Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 45 (3.11.1868)
- Date
- 1868-11-03
- Page
- Seite 900 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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900 Gränzen bezeichnen, welche die wahre Religion von dem Fanatismus trennt. Die Verfassungen des modernen Spaniens, selbst die allerliberalsten, haben alle auf das gewissenhafteste ihre Achtung dieser lebhaften und unablässigen Vorsorge unseres Vaterlandes gezollt, und wenn zuweilen, wie 1836, 'man einen Schritt in der entgegengesetzten Richtung schüchtern zu machen versuchte, so hat die Wirkung des Schreies, den gewisse Parteien mit mehr als zweifelhafter Aufrichtigkeit erhoben, auf die einfachen Gemüther bewiesen, daß die öffentliche Meinung noch nicht reif war und daß es unerläßlich sei, eine geeignetere Gelegenheit abzuwarten, um den gesetzlichen Zustand in einer so empfindlichen Frage zu reformiren. Glücklicher Weise haben seitdem die Ideen eine gründliche Aenderung erlitten, und was noch vor kurzer Zeit als eine schmeichelnde Hoffnung betrachtet wurde, die erst in langer Zeit sich erfüllen könne, wird heute eine unmittelbare Thatsache, ohne daß die Geschäftsleute sich beunruhigen und ohne daß eine einzige Stimme den allgemeinen Einklang störe. Dieser wichtige Erfolg ist, um die Wahrheit zu sagen, zum großen Theile dem großartigen Schauspiele der auffallenden Triumphe zu verdanken, welche überall der moderne Geist erlangt hat, dessen überwältigende Macht die stärksten Dämme durchbrach und vor welchem aller Widerstand fällt. Aber, was Spanien betrifft, so besteht noch ein anderer Umstand, von welchem es traurig, aber nothwenoig ist, zu reden: wir wissen nicht, ob es dem Einverständnisse oder nur der Zulassung derjenigen zuzuschreiben ist, welche es hätten vermeiden können, aber es ist sicher, daß seit einiger Zeit der Name der Religion beständig in eine befremdliche und wenig würdige Verbindung gebracht wurde mit den ärgsten Willkürhandlungen, welche die unter dem allgemeinen enthusiastischen Beifalle gestürzte Regierung so reichlich verübte. In der irrigen Meinung, daß ein heiliger Mantel dienen könne, um die unanständige Nacktheit gewisser profaner Dinge zu verhüllen, hat man in die hitzigsten Kämpfe der Politik das hineingezogen, was niemals der gefährlichen und oft unsauberen Berührung mit den weltlichen Leidenschaften ausgesetzt sein darf. Daher kommt nicht eine Lauheit der katholischen Gesinnung, welche letztere glücklicher Weise noch immer und lebhaft besteht, aber wohl die allgemein angenommene Meinung, daß der Wetteifer auf religiösem Gebiete, hervorgerufen durch eine weise Freiheit, nöthig ist, um der aufgeklärten Thätigkeit der Geistlichkeit eine würdige Nahrung zu gewähren und derselben die Gegenstände zu liefern für eine Discussion im Einklänge mit der Höhe der soliden Wissenschaft und ihres ehrwürdigen und geheiligten Charakters. Die Volksjunten haben in dieser Beziehungen ebenfalls ihre Meinungen und Wünsche kundgegeben und wenn man absieht von der Verschiedenheit der Formen, die in dem Wirbel der Ereignisse unmöglich ganz correct und nach einem gemeinsamen Muster improvisirt werden können, so ist der Grundgedanke von allen derselbe. Wir dürfen nicht in der religiösen Bewegung der Welt überholt oder isolirt werden. Deßhalb wird das Verbot aufgehoben werden und und unnütze Vorschriften und illusorische Sanctionen werden aus unseren Gesetzbüchern verschwinden, wie sie schon aus unseren Sitten verschwunden sind. Die dogmatischen Verschiedenheiten werden nicht mehr, wie sie es bisher gethan, Unverträglichkeiten und Ausschließungen herbeiführen, welche das Bewußtsein freier Völker verwirft und verurtheilt." Man sieht leicht, daß dies viele und doch nicht klare Worte sind, daß die provisorische Regierung hiermit garnichts Bestimmtes ausspricht, wo es so leicht gewesen wäre, mit wenigen Worten Alles zu sagen. Diese Verklausulirungen erwecken keine große Hoffnung. Die provisorische Regierung will offenbar die Thüre für die Cultusfreiheit noch nicht offen lassen, sondern abwarten, bis man aus dem Volke heraus sie öffnet — wahrscheinlich um der klerikalen Partei nicht ein scharfes Schwert gegen sie in die Hände zu geben. Herr Guedalla, Vorsteher der portugiesischen Gemeinde in London, hatte sich an Prim gewandt, um die Aufhebung des die Juden aus Spanien verbannenden Decretes zu erhalten. Prims Antwort lautet: An Herrn H. Guedalla, Präsident der spanisch-portugiesischen israelitischen Gesellschaft. London. Mein Herr! Ich erhalte so eben Ihr Glückwunsch- Schreiben, welches Sie im Namen Ihrer Glaubensgenossen an mich richten. Ich danke Ihnen verbindlichst für die darin ausgedrückten Gefühle für meine Person. Ich hege die Ueberzeugung, daß der Sieg der Revolution ohne alle Beschränkung alle und jede Religionsfreiheit mit sich bringen wird; das, was Sie aber mit vollem Rechte von mir begehren, kann ich nicht selbstständig und allein bewilligen. Richten Sie