Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 51 (15.12.1868)
- Date
- 1868-12-15
- Page
- Seite 1012 (sequence 2)
- Language
- German
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1012 WWW eine ähnliche Wirkung nicht. In politischer wie in religiöser Beziehung standen die Sadducäer und die Pharisäer sich schroff gegenüber, und bekämpften sich zuletzt auf Leben und Tod. Aber der Pharisäismus hatte seinen Boden in der gesammten Volksmasse, und mit dem Falle Jerusalems verschwanden die Sadducäer und damit der ganze Gegensatz. Die Spaltung der Hilleliten und Schammaiten bestand nur in den Schulen, also im Kreise der Gelehrten und ihrer Jünger. Beide standen auf demselben Boden und schieden sich nur im Character der Auslegung und darum in den einzelnen kasuistischen Entscheidungen. Politische Momente fehlten gänzlich; das Volk war davon gar nicht berührt. Der Ausgleich fand daher bald und allmälig statt, da die Praxis über das Schulgezänk hinwegging. — Anders war es wieder mit den Karäern. Daß zur Geburt dieser Abzweigung äußere reale Vorgänge beitrugen, ist gewiß; aber die wesentliche Ursache war eine Verschiedenheit der Anschauung über das Verhältnis; der Tradition zur Bibel. Im Judenthum konnte eine solche Verschiedenheit nicht bei Dogmen stehen bleiben, sondern hatte ihre wesentliche Bedeutung im praktischen Leben, im cultuellen, d. i. wirklichen Leben. Durch geschichtliche Umstände begünstigt, erhielt sich das Karäerthum in isolirten Winkeln, von denen es später schwache Schößlinge ausstreckte, nachdem es schnell eine konkrete Gestalt gewonnen hatte. Aber vergebens wollte es sich vom Talmudismus freimachen. Der Genius, welcher diesen geboren hatte, war zu stark, und hatte sich bereits zu sehr entwickelt und des Lebens bemächtigt, als daß das Karäerthum irgend einen bedeutenden Umfang gewinnen konnte und seinerseits nicht in denselben Weg der Entfaltung hätte verfallen müssen. Die Schrift selbst zwang es sich eine Exegese zu bilden, welche in ihm das Wesen der Tradition annahm. So verschieden es in einzelnen Dingen vom Talmudismus ist, so gleicht es in seinem Wesen diesem dennoch ganz. — Dieser Erscheinung gegenüber bietet die Trennung in verschiedene Riten, besonders den polnisch-deutschen und spanisch-portugiesischen, ein ganz anderes Bild. Sie entsprang aus dem Boden verschiedenartiger Nationalitäten, denen die Juden nahegekommen. Dies hatte zur Folge, daß die wesentliche Einheit des Judenthums von ihr gar nicht berührt wurde, daß sie nur nebensächlich in Gebeten und Gebräuchen bestand, die keine Sectirerei begründeten, doch aber in factischen Beziehungen sich sehr fühlbar machte. Wo beide Riten an einem Orte zusammentrafen, bildeten sie gänzlich gesonderte Gemeinden, ohne gemeinsame Institute, und unter ihren Anhängern fand wenig Verkehr und selten Verheirathung statt. An eine Verschmelzung dachte man selbst da nicht, wo der Ritus nur eine sehr kleine Seelenzahl besaß. Was folgt hieraus? Daß das Judenthum in allem Wandel der Zeit nnd trotz mannichfacher Richtungen, die sich in ihm von Epoche zu Epoche kundZaben, dennoch immer eine Einheit Meb, sich einen erüheitlichen Character bewahrte. Was sich von ihm abzweigen wollte, ging entweder unter oder verkümmerte.. Was gesondert in ihm bestehen blieb, betraf nur Äußerlichkeiten, welche für eine wesentliche Trennung nicht ausreichten. Ein so consequentes Ergebniß der Geschichte ist entscheidend für alle Zeit. Betrachten wir nun die Fragen zuerst aus einem höheren Gesichtspunkte. Was erfolgt aus einer Spaltung auf religiösem Gebiete für die höhere Entwickelung der Gesammtheit? Gerade das Gegeutheil von dem, was die Wortführer der Parteien vorgeben mögen. Die höhere Entwickelung wird dadurch behindert und aufgehalten, und hört bald gänzlich auf. In den getrennten Theilen steckt das Leben, und sie inkrustiren sich in den Formen und Formeln die sie einmal erlangt haben. Es ist dies theoretisch leicht zu erklären. Wenn nach längerem Stillstände in einer Religionsgenossenschaft das Leben wieder erwacht und eine freiere Geistesentwickelung wieder eintritt, so geschieht dies eben dadurch, daß in dem einen Theile eine andere als die bisherige Richtung entsteht, während in dem anderen Theile mit größerer oder geringerer Zähigkeit an dem Alten festgehalten wird. Alsbald tritt Streit und Widerstreit ein, es bilden sich mannichfaltige Schattirungen, die sich einander bekämpfen. Dies ist eben die Entwickelung. Der Kampf zwingt jede Partei, ihr Wesen zu begründen, zu sichten, festzustellen; sie thut dies, indem sie zugleich den Standpunkt des Gegners prüft und dessen Schwächen bloß- legt. Sv gährt und webt es im Innern des Gesammtorganismus, das Kranke und das Todte wird allmählich ausgeschieden; selbst die reactionäre Partei wird zum Fortschritt unbewußt genöthigt, und ein frisches und gesundes Leben nimmt im weiteren Verlauf wieder eine bestimmte Gestaltung an. Trennen sich aber die Theile, constituiren sie sich als gesonderte Körper, haben sie nichts mehr mit einander gemeinsam, hört hiermit Streit und Kampf gegen einander auf, indem sie neben einander fort bestehen: so bleibt auch ihre fernere Entwickelung