Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 51 (15.12.1868)
- Date
- 1868-12-15
- Page
- Seite 1027 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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<55R <% f V J-V ##'*§'H VW aIHV Femlleton-öeilage jit Ar. 51. Leipzig, den 15. December 1868. Ein weißes Blatt Papier. Ich stand vor dem geöffneten Schranke meiner Großtante, die vor wenigen Tagen verschieden war. Sie war heimgegangen, wie sie gelebt, ruhig, sanft , mit einem milden Lächeln um den bleichen Mund, mit einem milden Blick in den brechenden Augen. Sie starb ohne eigentliche Leiden und Schmerzen, ohne krank gewesen zu sein, einfach an der Abnahme ihrer Kräfte. Sie war hochbetagt; denn sie ragte schon in meine Kindheit — und ich war jetzt im beginnenden Mannesalter — als geliebte und verehrte Greisin hinein. Ihr Alter blieb uns unbekannt; es war eine ihrer wenigen Schwächen, die Zahl ihrer Lebensjahre nicht richtig anzugeben; früher mochte sie wohl zu viel an die Vergangenheit, später an die Zukunft gedacht haben, und man behauptete, daß sie deshalb früher sich für jünger, später für älter ausgegeben, als sie wirklich gewesen. Dies that aber der Verehrung, die wir für sie hegten, keinen Abbruch. So weit ich zurückdenke, war sie der Mittelpunkt der ganzen Familie, das Band, das alle die zahlreichen Glieder derselben enger an einander knüpfte, und bis zu ihrem Tode fanden sich, auch als sie in den letzten Jahren ihr Lager nicht mehr verließ, am Sabbath und Festtage Vormittags alle Männer, Nachmittags alle Frauen der Sippschaft bei ihr ein, und wo sie athmete, da vermochte kein Mißklaug aufzukommen, und wollte einmal die Fluth zu höheren Wellen aufschlagen, brachten ihr Wort und ihr Blick sie bald wieder zum ruhigen Schwellen und Sinken. Sie war sehr fromm und übte alle Gebräuche mit strengster Gewissenhaftigkeit, aber auch mit einer Weihe und Inbrunst, daß sich auch der Gleichgiltigste und Gemüthloseste davon ergriffen und in eine Atmosphäre der Heiligkeit versetzt fühlte. Da ich als Knabe oft. uud lange bei ihr verweilte, ward der Eindruck, den ich hiervon empfing, ein sehr tiefer, ja zur Wurzel meiner ganzen Anschauung und religiösen Ueberzeugung. Was Wunder, daß sie daher auch die Mildthätigkeit, die Aufopferung und Hingebung selbst war — und da sie in ihrem tiefen Gemüthe unbewußt den Maßstab für alles Gute und Rechte besaß, so schaute sie immer klar in alle Lebensverhältnisse. Ohne sich jemals aufzudrängen, war sie längst der Gewissensrath ihrer ganzen Umgebung, und in jeder Bedrängniß nahm man seine Zuflucht zu ihr, zu ihrem Rache und Urtheil, zu ihrer Mithilfe oder wenigstens Fürsprache. Wie verklärt stand ihr Bild vor meiner Seele — die hohe Gestalt, etwas hager, aber nicht abgemagert, das Haupt erhoben, voll Würde, aber ohne Stolz, denn ihre Züge waren stets voll Huld und Güte, und aus ihren grauen Augen blickte ein Himmel von Milde und Menschenfreundlichkeit. Eigen war ihr die Vorliebe für die grüne Farbe. Am Sabbath und Fest erschien sie immer in grünseidenem Kleide, und die goldene Haubenmütze, mif echten Kanten besetzt, auf dem Kopfe, das letzte Exemplar dieses ererbten Kopfputzes in der Gemeinde. Ich stand vor ihrem geöffneten Schranke, vor der aufgezogenen Schublade im unteren Fache, und blickte hinein. Sie hatte mich zu ihrem Universalerben eingesetzt, und ihr Vermögen war ein beträchtliches. Sie hatte mich so sehr geliebt und mir so unendlich viel Gutes gethan. Ich war früh eine vater- und mutterlose Waise geworden, und hatte keine Geschwister. Meine Eltern hatten mir genug hinterlasien, um meine Jugend versorgt und meine ersten Schritte auf meiner Lebensbahn gesichert zu wissen. Wo aber war der Schatz von Liebe, von mütterlicher Zärtlichkeit und väterlicher Fürsorge, von dem das Kind mehr bedarf, als der Speise und des Tranks und der Kleidung und der Wohnung? Ich hätte ihn nie haben können, nie mich davon groß nähren und sättigen können, denn er lag ja unter dem Grabhügel verborgen — wenn nicht das Herz meiner Großtante mir diesen unschätzbaren Reichthum in gleichem Maße bewahrt hätte. Sie spendete mir davon mit vollen Händen, und ich war stets bereit, diese Gaben zu empfangen. Das Auge ihres Geistes wandte sich niemals von mir ab, und weder die Zeit noch die Ferne ließ ihn mich aus dem Gesichtskreise verlieren. Sie bewachte und leitete mich, und ich gewahrte dies immer erst, wenn ich danach verlangte, mich dessen zu gewissern. Die Großtante liebte es nicht, die Kinder mit Geschenken, Leckerbissen und dgl. zu gewinnen oder gar zu überhäufen. Ihr Wort, ihre Geberde, ein Streicheln der Wangen mit ihrer Hand waren ihre Mittel. Doch wenn die hohen Festtage kamen, erhielten wir Kinver ein