Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 50 (8.12.1868)
- Date
- 1868-12-08
- Page
- Seite 1008 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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1008 allen Seiten, und ging so zu seinem Platze und fiel in den Gesang aus seinem hebr. Gebetbuche so hart und laut ein, wie er konnte; denn Alles wird mit mächtigem Lärm von Anfang bis zu Ende, sowohl vom Priester wie vom Volke gesungen, nur einige Gebete wurden gesagt; und Alles geschah in der richtigen, wahren hebr. Sprache, wie mir mein Rabbiner später versicherte. Zu diesem Zwecke unterrichten sie ihre Kinder eifrig von ihrer ersten Kindheit an darin, indem sie besondere Schulmeister dazu haben, und vorzüglich ihr Gebetbuch können sie an den Fingern her sagen. Da war Keiner, der nicht sein geöffnetes Buch in der Hand gehabt, ungefähr von der Größe unserer Handbibeln. Ich sah in mehrere ihrer Bücher, da sie vor mir und neben mir saßen, ja ich konnte ganz deutlich sowohl Linien wie Buchstaben in des Priesters Buch, indem er las, sehen, so nah saß ich bei ihm, und alles waren die richtigen hebräischen Buchstaben, aber in allen Büchern ohne Punkte. Des Priesters Sohn, ein hübscher junger Mann, stand an dem" Tisch over Altäre allein, sang den ganzen ersten Theil des Gottesdienstes, der eine volle Stunde dauerte, alle Uebrigen sangen mit ihm, mit lautem und barbarischem Lärm; es waren hauptsächlich Psalmen Davids, mit einigen Gebeten untermischt, welche sie stehend und nach Osten sehend, und mit einem geringeren Lärm und im Tone nicht ungleich wie die Psalmen in unseren Chören gesungen werden, hersagten; aber ihr Psalmenlesen klang wie wir Balladen singen; und ich beinerkte, daß wenn die Edomiter, Philister oder irgend welche Feinde von David oder Israel erwähnt wurden, sie mit ihren Füßen so tüchtig ausstampften, daß die ganze Synagoge widerhallte. Zwei oder drei Hymnen sangen sie sehr melodisch, wobei sie alle aufstanden und nach Jerusalem hin blickten. Nachdem der erste Theil des Gottesdienstes beendet, den der Sohn des Priesters ausgeführt und der eine Stunde gedauert, trat für eine ziemliche Weile tiefes Stillschweigen ein; dann erhob sich der Priester und einer der vornehmsten Juden mit ihm und sie gingen mit ernstem, langsamem Schritt, uin das Gesetz Mosis zu holen, und als sie nach der Arche kamen, in der es aufbewahrt wurde, zog der Priester den Vorhang zurück, und indem er die doppelte Thüre öffnete, erschien das Gesetz; da erhob sich die ganze Gemeinde und verneigte sich gegen dasielbe, und der Priester und die mit ihm waren, blieben eine kleine Weile davor stehen und sangen einen Gesang. Das Gesetz war auf zwei großen Rollen auf sehr breitem Pergamente geschrieben (so sagte mir mein Rabbiner später, unv er theilte mir die Bedeutung von Allem mit, wovon ich sie zu wissen wünschte, so daß Ihr ihm Alles, was ich hier erkläre, zuschreiben müßt). Die eine Rolle war viel kleiner und enthielt das Buch der Genesis; die andere war drei Mal so groß und enthielt die anderen vier Bücher Mosis. Diese Rolle war so dick wie ein ziemlicher runder Pfeiler. Jede Rolle hatte zwei schöne Stäbe von schwarzem Holz, von denen je einer an einem Ende befestigt war, darauf war sie gerollt und in der Mitte begegneten sich die beiden Stäbe; und die Rolle war mit einer schönen blauen Schärpe umwickelt und darüber wurde eine Decke oder ein Sack von blauer Seide, mit blauseidenen Fransen am Ende gelegt, und auf die Spitze der oberen Rolle wurde gleichsam ein schöner Baum von Silber gesteckt, der voll von silbernen Klingeln hing, welche sie, wie mir mein Rabbiner sagte, Aaronsglöckchen 'üa-nten, und auf der Spitze der anderen Rolle wurde ein Stab befestigt, welcher künstliche Blumen trug, zur Erinnerung an Aaron's knospenden Staab. Der Priester nahm die beiden Rollen aus dem Schrein und übergab sie den Beiden, die mit ihm standen, welche, den Knopf der Stäbe in die Hand nehmend, sie ganz aufrecht hoch trugen, daß sie bis an ihre Schultern reichten; so kamen sie in feierlichem Zuge zurück, wobei sie das Gesetz trugen und eins der Gesänge Zions melodiös sangen <nur die Träger sangen): „Das Gesetz soll von Zion kommen" rc. Und als das Gesetz so vorbeigetragen wurde, verbeugten sich die Männer vor ihnen, und die, welche sie erreichen konnten, nahmen die Franse ihrer köstlichen Decke und küßten sie. Als sie dieselbe zum Altar gebracht hatten waren vier oder fünf damit beschäftigt, die Rollen auszupacken und abzuwickeln. Der Sohn des Priesters nahm Aarons silberne Klingeln und den knospenden Stab in die Hand und kam und setzte sich gerade neben mich, so dicht an meine Seite, daß ein Theil von seinem Schleier auf meinem Arme lag, und er hielt die Klingeln und den Stab die ganze Weile dicht an meine Nase: dann öffnete und breitete der Priester das Gesetz eine Elle weit aus, und hob es eine volle Elle über seinen Kopf in die Höhe, wobei er sich selbst drehte und nach Osten, Westen, Norden und Süden zeigte. Während dessen verneigten sich die Juden mit großer Ehrerbietung davor. Das Pergament war eine volle Elle breit, der Grund gelb, die Buchstaben ganz schwarz und alle ohne Punkte. Ich saß zwei Ellen von dem Altar. Dann legte der Priester das Gesetz auf den Altar, und nahm einen kleinen silbernen Stock oder Federkiel, mit deffen scharfem Ende er alle die Linien des Gesetzes, welche er las, verfolgte, um seine Ehrerbietung zu bezeugen: er war eine halbe Elle lang. Dann stand einer aus der Gesellschaft auf und kam zum Priester, wobei er tiefe Verbeugungen machte; dann fragte der Priester laut, ob er wünschte, das Gesetz vorgelesen zu hören, worauf er Ja sagte; hierauf forderte der Priester ihn auf zu beten, und er sah auf sein hebräisches Gebetbuch, das er in der Hand hielt, und las ein kurzes Gebet schnell vor; dann las der Priester einige Zeilen des Gesetzes mit lauter Stimme vor, in einem donnernden barbarischen Tone, so schnell wie seine Zunge gehen wollte, nur der Form genügend; dann fragte er den Mann, ob er das Gesetz lesen gehört, dieser sagte ja, er bat ihn, dafür zu danken, und dann las der Mann ein kurzes Gebet aus seinem Buche wie vorher: so, sich vor dem Gesetz und dem Priester verbeugend, ging er an seinen Platz, und ein anderer