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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-12-15 · Heft 51 (15.12.1868) · p. Seite 1028

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 51 (15.12.1868)
Date
1868-12-15
Page
Seite 1028 (sequence 18)
Language
German
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1028 neues schönes Kleid und an unseren Geburtstagen irgend ein nützliches Geschenk, dessen Ausstattung uns zugleich großes Vergnügen machte. Doch wenn ich von allem dem erzählen wollte, wann würde ich enden? Sie hatte mich sehr geliebt, und ich mußte gegen ihr Lebensende viele Stunden an ihrem Bette verbringen, und ihre erkaltende Hand lag in der meinen. Sie hatte wich znm Universalerben eingesetzt. Als die ganze Familie versammelt war, um ihr Testament vorlesen zu hören, und dessen erster Artikel dies mit bestimmten und durchaus nicht zweideutigen Ausdrücken besagte, sahen die Gesichter aller Anwesenden sehr enttäuscht, manche sehr bestürzt aus; sie wandten sich von mir ab, und nur einige Wenige, welche wegen ihrer sehr entfernten Verwandtschaft wohl nichts für sick erhofft hatten, nickten mir freundlich und wie zustimmend zu, als ob sie sagen wollten: das haben wir erwartet, und es ist auch recht. Ich gestehe offen, ich dachte wenig an die Bedeutung dieses Artikels, ich hatte nur auf die Worte gehört, in die er gekleidet war, und die so viele Lieb? und Innigkeit für mich ausdrückten, daß der Gedanke des Verlustes keinen Gedanken des Gewinnstes aufkommen ließ. Nun erfolgten viele andere Artikel, und da waren so viele Legate und Geschenke ausgesetzt, Niemand vergessen, Jedermann befriedigt, so weit es ging, daß, als die Masse ausgeschüttet ward, für mich, den Universalerben, nur wenig übrig blieb. Sie mochte wohl nicht genau gerechnet haben, aber sehr genau wissen, daß ich nichts dagegen einzuwenden hätte. Ich hatte es so bestimmt erwartet, sie werde keinen ihrer Freunde vergessen, daß ich mich nur getäuscht gefühlt hätte, wenn es anders gewesen. Jetzt stand ich vor ihrem geöffneten Schranke. O, was war dies für ein schöner alter Schrank aus Nußbaumholz, glänzend lackirt — natürlich in grünlicher Farbe — mit feinen bunten Arabesken, die Füße gewunden, ein vielgestaltetes Gesimse droben, gekrönt von chinesischen Porzellanfiguren, zwischen denen rothwangige Aepfel prangten! In dem Schranke waren nur offene Fächer, und blos das unterste Fach von einer verschließbaren Schublade ausgefüllt. In den Fächern lag weißes glänzendes Linnen, mit grünseidenen Bändchen umknüpft, Silbergeräth, silberne Becher zum Sederabend, zu welchem immer zahlreiche Familienglieder geladen waren, ein antikes Gewürzbüchschen, ein dito Chanukaheisen von Silber u. dgl. m. Ich hatte jetzt die Schublade aufgeschlossen und herausgezogen. Im Innern war diese Schublade durch eine hölzerne Wand in zwei Abtheilungen gebracht. In der einen lagen unter einander geworfen Briefschaften, Scheine, Rechnungen, Quittungen rc. Ich nahm einige auf, las einige Briefe, und erkannte bald, daß es gleichgiltige Dinge wären, hier nur für einige Zeit aufbewahrt, so lange sie einige Geltung hätten. Anders mit der anderen Abtheilung. Zu oberst befand sich ein grünseidenes Deckchen, mit gelber Litze in Form eines sogenannten Davidsschildes, das von zwei goldgestickten Löwen gehalten wurde. Jsh kannte es wohl, es war das Sabbathdeckchen für die Sabbathbrode zum Segensspruch. Wie oft hatte ich es gesehen an jenen traulichen Freitagabenden, wo der Hauch des frommen Geistes durch die von der Woche ermüdeten Seelen weht! — Ich nahm es auf, mit der Erwartung nunmehr in das stille Heiligthum zu blicken, welches das Herz der verklärten Frau aus ihren Erinnerungen sich gebaut hatte. So war es auch. Da lagen in zierlicher Ordnung neben und über einander Andenken aus allen Zeiten ihres Lebens. Wie eigen ist es doch, dergleichen Kleinode eines geliebten Menschen nach dessen Tode anzuschauen und in seine Hände zu nehmen, Kleinode, die ihren Werth allein von den Gedanken und Gefühlen ihres ersten Besitzers und Sammlers erhielten, und nun sind diese Gedanken und Gefühle für immer entflohen und für uns gar nicht vorhanden! Es sind dies keine verwelkten Blumen, die, wenn wir sie ergreifen, zerstäuben und achtlos aus unsrer Hand zu Boden fallen — es find Muscheln, vom Strande aufgelesen, mannichfaltig an Form, Farbe und Zeichnung, aber leblos, versteinert, und doch wissen wir, daß sie Erzeugnisse eines lebendigen Wesens waren, das auf immer entschwunden ... Ich nahm eines nach dem andern mit einem eben so wehmüthigen wie andächtigen Gefühle. Sie waren an Kärtchen befestigt, auf welchen meine Großtante mit kurzen Worten ihre Bedeutung geschrieben. Meine Großtante schrieb und laL,nur Mdisch-deutsche Schrift; sie schrieb diese sehr inccMect, Hber in zierlichen und wohlgeordneten Buchstaben. Mo nMen ihre Charactere leicht zu lesen und doch schwer zu verstehen. Dies gehörte dazu. Da war eine Schaumünze, die sie von ihrer Großmutter erhalten, als sie zwölf Jahre alt geworden; das Datum der Münze ging über ein Jahrhundert zurück. Da war ein Dukaten, das letzte Geschenk ihres Vaters. Da waren kleine Stickereien, Nippes und Schmucksachen, verblaßte Schleifen, u. dgl. mehr, Spenden von längst verstorbenen Freundinnen und Verwandten; Geberinnen und Empfängerin waren der Verwesung anheimgefallen und was sollte ich, noch mehr, was sollten künftige Geschlechter damit anfangen? Die Alten legten solche Andenken der Asche des Heimgegangenen mit in die Gruft. Da waren sie wohl aufgehoben. Auch einige Briefe fanden sich von Neffen, Nichten und anderen kleinen Lieblingen. Darunter auch einer von mir, der erste Neujahrswunsch, den ich nach dem Tode meiner Eltern an die gute Tante zum Rosch- Haschanah gerichtet. Er war ausnahmsweise mit einem grünseidenen Bändchen zugebunden und dieser Beweis ihrer Liebe brachte'reichliche Thränen aus meinen Augen, Thränen, die mich sehr trösteten. Auch das ist ein sonderbares Gefühl, das uns beschleicht, wenn wir unsre eigne Handschrift aus längst verflossener Zeit erblicken. Wir erscheinen uns da selbst wie vergangen, und fühlen niemals mehr, daß wir anders geworden, anders selbst als wir damals zu werden versprachen. Heil

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