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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-11-17 · Heft 47 (17.11.1868) · p. Seite 932

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 47 (17.11.1868)
Date
1868-11-17
Page
Seite 932 (sequence 2)
Language
German
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932 Än der Natur der Menschenseele ist es begründet, sowohl die Erkenntniß zu suchen und dabei allein ihr eigenes Denken zur Richtschnur zu nehmen, also selbständig aus ihren Wahrnehmungen ihre Urtheile und Schlüffe zu ziehen, und aus den dadurch erlangten Begriffen die ganze Kette der Folgerungen zusammenzuschmieden, als aber auch Gegebenes und Ueberliefertes anzunehmen und fest darauf zu beharren. Der Mensch im Ganzen bedarf beides: er vermag sich nicht überall und immer eine eigene Ueberzeugung zu schaffen, und kann sich ebensowenig des eigenen Denkens, entschlagen. Weiterhin liegt es wiederum in der Sache, daß jedes philosophische System in der nachfolgenden Zeit kritisirt, umgestaltet und widerlegt wird und somit einem anderen philosophischen Systeme Platz macht. Denn da es stets der Ausfluß eines Individuums ist, kann es zwar andere Individuen als Jünger an sich ziehen, und nach seinem Gehalte eine große Wirksamkeit auf Gegenwart und spätere Zeiten üben, immer aber wird es durch andere Individualitäten zersetzt und beseitigt werden müssen. Weil es eben ein individuelles Produkt ist, war sein Schöpfer bei aller Genialität doch an die Vergangenheit, an seine Vorgänger ebenso wie an die allgemeinen Bedingungen seiner Zeit gebunden, und trägt bei aller Selbständigkeit, in seinen ersten Voraussetzungen, in seiner Methode und seinem Ziele die Resultate und das Gepräge seiner Vergangenheit und Gegenwart. Anders die positive Religion. Sie richtet sich an eine Gesammtheit, sie umfaßt dieselbe, duldet zwar, wenn sie duldsam ist, das Individuum, aber läßt es nicht gelten, kann sich nicht von ihm abhängig machen, findet die Zusammengehörigkeit ihrer Bekenner in dem gemeinsamen Bekenntniß, das sie daher auch nicht für einen Ausfluß eines Individuums ausgeben und anerkennen kann. Jede Philosophie muß an ihrer Stirn den Wahrspruch tragen: uon jurare in verba magistri, d. h. Jedermann, auch der eifrigste Jünger, muß selbständig das System im Ganzen und in allen Theilen prüfen und darf nicht schwören auf das Wort des Lehrers. Eine jede positive Religion muß den Wahrspruch an ihrer Stirn tragen: bekennst du nicht wenigstens die Grundwahrheiten, die ich lehre, so bist du von mir abgefallen. Es ist nun elbstverständlich, daß auch in den positiven Religionen sich Streitfragen selbst um diese Grundlehren, welche sie seien? welche zu ihnen gehören? erheben werden; indeß «erden dennoch immer gewisse Grundlehren als die unveränderlichen Elemente dieser positiven Religion sich Herausstellen, von denen gesagt werden muß, daß sie von deren Bekennern so und nicht anders vorgenommen werden müffen, wenn sie ihrer Religion noch angehören wollen. Um diese Grundlehren wird sich in aufeinanderfolgenden Zeiten an die Lehre selbst und an die konkrete Gestalt, welche die Religion annimmt, noch überaus Vieles legen, was dieser angehörig erscheint. In Folge dessen wird im Wechsel der Zeiten in jeder positiven Religion der Zwiespalt entstehen, ob auch an diesem gewordenen Körper etwas Modifizirbares sei, oder ob Alles was sich ihr angesetzt hat, ein so nothwendiges Erzeugniß ihres inneren Wesens sei, daß es ebenso wenig der kritischen Untersuchung und der Modifizirung unterliegen könne, wie ihre Grundlehren selbst. Dieser Zwiespalt brachte z. B. den Bruch der katholischen Kirche und des Protestantismus hervor und hat sich längst im letzteren erneuert; dieser Zwiespalt ist auch seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts im Judenthume entstanden und brachte die sg. orthodoxe und die reformistische Partei hervor. Darum giebt es eben auch innerhalb der positiven Religionen Parteien, Sekten, verschiedene Kirchen, wie z. B. auch im Islam die große Spaltung in Sunniten und Schiiten und in diesen wieder über siebzig Secteu, sie alle müssen in gewissen Grundlehren übereinstimmen, denn sonst hätten sie sich von dieser positiven Religion, zu der sie sich alle bekennen, getrennt, lösen sich aber von einander durch die Auffassung dieser Grundlehren, durch weitere Lehren und durch das große Gebiet der religiösen Formen. Weiterhin werden sich nun auch die verschiedenen positiven Religionen dadurch von einander unterscheiden, in wie weit ihre Lehren, deren Anerkenntniß sie von vornherein fordern, entweder als geschichtlich überliefert, gewissermaßen als Thatsachen unbedingt angenommen und geglaubt werden sollen, oder mit Gründen der Vernunft und des Herzens sich in Uebereinstimmung finden, also zwar als Grundlagen des Denkens und Fühlens angenommen werden müffen, aber doch hierzu eben tauglich sind, weil sie dem Verstände erkennbar, dem Herzen fühlbar sind. Hieraus fließt, daß in den verschiedenen positiven Religionen der Streit sich um so häufiger und allgemeiner erheben wird, je mehr von ihnen unbedingter Glaube an, dem Verstände widersprechende Grundlehren gefordert wird; oder aber nur zeitweilig aufkeimen und sich steigern wird, je mehr es sich in ihnen nur um die Frage wegen veränderlicher und unveränderlicher Formen handeln wird. Wer daher den Menschen nur irgend beobachtet und

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