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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-12-15 · Heft 51 (15.12.1868) · p. Seite 1013

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 51 (15.12.1868)
Date
1868-12-15
Page
Seite 1013 (sequence 3)
Language
German
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1013 weg, sie beruhigen sich bei dem Erlangten, es wird still und tobt in ihnen. — Dies können wir auch mit vielfachen geschichtlichen Vorgängen erweisen. Als der Protestantismus sich vom Katholieismus gänzlich losgesagt, schraubte das Tridentiner Concilium die katholische Kirche noch bedeutend rückwärts, und die protestantische Kirche erstarrte a.uf der einmal formulirten Basis. Als sich in der letzkeren die lutherische,und die reformirte Kirche völlig von einander lvsgesagt, blieben beide hartnäckig in ihren Besonderheiten, und alle Bestrebungen der Unirung haben bis jetzt nur geringe und schwankende Erfolge erzielt. Mit der scharfen Trennung der Schiiten und Sunniten im Islam hörte bald die Entwickelung in beiden großen Theilen auf; in beiden kam eine muhammedanische Orthodoxie zur Herrschaft und erdrückte alles Leben. Seit Jahren arbeitet lnan in Paris an einer Fusion des deutschen und spanischen Ritus; das Consistorium selbst erwählte hierzu eine Commission: man hat von ihren Erfolgen nichts gehört, und käme die Ausgleichung auch in Paris zu Stande, schwerlich würde man in Amsterdam, London, New-Aork und Constantinopel das Resultat annehmen. Mit einem Worte: jede religiöse Partei, die sich vorn ganzen Körper trennt, wird orthodox in ihrer Art, wird stabil und tobt; zerfällt ein religiöser Körper in getrennte Secten, so werden sie sämmtlich, jede in ihrer Art, orthodox, stabil und todt. Hätten die Saddueäer, Pharisäer und Essäer während ihres Bestandes daran gedacht, sich von einander wirklich zu trennen, so würden sie zwar einen längeren Bestand gewonnen haben, aber ihre Wiedervereinigung wäre so unmöglich gewesen, wie die der Karäer und Rabbaniten, denn sie hätten sich hineingesponnen, jeder in sein System, und wären darin erstarrt. In der That, nichts ist klarer, als daß durch eine entschiedene Trennung die weitere Entwickelung sowohl der Gesammtheit als auch der einzelnen Secten verhindert wird. Sie gelangen einzeln schneller zu einer konkreten Gestalt; dann aber ist es auch aus mit ihnen. Mögen hieraus die jüdischen Radikalreformer erkennen, daß es denjenigen, welche nicht mit ihnen gehen, welche einer durchgreifenden Trennung sich entgegenstellen, weder an Entschiedenheit noch an Energie fehlt, daß diese vielmehr ihre Motive aus einem höhern Gesichtspunkte ziehn, und über diese augenblicklichen Turbulenzen hinweg zu blicken vermögen. Kommen wir nun ‘ zu der practischen Seite. Wir haben niemals verkannt, daß es statthaft sei, wenn in sehr großen Gemeinden für die überaus verschiedenen Elemente derselben besondere gottesdienstliche Anstalten errichtet werden, wie sich dies auch bereits in Berlin und London, in Breslau und an einigen andern Plätzen nach und nach gemacht hat. Denn am Ende besteht eine Religionsgenossenschaft nicht allein als Ganzes, sondern die Individuen suchen in ihr Befriedigung ihres religiösen Bedürfniffes.. Aber schon für diese großen Gemeinden würde es mit sehr vielen Hemmniffen für alle größeren und tüchtigern Institute verbunden sein, wenn sich diese drei-, vier- oder mehrfachen Gottesdienste zu völlig getrennten Gemeinden constituiren wollten. Und nun ist dieser großen Gemeinden nur eine sehr geringe Zahl. Was würde aber aus den unzähligen mittleren und kleinen Gemeinden, wenn sie sich innerlich spalten und in dieser Spaltung getrennt bestehen wollten? Alle Theile würden verkümmern und nicht im Stande sein, sich zu erhalten. Aber was noch weit schwerer wiegt — ein ganz anveres ist es, ob in einer Körperschaft Parteien sich bekämpfen, oder ob sie sich gänzlich von einander trennen. Im ersteren Falle gleicht das Leben immer wieder die trennenden Momente aus und bricht den Feindseligkeiten die Spitze ab. Getrennte aber entfremden sich einander ganz; eine Kluft breiter sich zwischen ihnen aus, und selbst im wirklichen Leben erheben sich zwischen den einzelnen Anhängern der gesonderten Secten die größten Schwierigkeiten des Verkehrs und der Verbindung. Sv geschah es mit dem Geiste der Feindseligkeit zwischen den Karäern und Rabbaniten, und ohne den Geist der Feindseligkeit zwischen den beiden großen Riten. Wem daher das Judenthum wirklich am Herzen liegt; wem es nicht, wie den Parteiführern von beiden Seiten, daraus ankommt, aus den großen Schichten der mittleren Masse eine größere Schaar von Anhängern herauszuziehen: der wird von solcher Spaltung nichts wissen wollen und sie als ein Unglück, als eine große Gefahr für Judenthum und Judenheit ansehen. Denn über Alles ragt das Moment empor, daß wir eine Religion der Minorität, einer kleinen und in zahllose Bruchstücke zersplitterten Minorität bilden, auf welche von allen Seiten zersetzend eingewirkt wird, und die verloren ist, wenn sie ihren eigenen Boden unterwuhlt, wenn sie sich selbst zerstückelt, wenn sie, statt des Geistes der Zusammengehörigkeit, durch den sie allein ihren Bestand und ihre Wirksamkeit sichert, den Dämon der Spaltung und Feindseligkeit heraufbeschwört. Sie erreicht nichts, als ihren eigenen Untergang, zu befördern. 50*

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