Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1868)
- Date
- 1868-12-01
- Page
- Seite 987 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeitung -es Zil-cnthmns. Femlleton-Geilage M Ur. 49. . ' Leipzig, den 1. December 1868. Dokumente über die erste Niederlassung der Juden in England unter Cromwell. Von Dr. Martin Philippson. Nach wehr als vierhundertjähriger Verbannung sind bekanntlich die Juden zuerst unter Cromwell wieder nach England zurückgekehrt, nachdem der berühmte Menasse ben Israel den Protektor günstig für seine Glaubensgenossen gestimmt hatte. Der heftige Widerstand, den Cromwell hierbei vorzüglich bei einigen puritanischen Geistlichen fand, verhinderte ihn, die Juden gesetzlich nach England zurückzuführen, doch gab er einer größeren Anzahl derselben bereits im Beginne des Jahres 1656 den Dispens, sich in England niederzulassen. Zwar behauptet Tovey in seiner Anglia Judaiea (p. 279), daß die Zahl der Einwanderer eine ganz geringe gewesen sei, da sie noch im Jahre 1663 höchstens zwölf Köpfe stark gewesen seien: indeß diese Angabe ist vollständig unrichtig, und man wird uns erlauben, nachstehend einige bisher unbeachtete Aktenstücke mitzutheilen, welche zeigen, daß die Zahl der von dem Protektor durch seinen Staatssekretär Thurloe ausdrücklich nach England eingeladenen Juden sofort eine beträchtliche gewesen ist. Schon Dr. Kayserling *) führt zwei Dokumente hierfür an: erstens die Petition eines londoner Goldschmieds Violet im ersten Regierungsjahre Karl's II. gegen die Kühnheit der Juden, Gott öffentlich auf ihre Weise zu verehren; und zweitens den Kauf eines Friedhofs durch die Londoner Juden im Februar 1657. Erwähnt mag noch werden, daß der würdige Goldschmied, welcher wohl mehr aus Brotneid als aus Frömmigkeit handelte, übrigens aber über die Frage gut unterrichtet ist, Cromwell die Absicht zuschreibt, den Juden die Pacht der Zölle und indirekten Steuern zu übergeben. *) Jahrbuch für die Geschichte der Juden sInstitut zur Förderung der israelitischen Literatur» Bd. II. S. 187. Die Angabe, die Petition des Goldschmieds sei gegen Weihnachten 1659 geschrieben, ist selbstverständlich unrichtig, weil es damals noch keinen Königen England gab, sie deshalb auch dann nicht an King and Parliament hätte gerichtet sein können. Sie datirt vielmehr vom 18. Dezember 1660. Es finden sich nun in den Journalen des englischen Unterhauses zwei Bemerkungen aus jener Zeit über die Juden: die erste aus dem Jahre 1660, welche von den Juden als einem in England noch ohne gesetzlichen Schutz lebenden Volke spricht; die zweite aus dem Jahre 1670, welche eine Untersuchung über die Bedingungen anbefiehlt, unter welchen es den Juden gestattet sei, in England zu wohnen. Sie lauten: „Montag, 17. Dezember 1660. Mr. Hollis legt dem Hause einen Befehl vor, der von den Lords Sr. Majestät Geheimen Rathes ergangen und diesem Hause ganz besonders zur Begutachtung empfohlen ist, betreffs des Schutzes für die Juden: er wurde verlesen. — Es wurde beschlossen, diese Angelegenheit morgen früh in Betracht zu ziehen" (Journals of ihc II. of Com. VIII. p. 209). Lunae 6. die Feli. 1670. „Befohlen, daß ein Comito gewählt werde, um die Ursachen des Anwachsens des Katholizismus zu untersuchen; eine Bill zur Verhütung desselben vorzubereiten und einzubriugen; ferner eine Untersuchung anzustellen über die Zahl der Juden und ihrer Synagogen, und über die Bedingungen, unter denen es ihnen gestattet ist, hier zu wohnen; und darüber sowie über die bezüglichen Ansichten des Cornitos an das Haus zu berichten" (ibid. IX. p. 198). Es geht hieraus hervor, daß schon im Jahre 1660, also zwei Jahre nach dem Tode Cromwells, die Zahl der Juden in London so beträchtlich war, um die Aufmerksamkeit des Geheimen Rathes und des Parlamentes ganz besonders auf sich zu ziehen. Zehn Jahre später besaßen die Juden schon mehrere Synagogen in der britischen Hauptstadt. Hervorzuheben ist, daß, während die englischen Gesetzgeber sich gegen den Katholizismussehr feindselig stellen, sie über das Anwachsen der Juden keine mißbilligende Bemerkung machen. Noch wichtiger als diese beiden Notizen ist folgender Brief eines englischen Geistlichen an einen andern aus dem Jahre 1662.*) Er beweist, daß zu dieser Zeit die Juden in London eine große, neu erbaute Synagoge besaßen; daß die Gemeinde, welche der Schreibende ver- *) Sir II. Ellis, Original letlcrs illustrative of Englisli History; 2. Serie. 4. Bd. (London 1827) S. 8 ff.