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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-11-10 · Heft 46 (10.11.1868) · p. Seite 912

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 46 (10.11.1868)
Date
1868-11-10
Page
Seite 912 (sequence 2)
Language
German
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912 den ermöglichen; Jeder sucht Allianzen, und will doch ernstlich keine eingehen, weil sie ihn in ihren Consequen-. zen verpflichten^ könnten^ JeKrr kennt die Fragen, welche zu einem Kriege zu führen vermöchten, legt von diesen bei, was sich beilegen laßt, und sucht die anderen unberührt zu lassen. So ist die Lage unhaltbar, und doch hält sie Jedermann so lange fest, wie es geht, um sie nicht noch übler zu machen. Da fragt man sich wohl: was ist denn Grund und Ursache dieses Zustandes? Die Antwort ist nicht schwer: weil ein allgemeines Mißtrauen unter den Gewalthabern der Staaten — wir sagen nicht unter den Völkern — herrscht; Jeder schreibt dem Anderen geheime Pläne und Absichten zu, vor denen er auf seiner Hut sein müsse. Preußen trauen die anderen Staaten zu, das ganze Deutschland mit Gewalt sich unterwerfen zu wollen. Dagegen will man in Frankreich das Verlangen rege wissen, in Denischland gebieten, wenigstens die deutsche Einigung verhindern, Italien in seiner Botmäßigkeit erhalten, im Oriente das Machtwort führen, und neue Provinzen sich aneignen zu wollen. So sehr auch Oesterreich mit seinen inneren Verhältnissen beschäftigt ist und zu kämpfen hat, so kann man sich doch der Meinung nicht entschlagen, es habe vor, Preußen in seine alte Position wieder zurückzudrängen und sich in Deutschland seine alte Führerschaft wieder zu erobern. Endlich ist man von den ehrgeizigen Plänen Rußlands gegen Osten und Westen überzeugt, und gewärtigt sich von ihm unter günstigen Umständen nichts Gutes. Neben diesen, die äußere Politik betreffenden Zuständen bewegten sich die Vorgänge im Innern der Staaten vorwärts, und brachten große und überraschende Erscheinungen zu Tage. Wir wollen hier den Fortgang einheitlicher Entwickelung im norddeutschen Bunde nicht betonen, so überraschend es ist, in Mecklenburg ein Freizügigkeitsgesetz, in Hannover und Sachsen die Gewerbefreiheil zu sehen; denn dies Alles ist unmittelbare Folge des Vorhergegangenen. Merkwürdiger ist schon die neue englische Reformbill, welche fast schon das suffrage universel in die britischen Institutionen bringt, deren auf aristokratischem Grunde ruhendes Prinzip bis jetzt von einem allgemeinen Stimmrecht so weit entfernt war. Und doch ist diese Umwandlung in friedlichster und gesetzlichster Weise und unter einem Toryministerium zu Stande gebracht werden. Diesem stellt sich nun ein viel schwierigeres und verworreneres Ereigniß im österreichischen Kaiserstaate zur Seite. Hier trat ein parlamentarisches, wirklich constitutionelles Regime ein, und zugleich ein Dualismus, und ohne daß die Nationalitäten, genährt durch die, dem Reichsrathe durchaus nichhganz suborvrnivtem 17 Landtage^ ihrsn MdeÄspmch aufgaben. Man kann nichtverkörmen^ vaß§ jems paMlmmtarische Regime bedeutende Fortschritte gemacht hat; aber es findet der Hemmnisse so viele auf seinem Wege, daß seine Zukunft noch heute, so gefährdet erscheint wie früher. Wird der Ausgleich zwischen den beiden Hälften des Staates Stand halten, da die Magyaren in keinerlei Weise ihre Unabhängigkeit antasten lassen, und sie bis im kleinlichsten Detail bethätigt haben wollen? Werden in Ungarn selbst die verschiedenen Nationalitäten sich stets friedlich verständigen und die Vereinigung mit Kroatien rc. dauerhaft sein? Wird es gelingen, die Landtage in ihren Befugnissen zu beschränken? Wird es gelingen Polen, Czechen und Italiener, Tyroler, Krainer und Oesterreicher im Reichsrathe zu einer Körperschaft vereinigt zu erhalten? Wird es gelingen, die ultramontane und klerikale Partei im Zaume zu erhalten und den Staatszwecken gefügig zu machen? Diese Fragen sind noch alle zu lösen, und die Vorgänge in Böhmen und Tyrol, wie in Galizien machen die Hoffnung um so schwankender, als man nicht wissen kann, wie weit von oben her der ernste Wille, auf dem parlamentarischen Boden trotz dieser vielen Schwierigkeiten zu verharren, vorhanden sei und wie lange er ausdauern werde. An diese britische Reformbill und diesen österreichischen Parlamentarismus von 1868 schloß sich zuletzt noch die spanische Revolution, eine Revolution, welche, mit Ausnahme eines überflüssigen Gefechtes, ganz unblutig verlief, die bisherige Dynastie ohne Gewalttätigkeit über die Grenze schaffte und die freisinnigsten Prinzipien, ohne bisher auf den geringsten Widerstand zu stoßen, in einem Lande proklamirte, wo bislang die entgegengesetztesten Grundsätze herrschten. Freilich ist die Aussicht auf die Zukunft noch nicht wolkenlos. Wird das spanische Volk einig bleiben? werden die früher so heftigen Parteien sich verständigen? Werden die Führer ihre bisherige Hingebung an das gesammte Vaterland auch fernerhin bewahren? Wird man es verstehen, jene Prinzipien zu realen Institutionen zu verkörpern? Das find Fragen, die heute noch Niemand beantworten kann. Aber die Thatsache ist doch da, daß diese Revolution in schnellster und ruhigster Weise im Innern geschehen und von Außen her respektirt ist. Diesen fortschrittlichen Arbeiten des Westens steht der Osten gegenüber. Hier haben wir zunächst die Vor-

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