade überreicht worden war, hielt derselbe eine schwungvolle Ansprache an seine Wähler; der Neugewählte wurde hierauf in einer Equipage und im Gefolge zahlreicher Fuhrwerke im Triumphe durch die Straßen der Stadt Ofen geführt und nach seiner Wohnung in Pest geleitet. In Alt-Ofen wurde der dortige fortschrittsfreundliche Oberrabbiner Hirsch gewählt. Im Ganzen sind von den 220 Wahlen mir 184 bekannt geworden, wovon 106 für die Fortschrittsu. 53 für die Stabilitäts- oder gar Rückschrittspartei entfallen, während ich hinsichtlich der übrigen 25 bekannt gewordenen Wahlen noch nicht unterrichtet bin, wohin sie zu rechnen seien. Doch hoffe ich, bereits in meinem Nächsten, sowohl bezüglich dieser unentschiedenen, als auch der noch rückständigen 36 Auskunft ertheilen zu können. Wie nicht zu zweifeln, wird die Fortschrittspartei in der Majorität sein; es ist nun noch die Frage, mit wieviel Stimmen. Im großen Comitatssaale wurde am 14. der israelitische Congreß eröffnet. Um 10 Uhr wurde der Eintritt des Cultusministers Eötvös gemeldet. Es erhoben sich sämmtliche Abgeordnete, und unter lang anhaltendem stürmischen Eljenrufen trat der Cultusminister in ben Saal, nahm am Präsidententische seinen Platz ein und hielt folgende, an vielen Stellen mit Eljenrufen aufgenommene Ansprache: Indem ich den auf Grund der a. h. Entschließung Sr. Majestät auf den 10. d. einberufenen israelitischen Congreß eröffne, begrüße ich mit Freuden die gewählten Vertreter der ungarischen Israeliten, die berufen sind, ihre confessionellen Angelegenheiten selbständig zu organisiren. (Eljen!) Sie haben die schöne Aufgabe, gleich bei der ersten Gelegenheit zu beweisen, daß Sie Ihre äußeren Angelegenheiten wie auch das Verhältniß der israelitischen Glaubensgenoffenschaft ebenso entsprechend werden ordnen können, wie die anderen Glaubensgenossenschaften. (Eljen!) Das Gesetz .hat Ihre politische Gleichberechtigung ausgesprochen; die Aufgabe dieses Congresses ist es nun, die Autonomie der Israeliten als religiöse Körperschaft zum Ausdrucke zu bringen. (Dreimaliges Eljen.) Dieses hohe Ziel wird ohne Zweifel erst nach Ueberwindung all der Schwierigkeiten erreicht werden, welche der Anfang und die bisherigen Zustände darbieten; aber Sie werden diese Schwierigkeiten mit Tact, mit Ihrer Fachkenntniß und mit jener zähen Ausdauer überwinden, welche Sie unter tausendjährigem Drucke bewiesen. (Anhaltendes Eljenrufen.) Möglich, daß ein Theil der Deputirten in den Anschauungen über religiöse Gebräuche von den übrigen abweicht; gewiß giebt es Niemanden unter Allen, der nicht die Sicherung und Erhaltung der Religion wünscht. (Dreimaliges Eljen.) Dies ist nur durch eine einheitliche Organisation der bisher 'zerstreut gebliebenen Elemente zu erreichen, durch eine Organisation, die dem Staate die Aufsicht erleichtert und die autonome Verwaltung ihrer Angelegenheiten ermöglicht. Die Aufgaben des Congresses präeisirt der Redner in folgenden vier Punkten: 1. Feststellung der äußeren Organisation der einzelnen Gemeinden; 2. Organisation der israel. Schulen und Schulbehörden; 3. Verwaltung des ungarischen israelitischen Landesfonds; 4. Organisation der künftigen Congresse, Feststellung ihres Wirkungskreises und der definitiven Hausordnung, sowie des Wahlmodus. Für diese erste Gelegenheit mußte die Regierung provisorische Verfügungen im Verordnungswege treffen; aber sie that dies auf breitester Basis (Eljen!) und nach Vernehmung der Vertrauensmänner. (Eljen!) Auch die Hausordnung sei nur provisorisch und für den gegenwärtigen Congreß giltig. Er werde sie nebst allen an-