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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-11-10 · Heft 46 (10.11.1868) · p. Seite 913

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 46 (10.11.1868)
Date
1868-11-10
Page
Seite 913 (sequence 3)
Language
German
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SIL gange in Rußland zu beobachten. Fünfzig Jahre steht der größere THÄ Polens unter der Herrschaft Rußlands, und es war dieser nicht gelungen, die Polen in irgend erheblicher Weise zu russifiziren, vielmehr machte von Zeit zu Zeit die polnische Nationalität krampfhafte Anstrengungen, sich ihr zu entziehen. Rußland will die Fortdauer dieses Zustandes nicht länger dulden und will alle Mittel, und seien sie der grausamsten Art, anwenden, unl Polen endlich zu entnationalisiren und den polnischen Kämpfen ein Ende zu machen. Man begreift die Motive der russischen Staatsregierung; sie will und kann Polen nicht aufgeben, und will und kann die Dinge nicht weiter so gehen lassen. Aber es ist ein entsetzliches Schauspiel, das hier dem 19. Jahrhundert gegeben wird, vor dem die Menschheit schaudernd sich das Antlitz verhüllt — und doch bleibt es fraglich, ob das Ziel erreicht wird. Der polnischen Nationalität gereicht es zum Vortheil, daß ihr Land getheilt worden, und kann sie sich daher immer wieder in Oesterreich und Preußen stärken, um den Bestrebungen Rußlands immer wieder Hindernisse zu schaffen. Wahrend also die Wirkung jener Gewaltsmittel eine zweifelhafte bleibt, ist die Quelle der polnischen Nationalität in Galizien und Posen durchaus nicht verstopft oder versiegt. — Jndeß kann man dieses Vorgehen in Polen nach seinen Motiven auf eine bloße Regierungsmaßnahme nicht beschränken. Es ist zugleich ein Ausfluß des neuerwachten und namentlich von Moskau aus genährten russischen Nationalgeistes, der sich eben so feindselig gegen die gewiß nicht aufrührerischen Deutschen in den Ostseeprovinzen zeigt und sie mit ähnlichen Maßregeln der Russisizirung bedroht und wiederum nach anderer Seite hin sich als Panslavismus offenbart, welcher alle slavischen Stämme unter das Scepter Rußlands bringen, und endlich mit gleichem Ziele in anderer Gestalt alle Anhänger der griechischen Kirche mit Rußland vereinigen will. Mit nicht geringerer Energie gravitirt das Czarenreich auch nach Osten und ein glücklich geführter Krieg gegen die Bucharei rückt die russischen Feldposten immer tiefer in Jnnerasien hinein. — Unter jenen Bestrebungen der russischen Politik kommen dann auch die Donauländer mit sammt der Türkei nicht zur Ruhe. Die angestrebten Reformen in diesem Theile Europas wollen aus der bloßen Aeußerlichkeit nicht heraus, und beständige Zuckungen künden unzweifelhaft an, daß hier der Prozeß neuer Staatengestaltung noch bevorsteht, der wahrscheinlich auch längst in stürmischen Erschütterungen sich Lust gemacht hätte, welln nicht die europäischeü Großmächte ihre starke Hand darüber gehälten hätten. — Diesen Bewegungen analog brachte das laufende Jahr für die Juden sehr gegensätzliche Erscheinungen. Von der einen Seite treten uns die glänzenden Erfolge entgegen, welche die -parlamentarische Umgestaltung Oesterreichs für^ die Gleichberechtigung aller Confessionen errang. Sie wurde mit überwiegender Mehrheit vom Reichsrathe sowohl in der Verfassung als in den confessionellen und Schulgesetzen ausgesprochen und hat sich bereits in vielen Thatsachen bewährt. Ebenso votirte endlich auch der ungarische Reichstag die Gleichstellung der Juden, wobei jedoch in Ungarn die Beibehaltung confessioneller Unterschiede auf dem Boden der Gleichberechtigung sich noch vielmehr fühlbar macht, was durch die geschichtliche Entwickelung der ungarischen Verfassung aus feudalen Institutionen heraus erklärlich ist. Wir haben daher jenseits der Leitha eine weitere Entwickelung noch zu erwarten, während im diesseitigen Oesterreich ein rascher und vollständiger Schritt zum Ziele gethan ward. Während daher hier die Gemeinde- und Schulverhältnisse der Juden der allgemeinen Gesetzgebung subsumirt wurden, beruft man in Ungarn einen jüdischen Congreß, der die Neugestaltung des jüd. Gemeinde- und Schulwesens berathen soll. Man wird diesen Auerkennungsakt der Autonomie rühmend hervorheben müssen, ohne jedoch zu verkennen, daß ihm eine Tendenz, den Separatismus durch eine gegliederte Organisation zu erhalten und zu stärken, einwohnt. Zuletzt überwand die Verfassung auch die Hindernisse, welche hartnäckig in Galizien von den Polen und Ruthenen der Gleichberechtignug der Juden entgegengesetzt worden, und räumte auch die Beschränkungen betreffs der örtlichen Gemeindeverfassüügen hinweg. Wie die Verfassung und die consessionellen Gesetze überhaupt einen Bruch mit dem Concordate voraussetzten, so auch die Gleichberechtigung der Juden, z. B. der Rück- und Uebertritt zum Judenthume. Es war daher nicht zu verwundern, daß bei der Opposition der klerikalen Partei deshalb der Judenhaß eine große Rolle spielte, und die Wortführer der letzteren alle ihnen widerwärtigen Vorkommnisie auf die Schulter der Juden wälzten, mit der offenbaren Absicht, dem Volke hierdurch die neuen Gesetze verächtlich zu machen. Bis jetzt fielen diese Versuche nur zum Schaden dieser Verläumder selbst aus. Jndeß ist auch der Kaiserstaat auf diesem Wege aus dem Kreise der dein Papstthume unbedingt ergebenen und im Geiste des Spllabus regier- 46*

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