Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 53 (29.12.1868)
- Date
- 1868-12-29
- Page
- Seite 1046 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sonst herrschte ein völliges Gefühl der Gleichheit, und dies war damals kein Ausfluß des Bewußtseins der Menschenwürde, denn dann adelt es, sondern vielmehr der Mißachtung. Die Leistungen eines Juden wurden von den Juden durchaus nicht hoch angeschlagen, und erhielten erst einen Werth in ihren Augen, wenn sie auch bei den Christen Anerkennung fanden. Man traute weder dem jüdischen Lehrer, noch den damals spärlichen jüdischen Handwerkern etwas Ordentliches zu, höchstens eine Kunstgeschicklichkeit, aber kein gründliches und dauerhaftes Erzeugniß. Zurückhaltung, feinere Lebensart, Alles was vom Haufen abhob, wurde mit scheelen, ja mit feindseligen Augen betrachtet und gern herabgesetzt und gedemüthigt. Als späterhin Juden zu öffentlichen, namentlich städtischen Aemtern gewählt zu werden begannen, konnte man darauf rechnen, daß sie ihre Wahl am allerwenigsten ihren Glaubensgenossen zu verdanken hatten. Schon diese kurze Schilderung genügt, um darauf hinzudeuten, wie viel in einem halben Jahrhundert anders geworden. Sicherlich ist in uns der Anschluß an unser Judenthum nicht schwächer geworden, haben wir an Gegensatz gegen das Christenthum in seiner ganzen spezifischen Gestalt nichts verloren, und unser Widerspruch ist um so nachhaltiger, je klarer und bewußter und von je mehr Wissen getragen und unterstützt er ist. Aber wir sind vorurtheilsfrei, und desto unbefangener in unserer Kritik. Andrerseits gelangt das Judenthum, seine Lehre und theilweise auch sein Gesetz bei den Christen immer mehr zu Ehren und zur Anerkennung, so schwer man ihm auch von vielen Seiten her diesen Weg macht. Was man im geselligen Verkehr christlicherseits nur als eine Ausnahme gelten ließ, einen ehrenwerthen und wahrhaft gebildeten Juden als solchen bezeichnen zu müssen, findet sich jetzt so häufig, daß die Ausnahmen zu einer einfachen Regel wurden: der Unterschied ist auch auf diesem Gebiete verschwunden, und selbst die verhältnißmäßige Zahl der Mittelgebildeten erscheint bei den Juden größer. Alle die dunklen Flecken, die man dem Judenthume und den Juden anhaftend glaubte, haben sich allmälig aufgelöst. Der Fortschritt ist in allem Diesem so sichtlich, daß die Zukunft nur einen ganz geklärten Hiuunel verheißt. Gerade darum müssen wir auch unsrerseits das Werk der Bildung nach allen Seiten hin fördern. Vom allgemeinen Standpunkte aus die Rechte und die Pflichten aufzustellen, bringt der sinnende Menschengeist bald zu Stande, aber ungleich schwieriger ist es, die wirklichen Verhältnisse damit zu durchdringen und umzugestalten. Das aufgehäuste Material der Vorurtheile mußte und muß erst gelichtet und hinweggeräumt werden. Neu-Verbaß, 15. December. Der ungarisch-israelitische Congreß. Ausgetobt haben nun die Wahlagitationen, welche Wochen lang die hierländischs, Judenheit in unbeschreiblicher Aufregung hielten und Es Interesse absorbirten. Geschlagen sind nun diezahlreichen, heißen Wahlschlachten in allen Theilen des Landes; doch nicht gelegt haben sich noch die hochgehenden Wogen der Leidenschaftlichkeit, welche die zu Gunsten des einen oder des andern Wahlcandidaten in den Gemeinden entstandene Parteienbildung hervorrief. Ungefähr fünf Wochen vor dem Wahltermin 18. November wurden in sämmtlichen Comitaten des Landes durch die Obergespäne (Comitatsleiter) Vertrauensmänner einberufen — so z. B. in dem Comitate meines Wohnortes gegen 60. — Diese Vertrauensmänner bildeten aus ihrer Mitte die Central-Wahlcommission für das Comitat — hier z. B. aus 42 Mitgliedern bestehend. — Die Centralcommission traf sodann sämmtliche Vorbereitungen für die Deputirtenwahl. Sie bestimmte die Wahlbezirke und Wahlorte, ließ die qualificirten Wähler conscribiren und gliederte sich schließlich in so viele Bezirkscommissionen, als Deputirte in dem Comitate zu wählen waren, welche Subcommissionen, in Verbindung mit der als Testimonium legale belegtsten Gerichtsperson, den Wahlact zu leiten, respective zu überwachen berufen waren. Als einmal das Terrain abgesteckt war, begannen überall die Wahlagitationen. Da platzten die Gegensätze — Fortschritts- und Stabilitätspartei — aufs heftigste auf einander; alle edlen und unedlen Leidenschaften wurden entfesselt und an vielen Orten nicht bloß alle loyalen, sondern selbst illoyale Mittel in Anwendung gebracht, um nur den Parteicandidaten aus der Wahlurne siegreich hervorgehen zu sehen. Widerwärtig war es da für den Gebildeten zu sehen, wie sich vieler Orten unberufene, oft ganz ungebildete Männlein zu Canditaten aufwarfen, ja völlig aufdrängten und, auf ihren Geldsack pochend, alle Minen springen ließen, um sich die Ehre zu verschaffen, ein, wenn auch nur passives Mitglied des Congresses zu werden. Doch auch zahlreiche Berufene betraten die Arena oder wurden hiezu aufgefordert.