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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-12-08 · Heft 50 (8.12.1868) · p. Seite 999

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 50 (8.12.1868)
Date
1868-12-08
Page
Seite 999 (sequence 9)
Language
German
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999 men in der Religionsschule herumsectionirt wird: hat der Vorstand sich zu einer Th at aufgerafft? Es hieß damals, man müsse der Jugend, die am Sabbat in der Schule sitzt und am Gottesdienste nicht theilnehmen kann, einmal die Woche eine religiöse Erbauung geben— ist dies geschehen? An dem thörichten Schreck vor einem deutschen Gebete, das gesungen werden sollte, ist der ganz» Gedanke gescheitert. Der conservativen Schrulle aller Religions-Observanz entfremdeter Leute eine derartige Einrichtung zu opfern, die man erst mit so viel Begeisterung erfaßt hatte — ist das ein Vorgehen fester Männer würdig? — Ist sich denn eine derartig handelnde Bürgerschaft auch der Pflichten bewußt, die auf ihr lasten? Viel hat man sich schon — und dies in aller Welt — über den einzig dastehenden Dualismus des geistlichen Amtes hier gewundert. Ein Rabbinat und daneben ein Zweipredigerthum! Eine derartige Trennung der geistlichen Würde ist in der Geschichte des Judenthums ganz unerhört, man müßte denn nur die Prediger als Nachfolger der Meturgeman's betrachten wollen, was dieselben sich aber kaum würden gefallen lassen. Jedoch hatte der Druck der vormärzlichen Zeit, und später die Rücksicht auf bereits Bestehendes dies nicht anders möglich gemacht. Warum aber trat der Vorstand nicht hin, als jede Beschränkung gefallen und freies Verfügungsrecht jeder Religionsgenossenschaft gegeben war, um zu sagen: nun laßt uns auch dieser aus unseligen Zeiten herstammenden Abnormität ein Ende macken, unsere Prediger sind unsere Rabbiner, das Rabbinat aber sei fernerhin etwas anderes als die officielle „Fleischbeschau," die einer zöpftschen Regierung ihren Ursprung verdankt. Oder könnt ihr euch zu einer solchen That (!) nicht aufschwingen, so sprechet in anderer Weise ejn Wort, aber thuet doch etwas, laßt euch doch nicht gar so sehr die Dinge über den Kopf wachsen. Oder meint man etwa, es könne ja alles ruhig beim Alten bleiben, nun da irrt man ganz gewaltig, die Zeit wird es lehren. Ob es da mehr an richtiger Einsicht und Sachkenntniß oder an Muth und Thatkraft gebricht, ist schwer zu entscheiden — wahrscheinlich an beidem. Wenn aber einer einwenden wird und sagen: ja, ist es denn in anderen Großgemeinden besser! da werden wir ihm antworten: schlimm genug, wenn es nicht anders wäre, aber thatsächlich ist es besser, oder ist doch eher ein Schritt zum Besseren zu bemerken. Nehmen wir Berlin! Auch hier hat Gleichgiltigkeit ihren Thron ausgeschlagen, aber bei weitem nicht in dem Maße als bei uns, man kann sogar sagen, daß es zu Zeiten recht lebhaft zugeht in der Berliner Gemeinde, ja zu lebhaft. Die Verschiedenheit der religiösen Richtungen in den verschiedenen Synagogengemeinden, die Parteistellung des Vorstandes und der Repräsentanz, das alles sind Factoren, die nie und nimmer eine derartige abgestumpfte Stille aufkommen lassen, wie bei uns, tvo sie wie Mehlthau jede Spur von Leben erstickt. Gegensatz und Kampf sind die Elemente lebendiger Entwickelung, ohne sie— die Ruhe des Apathischen, Leblosen. Und wenn die Producte dieses Kampfes oft genug unlautere, vom Standpunkte der Gerechtigkeit zu verdammen sind, sie bringen Leben und haben ihre Berechtigung. Großartig spricht darüber einer der größten Kenner geschichtlicher Erscheinungen, Buckle in seiner Abhandlung über Mills „Freiheit" (Essays, übersetzt von Asher, Leipz. 1865); wir empfehlen diese Ausführungen den Friedensfanatikern, die vor nichts mehr sich fürchten, als vor einer That. Auch in Berlin stehen Wahlen bevor, vor Ende d. M. soll die Repräsentanz neu gewählt werden. Da wird ganz anders agitirt als bei uns, wenn auch zugegeben werden muß, daß diese Agitationen, in's Werk gesetzt zur Verfolgung von Parteiintcressen, aus dem Gebrauch schlechter Mittel sich wenig Gewissen machen. Die Kritik, die Parteistellung eingiebt, springt leicht mit Verdächtigungen und ungerechten Beschuldigungen um — aber durch keine Kritik ist ein Ding je ärger geworden. Im Gegentheil! die Berliner haben nun Oeffentlichkeit der Sitzungen, ausgedehnte Rechenschaftsberichte und sind höchst gerecht allen Parteiansprüchen gegenüber und — wie selbstverständlich — höchst liberal. Der Liberalismus unserer „alten Herren," wie er im Großen und Ganzen schon ziemlich wässerig geworden, ist in religiösen Dingen unter Null gesunken, und was jetzt Oberwasser hat, das ist ein principloses, farbloses Gehenlassen. Wie traurig, so wahr. Und noch mehr, es werden Persönlichkeiten über die Sachen gestellt. — Als heuer einmal in der Seminarfrage im Plenum über ein vorgelegtes Gutachten eine lebhafte Debatte sich entspann, und Stimmen laut wurden, die gegen die Mustergiltigkeit eines gewissen theologischen Seminars die bedenklichsten Stimmen hervorbrachten, und eine Stimme sogar so weit ging, die Richtung und das Lehrshstem dieser Anstalt als ein verfehltes hinzustellen, 50

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