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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-12-29 · Heft 53 (29.12.1868) · p. Seite 1044

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 53 (29.12.1868)
Date
1868-12-29
Page
Seite 1044 (sequence 2)
Language
German
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schien darum den Anderen sonderbar und bald feindselig. Was einmal aufgekommen, wurde geglaubt, und von der erhitzten Phantasie vergrößert und vermehrt. Das erbte sich nun fort von Geschlecht zu Geschlecht und nur seltene Geister erhoben sich darüber, die uns eine auffallende Begegnung verschaffen, wenn wir auf sie stoßen. Das siebzehnte Jahrhundert mit seinen mörderischen Kämpfen und seiner Verwilderung räumte nichts davon hinweg, konnte ja kaum den überall lodernden Scheiterhaufen der Hexen steuern. Die große Arbeit des achtzehnten Jahrhunderts bestand darin, im Großen und Allgemeinen die Vorurtheile des Geistes zu lichten; aber im Realen blieben sie noch in v-ller Wirksamkeit. Es war der Menschheit die Ahnung aufgegangen, daß es eine Gleichheit aller Menschenkinder gebe, vor welcher alle jene trennenden Unterschiede, alle jene grauen Zwischenmauern und Schranken fallen müßten, welche die Hand der Unvernunft aufgerichtet und nunmehr die Hand der Vernunft zu zerstören hätte. Aber vom Gedanken zur That, vonl Allgemeinen zum Einzelnen ist ein weiter Weg, und es waren immer noch die zu zählen, welche auch diesen zurückzulegen vermochten. Wie aufgeklärt im Geiste war ein Friedrich II., und wie streng hielt er im Leben Vorurtheile aufrecht, welche jetzt wie Schatten vor dem Lichte verschwunden sind! Und auch hierin ist er ein Typus seiner Zeit. Die geschichtlichen Ursachen, durch welche in unserer Zeit die Vorurtheile mit verhältnißmäßig großer Schnelligkeit theils gewichen, theils im Weichen begriffen sind, lassen sich nicht schwer Nachweisen. Vor Allem ist es die innere Befreiung des Geistes, welche durch großartige Impulse geweckt, einen raschen Fortgang nahm und durch ihre eigne Natur dazu gebracht wird, nach der Hinwegnahme der erste Hülse die folgenden mit immer größerer Entschiedenheit zu fassen und zu zertheilen. Aus dem unabweislichen Bedürfniß entsprangen die furchtbaren politischen und socialen Erschütterungen am Ende des vorigen Jahrhunderts, und wo so vieles Veraltete, Verlebte und Drückende zertrümmerte, da brachen auch andere kleinere Vorurtheile von selbst zusammen, und die einmal hervorgebrachte Bewegung schob eine Menge alten Gerölles von dem Sonnenhügel des Lebens in die dunklen Schluchten der Nacht hinunter. Die gewaltigen Staaten- und Nationalkämpfe am Anfang unsres Jahrhunderts rüttelten die Völker Europas untereinander und brachten sie in Fluß. Was sich seitdem hieran knüpfte, brauchen wir nicht aufzuführen. Die Wissenschaft, die kritische Forschung, großartige Entdeckungen und Erfindungen, die allgemeinere Verbreitung von Kenntnissen, der Aufschwung der Industrie und des Handels, brachten in Verbindung mit den neuen politischen Institutionen die Völker, die Menschen, das ganze geistige und gesellschaftliche Leben in immer engeren Zusammenhang, in den umfassendsten Verkehr, und deckten gleichsam alle Hüllen von allem Verborgenen und Besonderen, auf: es giebt keine Geheimnisse mchr, es steht alles im Lichte der öffentlichen Meinung,- dH allgemeinen Kenntniß da — und gegen den, welcher nichts mehr zu verbergen hat und verbirgt, kann ein Vorurtheil keinen Raum mehr behalten. Man verstehe uns nicht falsch. Wir meinen nicht, daß unter den Menschen die Verschiedenheiten und die Gegensätze aufhören, daß die großen historischen Unterschiede und Widersprüche nicht ihren wesentlichen Grund in der menschlichen Natur selbst hätten, und darum ihren dauernden Bestand behalten werden. Im Gegentheil; je schärfer das Licht auf diese fällt, desto schärfer treten auch diese Gegensätze und Verschiedenheiten hervor, und jene gutmüthigen Versuche, den Menschen einzureden, daß es solche gar nicht gebe, und daß ein wenig guter Wille Alles ausgleichen würde, halten vor der richtigen Erkenntniß nicht Stich. So leicht wird es dem Menschen nicht, und er würde dabei auch nur verlieren. Denn der Mensch soll in seiner Meinung und für sie leben, kämpfen und opfern. Das Geschrei, das man noch vor einiger Zeit oft vernahm, von der Nivellirungssucht unsrer Zeit, von ihrer Gleichmacherei und Marklosigkeit, dieses Geschrei ist verstummt, und wird nur allzusehr von dem Parteigeschrei aus demselben Munde übertönt. Aber es ist ein ganz Anderes, sich der Gegensätze und Differenzen zwischen den streitenden Meinungen und Parteien bewußt zu sein und auf die wirklichen Verschiedenheiten und Widersprüche loszugehen, als Alle, die nicht mit uns sind und nicht zu uns gehören, im Schwefelpfuhle der Vorurtheile und Gehässigkeiten oder in der Finsterniß der Rohheit, Unsittlichkeit, Schlechtigkeit und Unbildung zu glauben oder glaubhaft machen zu können. Dies findet nicht mehr statt, und kann nicht mehr durchgeführt werden; solche Dinge vermögen selbst die gewissenlosesten Extremen nur noch einer sehr kleinen Schaar beizubringen, und machen sich dadurch eher verächtlich und lächerlich als gefürchtet. Doch müssen wir hier noch die eine Bemerkung machen, daß allerdings während des Prozesses, durch welchen von Jemandem das ihn bis dahin belastende Vor-

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