Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 50 (8.12.1868)
- Date
- 1868-12-08
- Page
- Seite 995 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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m rüdes unterstützt zog Karl M. Ackerbauer aus Frankreich, der Schweiz und Deutschland heran, um diesen Boden, der so lange unbebaut gelegen, wieder zu bearbeiten. Im Jahre 1767 führte der Bayer Turrigel mehr als 6006 seiner Landsleute dort hin. Das bergigte Terrain zwischen den Provinzen Jaön, Cordova und Sevilla' wurde endlich wieder bevölkert; in einem Zeitraum von einigen Jahren sah man mehr als 508 Dörfer sich erheben und die Hauptstadt dieser Bevölkerung fremden Ursprungs erhielt den Namen Caroline. So bedurfte dieses Spanien, welches die Neue Welt bevölkert hatte, seinerseits colonisirt zu werden. Es »'ersteht sich, daß die Vertreibung der Juden und Mauren nicht die einzige Ursache dieses furchtbaren Verfalles war. Vielmehr war das ganze Regierungssystem dauernd ein so verkehrtes, daß selbst bei Beachtung aller Beschränktheiten, welche in politischer und völkswirthschaftlicher Hinsicht die Staaten aus dem Mittelalter in die Neuzeit hinein begleiteten, die leitenden Ansichten der spanischen Regierung in ihren Verkehrtheiten kaum zu begreifen sind. Das fortwährende Wüthen der Inquisition, die Unterdrückung jeder Geistesbewegung, die Verachtung der Arbeit seitens der zahllosen Hidalgos, die jährliche zweimalige Verwüstung der Aecker durch die freien Züge der Merinoheerden von Süden nach Norden und von Norden nach Süden, das Vorurtheil gegen alle Baumpflanzungen, das Verbot der Ausfuhr von Gold und Silber, der Ausfuhr von Boden- und Fabrikerzeugnissen, wie die Einfuhr von fremden Manufacten, die Festsetzung der Preise von Getreide uno Fabrikaten und die' beständigen auswärtigen Kriege bilden das Ensemble, das sich an die Vertreibung des arbeitsamsten Theiles der Bevölkerung knüpfte und den Ruin des herrlichen und fruchtbaren Landes verursachte. Die civilistrten Völker müssen sich diese unausbleiblichen Folgen des ganzen Systems, der ganzen Anschauung, mit welchen Spanien nun auch gebrochen haben will, immer klarer machen, um alle Versuche, ganz oder theilweise sie dahin zurückzuführen, energisch abzuweisen. Wir unsrerseits wollen immer und immer wieder erweisen, daß die Ausschließung und Vertreibung der Juden stets nur ein Glied einer großen Kette von Vorurtheilen und Verkehrtheiten war und ist, welche zahllose Geschlechter der Völker unglücklich machten, und daß man jene Bedrückung der Juden nicht conserviren könne ohne die anderen mit in den Kauf zu nehmen. Literarischer Wochenbericht. Lengnau (Aargau), im Novbr. Es bedarf wohl kaum einer besonderen Entschuldigung, wenn wir auch in diesen Blättern ein Werk zur Anzeige bringen, das als eins der gediegensten und reichhaltigsten auf dem Gebiete der deutschen Literatur sich längst das Bürgerrecht erworben und in allen gebildeten Kreisen Eingang gefunden hat: es ist dies „die Geschichte der deutschen Literatur von Heinrich Kurz" (Leipzig, Teubner), welche jetzt in einzelnen Lieferungen erscheint und wovon die ersten 4 Hefte uns vorliegen. Dieser Band beschäftigt sich mit der neuesten Zeit, d. h. von der französischen Julirevolution 1830 bis zur Auflösung des Deutschen Bundes 1866 und zunächst mit den Dichtern. Wir wissen es dem verehrten Herrn Verf. aufrichtig Dank, daß er es nicht verschmäht, die Dichter jüdischen Glaubens eingehend zu behandeln; freilich kann auch ein Literarhistoriker, der weniger vorurtheilsfrei als H. Kurz ist, die Juden und ihre Producte in der angedeuteten Epoche nicht wohl übergehen oder sie in Bausch und Bogen abfertigen. Hören wir, wie der Verf. selbst darüber urtheilt. Er sagt S. 57: „Eine sehr merkwürdige Erscheinung ist die rege Theilnahme der Juden an der geistigen Bewegung und insbesondere der Poesie. Das Abschließen des Judenthums von seinen christlichen Landsleuten beruht nämlich in der That weniger auf religiösen als auf nationalen Gründen. So lange die Juden als ein fremdes Volk angesehen wurden und sie sich selbst als ein solches betrachteten, war an ein engeres Anschließen nicht zu denken; was man für gegenseitigen Religionshaß hielt, war in der That zum großen Theil Nationalhaß. Nur der demokratischen Richtung der Zeit gelang es, diesen zu besiegen. Die Ueberzeugung, daß allen Ständen und Classen der bürgerlichen Gesellschaft gleiche Rechte gebührten, mußte auch auf die Verhältniffe der Juden Einfluß gewinnen. Man gewöhnte sich allmälig daran, sie als Deutsche zu betrachten, und dies hatte die Wirkung, daß man in Bezug auf ihren Glauben duldsamer wurde, und daß die Juden ihrerseits anfingen, ihre Abgcschloffenheit aufzugeben, sobald sie glauben konnten, daß man ihre vollständige Einbürgerung (Gleichstellung) ernstlich nahm. Sie muß- » ten sich aber bald überzeugen, daß dies nur gelingen! könne, wenn sie sich auf die Höhe der geistigen Bildung > des christlichen Volkes stellten, hinter welcher sie bis da-