Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 53 (29.12.1868)
- Date
- 1868-12-29
- Page
- Seite 1047 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Unter der Masse von Wahlprogrammen, welche uns zu Gesichte kamen, hat besonders die Antwort des gelehrten Araber Oberrabbiners I. Steinhardt auf eine an ihn gerichtete Zuschrift mehrerer Schüler, sowie eine Ansprache des H. v. Ludasi, Sectionsrath im Ministerpräsidium, an eine Deputation der Wähler des JLßberenyer Wahlbezirkes tiefen Eindruck hervorgebracht. Es würde mich hier zu weit führen, wollte ich alle die fruchtbaren Ideen, mkn auch nur kurz wiedergeben, die der Herr Oberrabdmer in diesem seinem Programm entwickelt. Möge Se. Ehrwürden, als Depu-- tirter, Gelegenheit haben, seinem trefflichen Programm auf dem Congresse zur Ausführung zu verhelfen. Der denkwürdige 18. November, der Wahltag für ungefähr 200 Wahlbezirke Ungarns und Siebenbürgens, kam endlich heran und die Tausende und aber Tausende der israel. Wähler zogen auf den Wahlplatz, um in constitutioneller Weise jene Männer zu erwählen, die, zu einer parlamentarischen Körperschaft vereinigt, über höchst wichtige confessionelle Angelegenheiten die Entscheidung treffen sollen. Hören wir, wie der Wahlact in der Landeshauptstadt Pest vor sich ging, und wir haben zugleich das Muster — freilich in großartigerem Maßstabe — für die Art und Weise, wie sich die Wahlen im allgemeinen anderwärts vollzogen. Wie der „Ung. Lloyd" berichtet, sammelte sich die Hauptmasse der Wähler aus der Theresien- und Franzstadl in der kleinen Kreuzgasse. Gegen 8 Uhr war Alles versammelt, die Wähler zu Fuße sowohl als jene, die den Zug „hoch zu Roß" eröffnen sollten. Bald war derselbe formirt, an der Spitze ein Vorrreiter auf prächtigem Schimmel mit obligater Fahne, hintennach ein wohlgezähltes Dutzend Reiter in Pelz-Attila und Kalpak, sämmtlich auf schönen Thieren; dem Reitertrupp folgten Zigeuner-Musikbanden, die nationale Weisen zum Besten gaben, und endlich kamen die Wähler, zum größten Theile Mitglieder der verschiedenen hiesigen Vereine, mit ihren betreffenden Fahnen und natürlich grün-roth-weißen Wahlfedern auf den Hütten — ohne die ging's eben nirgends ab; eine große Fahne mit der Inschrift „Haladunk" zeigte, daß sämmtliche Theilnehmer des Zuges der Fortschrittspartei angehörten. Uno zuletzt schloß sich, wie bei allen derartigen Aufzügen, ein Schwarm von Neugierigen an, dessen Majorität das wahlfähige Alter noch nicht erreichte. Aber auch dieser „Nachwuchs," die zukünftige Wählergeneration, trug durch unbändiges Eljenrufen das Ihrige zur Feier des Zuges bei, der sich in der angegebenen Ordnung durch folgende Straßen bewegte: Kleine Kreuzgaffe (wo er Aufstellung genommen), Königsgasse, Waitznerstraße, Hochstraße, Akademiegasse, Franz-Josephsquai, Dorotheagasse, Theaterplatz, Elisabethplatz, Landstraße bis zum Tempelgebäude, wo die Wahl stattfand. Zweimal machte er auf diesem Marsche Halt; von der Hochstraße bog er in die Spiegelgasse ein, wo der um die Jntereffen seiner Glaubensgenossen hochverdiente und in allen Kreisen der Stadt gleichgeachtete Dr. Hirschler wohnt; der ganze Zug sowie die begleitende Menge faßten vor dem betreffenden Hause Posto und riefen so lange und nachdrücklich ihr „Eljen", bis der Gefeierte am Fenster erschien und in warmen Worten für das Vertrauen der Wähler dankte. Abermaliges, nicht enden wollendes Eljen; als sich die hochgehenden Wogen der Begeisterung gelegt, bog der Zug wieder in die Hochstraße ein und marschirte ohne Aufenthalt bis auf den Elisabethplatz, wo dem daselbst wohnenden Herrn Louis Posner eine ähnliche Ovation dargebracht wurde. Die Menge hatte sich inzwischen lawinenhaft verstärkt und bildete ein geleitendes Contingent von etlichen Tausenden. Endlich laugte der Zug beim Tempelgebäude, dem Wahlorte, an. Hier hatten sich bereits seit früher Morgenstunde Menschenmassen eingefunden, die ungeduldig den Zug erwarteten. Zu Anfang der Tabakgasse, in der sich der Tempel befindet, hielten berittene Trabanten, und auch beim Thore des Tempelgebäudes selbst war polizeiliche Machtentsaltung in Gestalt mehrerer städt. Commissäre und Trabanten zu Fuß zu beobachten. Die Gitterstäbe des Tempelgebäudes trugen kleine Fähnchen auf der Spitze, was einen allerliebsten Anblick gewährte; aus den beiden Hauptfrontfenstern wehten zwei mächtige Banner in den Nationalfarben. Der Zug langte an; das berittene Banderium machte beim Portale Spalier, und die Wähler drückten sich einzelweise — da nur ein Spalt des Gitters geöffnet war — in das Innere, um ihrer Pflicht nachzukommen. Jeder etwas beliebtere unter ihnen wurde mit Eljens empfangen, und die Scene gestaltete sich zu einem wirklich farbenreichen Gemälde. Hart am Thore die Reiter, zwischen ihnen durch und nachdrängend die federgeschmückten Wähler; im Hintergründe vie Musik, unter deren Klängen ein Mitglied des Comite's die Namen der Candidaten vorlas, deren Jeder mit stürmischen