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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-11-03 · Heft 45 (3.11.1868) · p. Seite 908

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 45 (3.11.1868)
Date
1868-11-03
Page
Seite 908 (sequence 18)
Language
German
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auf die Vergangenheit, erklärt aber noch nicht den Unteischied für die Zukunft. Ich kann mich nicht der Meinung entschlagen, daß bei Bezeichnungen, die immer wiederkehren, doch ein tieferer Begriff zu Grunde liegen muß, und den suche ich, an Worten ist mir sonst nicht viel gelegen. B. Sie haben ganz Recht, verehrte Frau, denn die Frage über den Anfang der menschlichen Seele ist doch auch sehr dunkel und nicht bloß einige ältere Philosophen, wie Plato, sondern auch unsre Weisen sprechen, wenn auch vorsichtig mehr im Legendeutone, von der Präexistenz der Seele, d. h. von dem Bestände derselben vor der Geburt des Menschen auf der Erde. Es werden sogar mehrfache Grunde angeführt, die sich hören lassen, und die aus andere Art nicht gut erklärt werden können. D. Ohne diese zweite Frage beantworten zu wollen, muß ich mich doch dagegen auf die von mir angeführte Schlußfolgerung stützen. Niemand wird mir ableugnen, daß die Seele ein Geschöpf Gottes ist, also geschaffen sein, also einen Anfang haben muß. Das Wann und Wie? läßt sich freilich nicht bestimmen. Ich. Freilich kann man hiergegen nichts einwenden; aber ich glaube doch mit unserer liebenswürdigen Fragestellerin, daß wir der Sache ein wenig mehr auf den Grund gehen müssen. Da früge sich zuerst: was heißt denn ewig? A. Ganz Recht, so kommen wir zur Sache. Doch scheint mir die Frage nicht schwer: ewig ist, was zu aller Zeit ist. Ich. Sehr richtig. Da müssen wir aber weiter fragen: was ist Zeit? denn wenn ewig ist, was zu aller Zeit ist, müssen wir wissen, was 'Zeit bedeutet. A. In der Thal, so ist es. Es ist doch erstaunlich, wie oft wir unser Leben lang Worte gebrauchen und verstehen, und dennoch nicht wissen, auch gar nicht darüber Nachdenken, was sie eigentlich bedeuten. Ich gestehe, nicht zu wissen, was die Zeit ist. B. Run, mir däucht, Zeit ist das Nacheinander, wie Raum das diebeneinander. Ich. Das ginge schon, wenn wir nur durch die Bezeichnung Nacheinander etwas mehr erführen als durch Zeit. Mir scheint, daß beide Worte dasselbe besagen, ohne etwas Näheres zu erklären. D. So würde ich sagen: Zeit ist das Maß des Bestehens der Dinge. A. Dies leuchtet mir ein, und ich hätte dann gleich eine bestimmte Vorstellung. Eine Umdrehung der Erde um die Sonne giebt mir das Jahr, um sich selbst den Tag. Die Zeit eines Gegenstandes wäre also die Zahl der Umdrehungen der Erde um die Sonne und um sich selbst, das ist das Maß seines Bestehens. C. Vortrefflich. Die anderen Maße sind freilich willkürlich, und wir könnten den Tag in Stunden, Minuten u. s. w. auch nach dem Dekadensystem eintheilen, wie jetzt Gewicht, Maß und Münze. Für den Monat haben wir die Umdrehung des Mondes um die Erde, aber das paßt mir nicht gut in das Sonnenjahr hinein, für die Woche je ein Mondesviertel, da findet ja immer eine Ausgleichung betreffs des Überschusses statt. Für die Wesen der anderen Planeten würde freilich die Dauer dieser Maße anders ausfallen, und die Sonne und die anderen Fixsterne können sich ihre Maße anderseitig von den um sie sich drehenden Planeten entnehmen. Ich. Das wäre schon ganz gut, wenn diese Umdrehungen nicht bloß Zeitmaße, als Maße der Zeit, also nach unserer Erklärung Maße des Maßes des Bestehens der Dinge wären, so daß wir durch sie für das Maß, d. h. für die Zeit selbst, doch noch nichts erklärt hätten. Nur Eines scheint mir durch unsere Erklärung gewonnen zu sein, nämlich, daß die Zeit an sich Nichts ist, sondern ebenso wie der Raum nur an den Dingen selbst. Gewöhnlich stellen wir uns vor, daß wir und alle Dinge in der Zeit bestehen, so daß sie lange vor uns schon war und noch lange nach uns sein werde. Wir haben es uns jetzt deutlich gemacht, daß es nicht so ist, sondern daß eben die Zeit nur an uns und an allen anderen Dingen ist. Darauf können wir weiter bauen. Stellen wir uns vor, ein Wesen wäre immer und immer so wie es ist, unveränderlich dasselbige — und dies meinen wir ja von Gott und ist ein wesentlicher Inhalt seines Begriffes — können wir denn sagen, daß dieses Wesen eine Zeit ist? A. Nein, sicherlich nicht. Die Zeit existirt nicht an demselben und für dasselbe. Da es immer so und nicht anders ist, so hat sein Bestehen auch kein Maß. B. Das will wohl auch der Psalmist sagen, wenn er spricht: „Bei Gott sind tausend Jahre wie ein Tag", denn er hätte ebenso gut zehntausend oder eine Million sagen können; er wollte sagen: bei und an Gott giebt es keine Zeit. Ich. Nun, so haben wir auch am Gegentheil, was Zeit ist. Zeit ist nichts Anderes, als die Veränderungen, die an einem Wesen vor sich gehen. Alle Wesen außer Gott verändern sich und zwar unaufhörlich, und haben darum also alle eine Zeit. Diese Veränderungen können nicht anders als nach einander geschehen, sie sind die Verschiedenheiten der Art des Bestehens jedes Dinges, und diese folgen ans einander. Dies ist der Begriff der Zeit, und scheint mir nach allen Seiten hin zu genügen. A. Können wir denn aber sagen, daß Anfang und Ende eines Dinges auch nur Veränderungen seines Bestehens sind? D. Wie anders wohl? Die Zusammensetzung der Elemente zu einem bestimmten organischen und anorganischen Dinge nennen wir dessen Anfang, aber jene Elemente bestanden von jeher, nur in anderen Zusammensetzungen, so daß sie in anderen organischen oder anorganischen Dingen vorhanden waren. Und ebenso ist das Ende eines Dinges die Auflösung seiner Elemente und ihr Uebergang zu einer anderen Zusammensetzung. Es liegt also in beiden nichts als eine Veränderung. ilii

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