Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 52 (22.12.1868)
- Date
- 1868-12-22
- Page
- Seite 1034 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Düren) 8. Dec. Auch wir wissen vondemOrcan zu erzählen, welcher in der Unglücksnacht von Sonntag auf Montag tobte: die eben neuerbaute Synagoge ist fast gänzlich zusammengestürzt. Aus Thüringen, im Novbr. (Privatmitth.) Die Berichte Ihres Wiener Correspondenten erfüllen mich mit Freude, daß die Wahrheit ausgesprochen wird, und mit Betrübniß zugleich. Man sieht, wie innerhalb der Gemeinden überall der Mittelmäßigkeit der Vorzug gegeben wird, besonders, wenn sie mit dem Mäntelchen der Orthodoxie und mit einigen abgelernten Sprüchen unserer Weisen einen sogenannten festen Glauben bekunden. Welch unsäglicher Schade erwächst daher dene Judenthume! wie werden alle tüchtigen Kräfte ferngehalten sich dem Lehramte desselben zu widmen, da sie an ihren Vorbildern sehen, daß selbige wohl bewundert und nöthigenfalls auch zur Hülfe benutzt werden, im großen Ganzen aber in ihrer Wirksamkeit keine Unterstützung finden. Warum sind die Söhne aller unserer neueren Coryphäen nicht in die Fußtapfen der Väter getreten? haben doch von jenen Einige bereits erwiesen, daß sie etwas leisten können? Sie würden gewiß die Entwicklung des Judenthums vom historischen Standpunkte 'gewollt und erstrebt haben, aber sie sehen in den Gemeinden Bestrebungen die Oberhand gewinnen, welche den Mann von Geist und Character anekelr! Die Freizügigkeit hat in alle größern Orte eine Menge Persönlichkeiten gebracht, die sich alldort Vermögen gesammelt haben und damit nun auch Einfluß erstreben. Aller Wissenschaftlichkeit bar und ledig, in ihrer Lebensweise schon so weit gekommen, daß sie Schinkenessen gleich Aufklärung erachten, wollen sie doch im Angedenken der orthodoxen Jugend, sehr häufig aus dem falschen Glauben, dadurch die Religion zu stärken, so ein orthodoxes Männchen an der Spitze, das nicht sie übersieht, sondern gleich ihnen dem edlen Schlendrian huldigt. Was haben diese herrlichen Männer geleistet, die in den letzten Jahren zu den Rabbinatsstellen berufen worden? Sie kauen an den Federn und langweilen mit ihren Predigten die Hörer! Wenn das so fortgeht, so wird es sich furchtbar rächen. Ihr Leutchen, die ihr die Orthodoxie gewähren lasset, zu Hause aber mit euren Kindern Schinken esset und von jüdischer Literatur und wirklicher religiöser Ausbildung denselben Nichts zukommen laßt, ihr bedenket nicht, daß ihr damit eure Kinder zum Unglauben und zur Abwendung vom Glauben erzieht. Die Ceremonien und häuslichen Tugenden, welche unsere Väter an den Glauben knüpften, sind euch abhanden gekommen und das feinere, geschichtliche und wissenschaftliche Verständniß des Judenthums haltet ihr fern; was soll daraus werden? Ihr wackelt bequem in der Gegenwart, thut euch groß, in eurem Aberwitze und sorget nicht für die Zukunft! Um ihr Gewissen zu beschwichtigen, schaffen sie ein Rabbinercollegium, dem freilich keine Fragen vorgelegt werden, und meinen damit besser für den Glauben gesorgt zu haben, als wenn sie diejenigen an die Spitze berufen, die durch Erfahrung und Kenntnisse, Talent und erprobten Willen nach innen wie nach außen einzig und allein das Judenthum zu Ehren gebracht haben. Wir mögen nicht glauben, daß eben die Herren Bankiers und Industriellen, die manchmal nicht richtig Deutsch sprechen, meinen, daß sie das Judenthum repräsentiren und die Förderung in staatlicher Beziehung herbeigeführt haben! Als diese Herren noch in ihren fernen heimathlichen Gefilden weilten, haben die Männer der Wissenschaft für sie gekämpft und gestritten, um ihnen in Deutschland wie in Oesterreich und Rußland eine Heimath und Freiheit zu erlangen. Und noch heute werden die Männer von ihren Mitbürgern höher geschätzt, die sich durch geistiges Streben auszeichnen, als diejenigen, welche sich im eitlen Prunk und Staat überallhin vordrängen, — nur die Juden misgönnen ihnen häufig diese achtungsvolle Stellung und daher — die Beisciteschiebung der Capazität, welche natürlich nicht speichelleckerisch und kriechend sich ihnen nähern wird. Es ist stets am besten klar sich die Uebelstände vor die Seele zu führen, um zur rechten Zeit zu mahnen und zu warnen. Wollt ihr eure Kinder und Enkel in der Liebe zum Judenthum erhalten, so wisset, daß nur die Vereinigung des ästhetisch Schönen mit dem Ethischen und Religiösen einen Bestand schaffen kann — sonst erlebt ihr Zeiten des Abfalls. Habt chr nicht mehr die Tugenden der Vorväter, so laßt auch fahren, was uns von ihnen als nicht zeitgemäß überkommen, ehret Wissenschaft und Geschichte, sonst geht sie über euch zu Gericht.