Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 51 (15.12.1868)
- Date
- 1868-12-15
- Page
- Seite 1029 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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dem, der dann empfindet, daß er nicht schlimmer geworden!... Ich hatte sorgfältig Alles auf einen nahen kleinen Tisch gelegt, um bis auf den Boden der Schublade zu gelangen. Da lag auf diesem Boden ein Bogen grünen lackirten Papiers. Ich glaubte, die liebe Tante hätte, ihrem Geschmacke zu genügen, diesen zu unterst gebreitet, um so ihre kleinen Heiligthümer von oben und unten mit ihrer Lieblingsfarbe zu bedecken, die ihr jedenfalls ein besonderes Symbol bedeutete. Ich hatte mich geirrt; denn als ich den Bogen aufnckhm, sah ich, daß er nur eine Enveloppe vorstellte, deren Enden sorgfältig mit Nadeln zusammengesteckt waren. Ich entfernte diese, und erstaunte sehr, als ich in dieser Hülle — ein weißes Blatt Papier fand — nichts weiter ... Ich sah das Blatt wiederholt von der Vorder- und Rückseite an: keine Schrift, kein Zeichen darauf. Ich suchte genauer nach, nichts lag dabei, was die Bedeutung dieses Blattes kundgeben könnte, während doch bei allen anderen Stücken deren Sinn deutlich angegeben war. Nach der Art und Weise der Verstorbenen mußte auch dieses Blatt einen für sie hohen Werth haben, aber welchen? Es war einer jener feinen und starken holländischen Briefbogen von gelblicher Farbe, die vormals in großer Gunst standen, und besonders auch zu Urkunden und Documenten gebraucht wurden. Ein leeres Blatt Papier aus längst entschwundener Zeit mit solcher Fürsorge und Heilighaltung aufbewahren, kann nur der, für welchen sich die Erinnerung an ein außergewöhnliches Ereigniß, an eine verhängnißvolle, entscheidende Begebenheit daran knüpft. Diese Gedanken gingen mir durch die Seele, als ich lange dastand und das leere Blatt Papier anstarrte. Theurer, verklärter Geist, fragte ich mich, was willst Du mir durch dieses weiße Blatt verkünden, was mir erzählen und berichten? Meine Tante war nie vermählt gewesen; daß sie schwere Leiden, harte Kämpfe durchgemacht, sprach ihr ganzes Wesen aus und deutete sie selbst bisweilen an, wenn sie andere leiden und kämpfen sah, und sie ermuthigen und stärken wollte. Wenn wir einem Freunde begegnen und sehen in sein Antlitz, und gewahren es, wie nie zuvor,, kummervoll, schmerzdurchfurcht — da ergreifen wir seine Hand, und fragen mit tiefem Mitgefühl: was ist dir geschehen? was ist dir zugestoßen? Sag' es mir, schütte dein Herz vor mir aus! Sv stand jetzt die Tante vor mir und ihr ehrwürdiges Angesicht trug Spuren heißer Thränen, tiefen Grames, überwundener, aber immer noch schwer gefühlter Schmerzen — und ich streckte ihr das weiße Blatt Papier entgegen, und sprach dringend und immer dringender zu ihr: theile mir doch den Kummer deines Lebens mit, der dich zu veröden drohte, aber es gelang ihm nicht; beschreibe mir den Sturm, der über dein jugendliches Haupt hinbrauste, vielleicht die Blüthen an den Zweigen deines Stammes abriß, aber doch nur erst, als sie bereits Fruchtkeime angesetzt, o, zu köstlichen Früchten, an denen sich drei Geschlechter gelabt! . . . Es ward mir keine Antwort — und ich begann den Inhalt der Schublade wieder in dieselbe einzuordnen, sorgfältig, wie er darin gelegen hatte. (Fortsetzung folgt.» Dokumente über die erste Niederlassung der Juden in England unter Cromwell. Von Dr. Martin Philippson. (Schluß.» Dann sang ein hübscher Bursche, der in der Mitte der Synagoge stand und nach dem Gesetze sah, allein einen langen Wechselgesang mit der Geineinde, darauf kam ein langes Bittgebet, »velches der feierlichste Theil vom ganzen Gottesdienste war; sie sprachen es alle stehend (denn sie knien nie» zusammen, niit dem Gesichte nach Osten, oft alle zugleich sich verbeugend; es bestand theils aus einer Klage über die lange Zerstörung ihrer Stadt und ihres Tempels, theils war es ein Gebet für das Kommen des Messias und ihre Wiedereinsetzung (meinem Rabbiner Dank für die Erklärung»: „Zion ist ein gepflügtes Feld geworden und Jerusalem zu einem Steinhaufen gemacht; deine Knechte sinken auf seine Steine und sic trauern, es im Staube zu sehen; unser altes und schönes Haus, in dem unsere Väter dir dienten, liegt verödet; darum, o Herr, führe uns hinweg von den Heiden; gedenke Abrahams, Isaaks und Jacobs, gedenke Deiner Verheißung, die Du unseren Vätern gethan, in unserer Zeit, in unserer Zeit, o Herr rc." Ich gestehe, daß, als ich so auf sie blickte und ich mich der Wunder erinnerte, die Gott für ihre Väter in Egypten gethan, und wie sie die Stimine Gottes mitten aus dem Feuer des Sinai sprechen gehört, und wie Abraham zum Freunde Gottes auserwählt worden, da ward ich seltsam, ganz sonderbar und ungewöhnlich bewegt und tief gerührt; Thränen standen in meinen Augen, als ich diese verbannten Söhne Israels in ihrem alten Gewände, aber in einem fremden Lande stehen sah, wie sie sorgfältig nach Osten nach ihrem eigenen Lande hin blickten, ihre Sünden und die Sünden ihrer Vorväter bekannten, sich demüthigten und vereint sich verneigten (sie thaten dies oft während des Bittgebetes» vor dem Gott ihrer Väter, der gewiß sie oder ihre Nachkommen besser erhören wird, als sie es »vünschen, ihre Augen öffnen und sie den wahren Messias, der seit lauge gekommen, sehen lassen wird, denselben, den ihre Väter kreuzigten, und sie werden trauern über ihn und zu ihm geführt werden, in ihr eigenes Land. Danach las zum Schluffe der Priester gewisse ausgesuchte Verheißungen ihrer Wiedereinsetzung, wobei sie große Freude durch