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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-11-24 · Heft 48 (24.11.1868) · p. Seite 968

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 48 (24.11.1868)
Date
1868-11-24
Page
Seite 968 (sequence 18)
Language
German
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überantwortet würde, — um sie dann selber zu ihrer rechten Mutter zurückzuführen. — Die Jüdin jedoch mag weder von Verzeihung noch von einer zeitweisen Entlassung ihrer Tochter Etwas wissen. „Immer oder niemals" — ruft sie aus — „will ich das Kind besitzen! Nicht mag ich mein Leben mit den Brosamen fristen, die von Eurem Tische fallen, nicht von den Almosen existiren, die Eure Gnade mir reicht! Laßt uns die Masken abwerfen, und laßt mich Euch ohne Rückhalt sagen, daß ich Euch aus tiefster Seele hasse. Der Kampf zwischen mir und Euch, — er soll, er muß endlich entschieden werden!" — Und wer soll die Entscheidung bringen? — Niemand anders als Paula selber. — Sie wird herbeigerufen und gleich beim Eintreten von Gemea mit der Frage empfangen: „Welche von uns Beiden nennst Du Deine Mutter?" — Das Mädchen ist überrascht und schweigt. Bianca: Du stehst hier zwischen uns, die wir Beide aus den Namen „Deiner Mutter" Anspruch haben. Gemea: Eine von uns Beiden ist zuviel in Deinem Herzen! So wähle zwischen uns! Paula bleibt stumm. — Die Gräfin beruft sich darauf, ihr das geistige Leben gegeben, ihr Herz gebildet, ihre Seele dem christlichen Glauben geöffnet — und durch dies Alles das größte Anrecht auf ihre Liebe erworben zu haben. — Die Jüdin ihrerseits appellirt an das G-efühl des Mädchens, an die Stimme der Natur, an den angestammten Glauben — und will darum sich als die Berechtigtere angesehen und behandelt wissen. — Paula ist tief erschüttert und ruft Gott um Beistand an. Bianca: Wendest Du Dich dorthin, so verleugnest Du Deinen Glauben! Gemea: Neigst Du Dich nach jener Seite, so verräthst Du den Gott Deiner Väter! Bianca: Sie ist Christin! Gemea: Sie war es nicht. Ihr habt sie ihrem Gott geraubt, ehe sie noch einen Willen hatte. Bianca: Höre sie nicht, Du kannst nicht Denen angehören, die Deinen Heiland an das Kreuz geschlagen! Gemea: Willst Du unter Denen leben, die Deines Stammes Glieder aus dem gelobten Lande trieben, auf daß sie unstät und flüchtig durch alle Theile der Welt irrten? — Und nun läßt der Dichter die Jüdin alle die Leiden und Drangsale aufzählen, welche die Brüder ihres Glaubens, um eben dieses Glaubens willen haben erdulden müssen, — wie man sie aller Orten mit Feuer und Schwert verfolgte, ihnen nirgends eine Zufluchtsstätte bot, ihnen nie anders als mit Spott und Hohn begegnete u. s. w. u. s. w. — Bianca aber bleibt auch hierauf die Antwort nicht schuldig. Und so dauert der Kampf fort zwischen den beiden Frauen und wird immer lauter, immer heftiger, immer erbitterter, — bis endlich das Mädchen, von Thränen erstickt und von innerem Schmerz überwältigt, der jüdischen Mutter an's Herz sinkt und ausruft: „Nimm mich hin! Dir, — Dir allein gehöre ich an!" — Die Gräfin ist außer sich vor Zorn, und sie überhäuft das Mädchen mit den bittersten Borwürfen, daß es seinen Glauben, seinen Gott verleugnet und sich dadurch selber der Hölle und der ewigen Verdammniß preisgegeben habe. — Dies zu hören, bringt die arme Paula in Verzweiflung. — Das Wort „Verdammniß" hat sie wieder vom Herzen ihrer Mutter aufgescheucht und in ihrem Innern einen neuen heftigen Sturmi erregt, dem sie fast zu erliegen droht. — Hin und her schwankend, bald zu der Einen und bald zu der Andern sich wendend, stürzt sie endlich ohnmächtig und fast leblos zu Boden, — zum Schrecken beider Mütter, welche wie erstarrt einander ansehen. — Nach und nach war bei Paula das Leben wieder zurückgekehrt, nicht aber das Bewußtsein. Dies fehlte vielmehr noch ganz und gar. Der Geist der Jungfrau schien von tiefer Nacht umschattet; ihr Gebahren ließ leider nur auf nahen Wahnsinn schließen. Sie erkannte keine von den Personen ihrer nächsten Umgebung und hatte auch nicht die schwächste Erinnerung von dem, was vorher sich begeben. Sielachte laut auf, während Alles um sie her in Thränen zerfloß, oder sie jammerte und weinte, wie ein kleines Kind, dem sein Spielzeug verloren gegangen. Sie sprach irre, oder sie sprach gar nicht, sondern stierte mit glotzenden Augen regungs- und theilnahmlos in die Luft hinein. In dieser unheimlichen Situation, während welcher Gemea und Rutchioni vom Lager ver Kranken nicht einen Augenblick sich entfernt hatten, waren in der Billa drei Tage verflossen, — ein Zeitraum, den es unfern Dichter beliebt hat, zwischen die beiden Tableaux zu legen , in die der vierte und letzte Akt des Stückes von ihm getheilt worden. Beim ohnmächtigen Niederfallen Paulas fällt auch der Vorhang, — und wie er wieder in die Höhe geht, sind wir in der Zeit um drei Tage vorwärts gerückt, über deren Verlauf wir eben das erfahren, was wir in den vorangehenden Zeilen kurz mitgetheilt haben. — Wir befinden uns in dem mit Bildsäulen, Baum- und Blumengruppen herrlich gezierten Park der Villa und treffen hier zuerst nur Ottavio an, der gekommen war, weil Gräfin Bianca, die seit drei Tagen ebenfalls das Haus Gemea's nicht verlassen, ihn hatte rufen lassen. — Sein Herz ahnt nichts Gutes, — aber lange nicht so Schlimmes, als er erfährt. Die nun aus dem Schlosse tretende Gräfin, die er mit Fragen bestürmt, sagt ihm von Paula: „Sie lebt; doch ihre Geisteskräfte sind gelähmt, Finsterniß bedeckt ihre Seele!" Der junge Graf geräth aus aller Fassung; er sieht im „Wahnsinn" weit größeres Unglück als in dem „Tode" selber und wälzt Alles auf Gemea's Haupt, — worauf indessen Bianca ihn belehrt, daß er irre, da „außer dem Berhängniß, das über Paula's Jugend schwebt,"

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