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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-12-08 · Heft 50 (8.12.1868) · p. Seite 998

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 50 (8.12.1868)
Date
1868-12-08
Page
Seite 998 (sequence 8)
Language
German
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Jahren gelechzt, und nun aus dem parlamentarischen Landregen nicht mehr herauskommen. Als Mitglieder unserer Religionsgemeinde dagegen lechzen und dürsten wir noch immer, und wären sicherlich schon völlig verdurstet, hätte nicht das dahinrollende Jahr einen Act von öffentlicher Bethätigung unserer Mitgliederrechte uns zur Pflicht gemacht, der uns in Erinnerung bringt, daß wir ja eigentlich auch unsere Vertretung haben, und daß die Vertreter gewählt werden müssen, und daß wir die Wähler sind, und daß da Reden gehalten und Vorbesprechungen ins Werk gesetzt werden, und alle die echt parlamentarischen Freudenacte mehr. Unser Statut nämlich ist grausam genug, alle Jahre sich den Spaß zu machen, ein paar „Beiräthe" aus dem Paradiese hinauszustoßen und dafür andere Männer der Volksgunst die Freuden der Vertretung auf einige Zeit kosten zu lassen. Zudem hat ein vornehmes Glied des eigentlichen Vorstandes (Ritter von Goldschmidt) sein lange Jahre mit Ehre und Arbeit verwaltetes Ehrenamt niedergelegt und die Annahme einer Wiederwahl im vorhinein abgelehnt; die unsterbliche Garde wird 6 neue Kräfte heranzuziehen, oder, wenn die Alten kräftig genug waren, die alten 5 in Amt und Würde zu bestätigen haben. Die „Allgemeine Ztg. d. I." kann auf Interessen so rein localer Natur nicht eingehen, zumal sie an Persönlichkeiten streifen und diese ihr immer ein neli me tangere waren; zudem sind es nicht so sehr die einzelnen Vertreter, bei denen die Auffassung ihres Amtes und der daran sich knüpfenden Verpflichtungen unser Mißfallen erregt: es ist die Körperschaft im Ganzen, und ihre Gebahrung im Allgemeinen, die Färb- und Engergielosigkeit, die Leblosigkeit, die unseren Cultusvorstand so unvortheilhaft auszeichnet. Wie traurig sieht es doch in religiösen Dingen in unserer Gemeinde aus, und auf wen anders fällt die Verantwortung dieser beklagenswerthen Verhällnisse, als auf die leitenden Männer, die Vertreter? — Aber ein solcher Satz ist leichter hingeschrieben als nachgewiesen, und darum will ich mit den Beweisen nicht hinter dem Berge halten. Vor allen Dingeu ist seit Jahren das Interesse für gemeindliche Dinge, wie überhaupt aller Gemeinsinn unter der jüdischen Bevölkerung in schwindendem Abnehmen begriffen und der Jndifferentismus und die Apathie gegen alles, was an die religiöse Gemeinschaft: erinnert, ist soweit gediehen, daß nicht einmal mehr die Wahlurnen für die zum Wahlact unbedingt nöthige Zahl von Wählern Anziehungskraft genug hat — eine Erscheinung, von der man leider schon mehr als einmal Act nehmen mußte. Natürlich! eine Verwaltung, die von ihrer Wirksamkeit kein anderes Lebenszeichen gibt, als eine Anzahl mit Ziffern ausgefüllter Rubriken, die als Rechnungsbericht lange nach Verlauf eines jeden Jahres jedem Contribuenten ins Haus Leschickt wird, die kann doch keineswegs darauf Anspruch machen, daß außerhalb derselben stehende Personen sich um sie bekümmern. Ohne Oeffentlichkeit wird nimmer allgemeine Theilnahme in Sachen des allgemeinen Wohles erreicht werden. „Der Vorstand am grünen Tisch wird's schon machen, dazu ist er ja da" — denkt jeder Wohlmeinende, und hat damit auch schon die Last, die sonst der Zibbür ihm auferlegen würde, bequem von 'sich gewälzt. Oeffentlichkeit der Sitzungen ist ein Bedürfniß, das schon lange gefühlt wird, oder an dessen Statt doch irgend welche öffentliche Mittheilung von den Vorgängen im Schoße des Collegiums. Unter einer Communität von nahezu 30,000 Seelen dürften sich außer den paar Repräsentanten doch noch einige Neugierige finden, die mit Berechtigung sagen: nil de nobis sine nobis, d. h. nichts ohne unser Wissen. Aber der Jndifferentismus hat nicht nur den Gemeinsinn fast ganz ertödtet, er erstickt überhaupt jedwedes Aufkeimen eines innerlichen religiösen Lebens in der Gemeinde. Die Familienväter, die sich ganz außer Zusammenhang mit der Gemeinde fühlen, haben mit der Theilnahme an jüdischen Angelegenheiten auch das Interesse am Judenthum ganz und gar eingebüßt und so wächst die Jugend heran, ohne die erweckende religiöse Anregung der Familie, der nächsten Umgebung, und wird im besten Falle zur Beobachtung mehrerer oder weniger Observanzen angehalten, die ihr ganz unverständlich sind und sinnlos erscheinen, oder sie athmet gar den giftigen Hauch spöttelnder, frivoler Bekrittelung der Religionsgebräuche ein, eines so verderblich als das andere. Gegen derartige negative Factoren kann freilich die Arbeit unserer wackeren Religionslehrer allerdings nicht aufkommen, ganz abgesehen davon, daß viele Kinder allem Religionsunterrichte ganz fern gehalten werden und andererseits durch räumliche, zeitliche und numerische Schwierigkeit die Thätigkeit der Religionsschule und deren bildender Einfluß ohnehin sehr beschränkt ist. Dafür mag es jetzt 3 Jahre her sein, daß an Refor- /

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