Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 47 (17.11.1868)
- Date
- 1868-11-17
- Page
- Seite 938 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226635-3226683--26634-3262185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Donaufürstenthümer. Die „N. Fr. Pr." schreibt: „Während der amtliche Bericht des Präfecten Codreanu, welchen wir gebührend gekennzeichnet, noch die Veranlassung der GalaczerUnruhen einer gewaltthätigen Handlung seitens eines Juden zuschrieb, geben nachgerade auch Organe der rumänischen Regierung zu, daß sich die Dinge so verhalten, wie unsere Berichte aus Galacz und Bukarest sie darstellten. Die israelitische Gemeinde hat einen Bericht über die Vorfälle verfaßt, welcher ebenfalls mit unseren Nachrichten übereinstimmt. Wir haben aus demselben nur nachzutragen, daß die Anzahl der verwundeten Israeliten nicht weniger als 90 beträgt, und daß die Polizei, welche selbst Codreanu angeklagt hat, ebensowenig als die aufgebotenen Truppen die Unruhestifter verhafteten. Das Bukarester Blatt L'Etoile d'Orient erfährt außerdem, daß unter den Verwundeten sich acht österreichische Staatsbürger befinden und daß siebzehn der schmählich angefallenen Personen schwer verwundet sind. Nicht drei, sondern sechs Synagogen wurden zerstört. Wir waren also wohl berechtigt, den Bericht Codreanu's mit der Erklärung, „daß sämmtliche Verwundungen leichte seien," der ausgesprochenen Zweideutigkeit zu zeihen. Die in Galacz functionirenden Consulate haben bestätigt, daß die Veranlassung der Excesse in der zufälligen Verwundung eines Christenknaben bei dem Zerschneiden von Tuchstoffen liegt. Die rumänische Regierung läßt versichern, daß sie jetzt Alles aufbieten werde der Wiederholung solcher Gewaltthaten entgegenzutreten. In den letzten Tagen hat auch in Belgrad ein Versuch zu Gewaltthätigkeiten gegen die Juden stattgefunden, welcher durch Einschreiten der Behörden im Keime erstickt wurde. Es wird sich zeigen, ob man die Erneuerung jener aller Humanität Hohn sprechenden Gewaltthaten in Wahrheit fernerhin unmöglich machen wird." Wir unsrerseits hegen diese Hoffnung nicht. Wäre die Bevölkerung Rumäniens bis jetzt überhaupt der Cultur und Eivilisation zugänglich gewesen, hätte fi« hierin irgend nennenswerthe Fortschritte gemacht, so würden wir glauben, daß diese Gewaltthätigkeiten und Schändlichkeiten eine vorübergehende Pöbeiiaune seien, und würden für diese in den Maßnahmen und Hetzereien, welche sich die rumänische Regierung gegen die Juden gestattet hat, eine erklärende Veranlassung finden. Haben wir doch 1848 selbst in Frankreich und Süddeutschland, von Preßburg nicht zu sprechen, einige traurige Auftritte erlebt. Aber alle Berichte unparteiischer Beobachter und Vorgänge genug in anderen Beziehungen zeigen uns, daß die Rumänen, und zwar nicht blos in den unteren Schichten, nockweit niehr nach Asien als nach Europa gravitiren, und noch gänzlich in mittelalterlicher Rohheit und Unwissenheit versunken sind. Da werden noch lange Zeiten vergehen müssen, ehe man bei ihnen ein Bewußtsein von Recht und Gerechtigkeit, von Humanität und Sittlichkeit voranssetzen dürfe. Was bleibt also unseren unglücklichen Glaubensgenossen übrig? Nichts anderes als die Auswanderung. Amerika ist noch ein weites Land, aber durchaus nicht mehr weit von uns. Galacz, 19. Oktober. Die hiesigen Handelsleute israelitischen Glaubens, welche österreichische Staatsangehörige sind, haben anläßlich der beklagenswürdigen Vorgänge hier an das österreichische Consulat eine Adresse gerichtet, welche im Wesentlichen wie folgt lautet: „Löbliches k. k. Consulat! Die vielfachen Gräuelthaten, welche am Anfänge dieses Monats hier verübt worden, können dem löblichen Consulate, selbst in ihren Details, nicht unbekannt geblieben sein. Raubmörderische Rotten drangen ohne irgend welche Veranlassung bei Hellem Tage in die Wohnungen einer großen Anzahl israelitischer Familien, welche an diesem Tage das Laubhüttenfest feierten, zerstörten dieselben, raubten Alles, was sie fortbringen konnten, mißhandelten und verwundeten lebensgefährlich viele Menschen, darunter gebrechliche Greise und Weiber, und haben endlich mit bestialischem Vandalismus mehrere dem Gottesdienste geweihte Häuser entweiht, geplündert und zerstört. Der Schrecken, welcher sich der Gemächer bemächtigt hat, ist um so mächtiger, als die Israeliten hier in der leider irrigen Meinung waren, daß ein solches Ereigniß nunmehr im Angesichte fremdländischer Kriegsschiffe unmöglich sei, und die durch diese Gräuelthaten hervorgerufene Angst vor neuerlichen Raubmordanfällen seitens entmenschter Hänfen ist um so nachhaltiger, als die von den Local-Autoritäten ergriffenen Maßregeln nicht jenen