Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 47 (17.11.1868)
- Date
- 1868-11-17
- Page
- Seite 937 (sequence 7)
- Language
- German
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937 wußte ja, daß die dargebrachten Glasopfer nur chm galten; die Nation hatte ihre Freude, und die ganze Gelegenheitsfeier kostete gar nichts. Man sage uns nicht, daß nicht die Nation, sondern der Lemberger Pöbel die specistsch nationale Feier veranstaltet habe. Im Lemberger Landtag, in welchem doch eingestandenermaßen die Nation selbst vertreten ist, hatte ja kurz vorher ein. ähnlicher Juden-Exceß stattgefunden, wenn auch nicht in derselben Form, doch getragen von demselben Geiste, welcher die kühnen Fensterstürmer in Lemberg beseelt. Es ist bekannt, mit welcher liebenswürdigen Sorgfalt der Lemberger Landtag in den von ihm beschlossenen Städte-Ordnungen auf die Juden Bedacht genommen hatte, damit dieselben von der Sorge um die Verwaltung der Gemeinde möglichst verschont bleiben. Der Lemberger Stadtrath hat decretirt, daß nur eine bestimmte Anzahl Juden in der Gemeindevertretung sitzen dürfe. Unter der Wirksamkeit dieser Statuten konnten sich in Orten, in welchen die Juden den überwiegenden Theil der Bevölkerung bilden, die Gemeinde-Ausschüsse gar nicht constituiren, weil die vorgeschriebene Anzahl von christlichen Gemeinderäthen gar nicht aufzutreiben war. Um diesen flagranten Verletzungen des in den Staatsgrundgesetzen ausgesprochenen Principes der Gleichberechtigung ein Ende zu machen, hatte die Regierung einen Gesetzentwurf vorgelegt, welcher die Aufhebung der verfassungswidrigen Beschränkung der Zahl der jüdischen Gemeindevertreter bezweckte. Smolka als Referent beantragte die Annahme der Regierungsvorlage. Allein die Lemberger Demokraten haben sich noch nicht bis zur Höhe des Principes emporgeschwungen, daß es nicht gestattet sei, Jemandem politische Rechte zu versagen aus dem einzigen Grunde, weil er kein Schweinefleisch esse. Unter dem Beisalle des ver- , ehrungswürdigen Adels und des gesammten Landtagspnblicums, in welchem die Bischöfe ausnahmsweise sehr zahlreich vertreten waren, stimmte Herr Torosiewicz ein parlamentarisches „Hepp-Hepp"-Lied an. Der Redner hatte sein Thema wohl studirt, er vergaß nichts anzuführen, was nach seiner Ansicht gegen die gefährliche Kaste der galizischen Juden spricht, z. B. daß sie so frech sind, Kinder zu zeugen, daß sie sich dagegen sträuben, wenn eines der Ihrigen gewaltsam ein klein wenig getauft werden soll, und daß es sie verdrießt, wenn sie von Haus und Hof vertrieben werden. Der Gegenstand wird mit 63 gegen 43 Stimmen vertagt, und damit der Regierungsvertreter, welcher gegen die Vertagung nichts einzuwenden hat, keinen Augenblick über die eigentliche Bedeutung dieses Beschlußes im Zweifel bleibe, wurde gleich darauf der Antrag, daß die betreffende Commission über die zurückgescndete Regierungsvorlage innerhalb dreier Tage Bericht zu erstatten habe, verworfen. Und derselbe Landtag, welcher die ihm gewährte Autonomie in solcher Weise benützt, ambitionirt eine vollkommene Souveränetät; dieselben Leute, welche das A-B-C der Menschenrechte nicht begreifen, jammern fortwährend über angebliche Unterdrückung. Der oben erwähnte Tumult bestand allerdings nur im Einwerfen von Scheiben, aber nicht in glimpflicher Weise. Ein anderer Correspondent schreibt: Ich komme soeben von der großen Stadtsynagoge. Dieselbe sieht jämmerlich aus; an den schönen hohen Bogenfenstern ist kaum Eine Scheibe ganz. Freilich, es war dem Herrn Prediger gelungen, durchzusetzen, daß das hier zu Ehren des Kaisers anzubringende Transparent neben der polnischen und hebräischen auch eine deutsche Inschrift erhalten sollte, und die deutsche Sprache ist hier verpönt. Daher wollte auch einer der israelitischen Landtags-Abgeordneten, Herr vr. Hönigsmann, durchaus nur eine polnische Inschrift haben! Derselbe Correspondent berichtet auch über ein Nachspiel zu den Juden-Excessen, welches am 2. d. M. stattsand: Um 6 Uhr Abends nämlich brach ein übrigens bald gelöschter Brand in der ausschließlich von Juden bewohnten Straße Zarwanica aus, welcher abermals zu Zusammenrottungen Anlaß gab. Es kam nun wieder zu Raufereien, wüstem Pöbelgeschrei und schließlich zu der obligaten Praxis des Fenstereinwerfens. Ein angesehener jüdischer Kaufmann wurde bei dieser Gelegenheit mißhandelt. Unter dem Pöbelhaufen will man confiscirte Gesichter bemerkt haben, welche zur Ausschreitung anfeuerten, und in welchen, wie die hiesigen Bürger behaupten, russische Agenten zu suchen seien. Brünn, 17. October. Dem Vernehmen nach halten mehrere Vorsteher der Judengemeinden Mährens gegenwärtig Zusammenkünfte, um über eine Eingabe an die Regierung betreffs der Sonderstellung der jüdischen Volksschule zu berathen.