Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 53 (29.12.1868)
- Date
- 1868-12-29
- Page
- Seite 1045 (sequence 3)
- Language
- German
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Und wie vieles ist seitdem davon geschwunden, selbst wenn noch hier und da der Nachgeschmack dieser Bitterkeiten sich uns fühlbar macht. Nichts war so absurd, so grotesk und lächerlich, was man dem Judenthume nicht zutraute und zuschrieb. Sein Gott war ein Rache- und Zorngott, vor dem nur knechtische Furcht bestand, ein Nationalgott, der sein Volk mit Stolz und Hochmuth erfüllte; Betrug, Tücke, Haß und Rache sollte das Judenthum im Schoße seiner Sittenlehre tragen und seinen Bekennern gestatten, wenn nicht einflößen; bei den Eiden der Juden glaubte man sich nicht genug vor r686rvutjon68 msntuleZ hüten zu müssen; sie seien unter einander aufs Engste verbunden gegen alle Welt um diese zu überlisten; ihre gottesdienstlichen und häuslichen Gebräuche waren alle Gegenstand des Spottes, des beißendsten Hohnes; die Juden wurden für anmaßend und zudringlich, für kriechend und sclavisch, für vorlaut und verschmitzt, für hoffärtig und gemein gehalten; es gab große Massen, welche ihnen die von der mittelalterlichen Berfolgungssucht erfundenen scheußlichen Mährchen wohl zutrcmleu. Alle diese bewußten und unbewußten Vorurtheile verschlosien den Juden hundert Wege des wirklichen Lebens und jeden gesellschaftlichen Verkehr. Es ist ein Glück, daß die Gewohnheit die Empfindung der Uebel abschwächt, daß das rechte Bewußtsein einer Lage erst kömmt, wenn man zum größten Theil aus ihr befreit ist, sonst würden zahllose Juden von jenen Verhältnissen erdrückt und zur Verzweiflung getrieben worden sein. Es versteht sich von selbst, daß auch bei den Juden Vorurtheile gegen Christenthum und Christen genügend vorhanden waren, die gegenwärtig selbst aus der Masse fast ganz geschwunden. Das freilich können wir, die Hand auf dem Herzen, versichern, daß von eigentlichen Haß- und Rachegefühlen — es sei denn im Einzelfalle einer besonderen persönlichen Verletzung und Schädigung — gegen die Christen bei den Juden keine Spur gewesen. So weit unsere Erinnerung in unsere Kindheit zurückgeht, haben wir dergleichen niemals, auch bei ungebildeten und rohen Juden und bejahrten Leuten nicht wahrgenommen. Allerdings fand so viel Kälte und Entfremdung seitens der Juden gegen die Christen statt, daß eine Annäherung sehr erschwert ward. Aber jede Freundlichkeit, jedes Wohlwollen von Christen fiel in die Gemüther der Juden wie auf den fruchtbarsten Boden, und erweckte eine Hochachtung und Dankbarkeit, die im umgekehrten Falle selten gefunden ward. Dagegen waren die Vorurtheile gegen das Christenthum selbst, gegen seine Dogmen, Symbdle, seinen Cultus und was dazu gehörte, so besonders gegen die christlichen Geistlichen ausnehmend stark; sie erschienen selbst uns Kindern nahezu als Abgötterei, von der jede Berührung schon Schaden an der Seele bringt und eine Verletzung der eigenen Religion enthält. Ungern weilten wir Kinder in der Nähe einer Kirche; ungern vernahmen wir die Gesänge und Klänge, die aus ihnen drangen; ungern begegneten wir einem christlichen Geistlichen in seinem Ornate; ungern befanden wir uns in der Nähe eines Crucifixes oder nur eines Kreuzes, und wir eilten so schnell wie möglich aus ihrer Umgebung; ein sg. Neues Testament, ein christliches Gesangbuch wurde von uns nicht berührt, einem christlichen Lehrer, wenn wir einen solchen hatten, standen wir fremd und bedrückt gegenüber, vor einem christlichen Beamten voll Angst und Schrecken; die christliche Sittenlehre wurde uns von den Fäusten und Schimpfworten des unerwachsenen und erwachsenen Pöbels so fühlbar beigebracht, daß der Begriff derselben kein sehr lauterer sein konnte. Und dieß Alles in den erleuchtetsten Gegenden Norddeutschlands. Man kann sich denken, wie es weiter ostwärts aussah. Aber genau erwogen kann man es nicht verbergen, daß auch unter den Juden selbst gegen einander viele Vorurtheile herrschten und vielleicht sind diese gegenwärtig noch weniger gewichen. Freilich war man in Nöthen und im geselligen Verkehr ganz auf einander angewiesen, und Zutraulichkeit und Hülfeleistung waren stets und überall bereit. Aber es fehlte an der inneren Achtung und Pöerthschätzung. Leicht erklärlich. Nur die talmudische Gelehrsamkeit und strengste Frömmigkeit machten eine Ausnahme und flößten Ehrfurcht ein. Andrerseits vermochte selbst der Reichthum den Juden vor Juden keinen Respekt zu erwirken, und höchstens wurde dem Reichen in seiner Gegenwart Nachgiebigkeit erwiesen. 53*