Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-12-01 · Heft 49 (1.12.1868) · p. Seite 988

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 49 (1.12.1868)
Date
1868-12-01
Page
Seite 988 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226635-3226685--26686-3262239
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

sammelt gesehen hatte, auS ungefähr hundert Juden — die Frauen ungerechnet — bestand; daß sie keineswegs ärmliche Passanten, sondern fest angesessene Großhändler und Gentlemen waren, reich bekleidet, selbst mit Edelsteinen geschmückt, und daß sie keine Handarbeiter und Tagelöhner unter sich hatten. Er sagt ausdrücklich aus, daß schon zu den Zeiten Cromwell's die Juden das Laubhüttenfest offen am Südufer der Themse begangen hatten, und zeigt, daß sie sich bei der Wiedereinsetzung Karl's II. so sehr wie möglich von der öffentlichen Aufmerksamkeit zurückzogen, offenbar, weil gesetzlich ihnen der Aufenthalt in England noch nicht von neuem gestattet worden war, und sie wahrscheinlich erfischen wollten, wie die neue Negierung gegen sie gesinnt sei. — Außerdem giebt dieser Brief eine so naive und wahre, noch jetzt vielfach zutreffende Schilderung der Vorgänge in einer jüdischen Synagoge alten Styles, daß wir uns nicht versagen mögen, dieses in so vielfacher Hinsicht merkwürdige Schreiben in wörtlicher Uebersetzung wiederzugeben : Mr. Crompton, Wenn ich jemals in meiner Lektüre Etwas fand, was auf die Art und Weise des Gottesdienstes der Juden Bezug hatte (selbst nach der Zerstörung ihrer Stadt und ihres Tempels), hielt ich es immer für werth, von einem Christen gesehen zu werden; wenigstens dann, wenn ich dazu kommen konnte. Und unter den anderen Religionsformen, zu welchen meine Neugierde mich führte, so daß ich den Versauunlungen und dem Gottesdienste der Papisten, der Anabaptisten, der Quäker, der fünften Monarchie-Männer beiwohnte, kam mir der Gedanke, daß nothwendig in dieser Stadt auch Juden sein müßten, wenn auch nur Kaufleute, und daß sie folglich auch einen Ort ihrer Zusammenkünfte zum gemeinschaftlichen Gottesdienste haben mußten. Als sich deshalb die Gelegenheit bot, mich mit einigen Leuten zu unterhalten, die möglicher Weise mich davon unterrichten konnten, so frug ich sie danach, konnte aber eine lange Zeit hindurch nichts hören oder erfahren, ob und wo solches da sei. Aber jüngst hatte ich den Wunsch, einige Zeit hier auf die Erlernung der hebräischen Sprache zu verwenden, und als ich nach Jemand fragte, der darin Unterricht ertheile, traf ich auf einen gelehrten Juden mit mächtigem, buschigen Barte, einen großen Rabbiner, als welchen ich ihn später kennen lernte; nach ein- oder zweimaligem Zusanunensein, kam ich in Gespräch und nähere Bekanntschaft mit ihm; denn er konnte lateinisch sprechen und auch etwas gebrochen Englisch, da er, wie er mir sagte, zwei Jahre in London gewesen. Er sagte, er wäre ein Hebräer aus dem Stamme Levi, und sein Borname sei Samuel Levi. Er erzählte mir, daß seine Mutter noch lebe und jetzt in Jerusalem wohne, von wo er in diesen zwei Jahren zehn Briefe erhalten habe. Denn es ist Sitte unter ihnen, daß diejenigen, welche bemittelt genug dazu sind, wenn sie auch in anderen Ländern geboren | sind und dort gelebt haben, doch wenn sie alt werden, dorthin wandern, um an dem heiligen Orte, wie sie es nennen, ihre Tage zu enden und ihre Gebeine ruhen zu lassen. Er sagte, er wäre in der jüdischen Schule in Krakau, der Hauptstadt Polens, wo die Juden eine Universität haben, erzogen und eilf Jahre Student gewesen, und daß er jüngst mit seiner eigenen Hand in hebräischer Sprache, ohne Punkte, auf Pergamentrollen die fünf Bücher Moses abgeschrieben habe, für den Gebrauch einer Synagoge: und daß er selbst früher an einer Synagoge in Polen Priester gewesen. Er kbar ein sehr bescheidener Mann, und einst brachte ich ihn mit vieler Mühe dazu, an einem Mittagsessen mit mir Theil zu nehmen, wobei er mir erzählte, daß er als Schreiber und Rabbiner in besonderer Beziehung zu einer Privatsynagoge seiner Nation in London stehe, und daß, wenn ich den Wunsch hätte, ihren Gottesdienst anzusehen, er mir, obgleich sie kaum Jemanden zuließen und ihre Synagoge deshalb durch drei Thüren hinter einander fest verschlossen sei, doch ein solches Bittet geben wolle, daß nach dessen Vorzeigen ihr Portier mich bei ihrem nächsten Sabbathmorgengottesdienst einlassen würde. Ich machte so, als wenn mir dies ganz gleichgültig sei, aber innerlich triumphirte ich über diesen glücklichen Zufall. Als der Samstag kam, stand ich schon früh auf, da der Ort weit von meiner Wohnung entfernt war; und in einem versteckten Winkel fand ich um neun Uhr mit vieler Mühe, seinen Angaben folgend, den Platz und wurde in die erste Thüre eingelassen, aber da-außer mir kein Engländer da war und mein Rabbi sich auch noch nicht eingestellt hatte i denn sie fingen eben erst ihren Gottesdienst an) war ich zuerst ein wenig verlegen, ob ich mich unter alle diese Juden wagen sollte; aber meine innere Neugierde, seltsame Dinge zu sehen, spornte mich an und machte mich sogar dreist. Ich rieb meine Stirn, öffnete die innerste Thüre, und indem ich meinen Hut abnahm lwie ich instruirt worden), ging ich hinein und setzte mich zwischen sie; aber mein Gott (Thoma frater) welch' ein seltsamer, sonderbarer, fremder und für mich barbarischer Anblick war das, ich hätte wünschen können, Thoma, daß Ihr neben mir gesessen, denn ich sah keine lebende Seele, sondern nur bedeckte, verhüllte, verkleidete, verschleierte Juden, und mein eigenes offenes, unverhülltes Selbst unter ihnen. Der Anblick würde einen Neuling erschreckt und ihn wieder hinausgejagt haben. Jedermann hatte ein großes weißes Gewand, einen Mantel oder einen Schleier, der über seinen Hut geworfen war und von da nach allen Seiten hin herunterhing, den ganzen Hut, Schultern, Arme, Seiten bedeckend und bis zum Gürtel hinunterreichend, so daß nichts zu sehen war, als ein klein wenig von dem Gesichte; dies, sagte mir mein Rabbiner, war ihre alte Kleidung, wie sie beim Gottesdienste inHren Synagogen in Jerusalem und im ganzen heiligen Lande vor der Zerstörung getragen wurde: und obschon sie mir zuerst einen zugleich seltsamen und barbarischen Eindruck ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.