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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-11-03 · Heft 45 (3.11.1868) · p. Seite 895

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 45 (3.11.1868)
Date
1868-11-03
Page
Seite 895 (sequence 5)
Language
German
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ren. Was uns aber noch in Preußen und weiter im Norddeutschen Bezirke gänzlich fehlt, das ist ein Institut, welches die jüdischen Gemeinden anderer Staaten, wie z. B. Oesterreichs, längst bereits besitzen, das ist eine Anstalt, welche sich der öffentlichen Beachtung naturgemäß umso länger entzieht, je beschränkter und unglücklicher der Bruchtheil ist, dem sie zu Gute kommt, das ist ein jüdisches Taubstumme n-Jnstitut. So bewundernswürdig und großartig auch immer die Leistungen der bestehenden Königlichen Taubstumiilen-Jnstitute in Preußen sind, so segensreich und gemeinnützig deren Wirksamkeit auch aller Welt erscheinen muß, weil sie einer ganzen unglücklichen Klasse von Menschen im Antheil an der Bildung des Geistes und des Herzens ein Surrogat für das ihr von der Natur versagte Werkzeug der Sprache bietet, so geht doch in diesen Anstalten speciell für die jüdischen Zöglinge ein unveräußerliches, unschätzbares Gut verloren, dessen Besitz den ganzen innern Menschen erfüllen muß, um in allen Lagen des Lebens sich zurecht zu finden und sich im Zusammenhänge mit dem trotte der Väter und der Glaubensgcnoffenschaft zu wissen — ich meine das religiöse Element. Ich selbst habe einige Jahre hindurch am hiesigen königlichen Taubstummen-Institute im Aufträge der Gemeinde einen wöchentlich zweistündigen Religionsunterricht an die jüdischen Zöglinge ertheilt und mich überzeugt, daß trotz aller angewandten Mühe und der ernstesten Hingabe an die Sache es unnzöglich ist, durch diesen Unterricht allein das jüdisch-religiöse Bewußtsein in die jugendlichen Herzen zu pflanzen; vielmehr fand ich, daß in ihnen der Sinn für christlich religiöse Anschauungen nicht nur geweckt, sondern wie systematisch anerzogen schien, gegen welchen der jüdische Religionslehrer auch bei einer größeren Zahl von llnterrichtsstunden vergeblich ankämpfen würde. Und nicht nur meine eignen Erfahrungen können diese nierkwürdige Erscheinung bestätigen, sondern mit meinem Urtheile stimmen auch die Angehörigen solcher Taubstummen überein, welche bereits der Schule entwachsen sind und sich ihrem Judenthume gegenüber ganz apathisch verhalten. Es ist hier nicht der Ort zu untersuchen, auf welchen Gründen jene betrübende Erscheinung beruht, aber so viel ist klar, daß eben aus dieser Erscheinung das practische Bedürfniß zur Errichtung eines jüdischen Taubstummen-Jnstitutes hergeleitet werden' muß, damit für die religiöse Gesammterziehung dieser unglücklichen und auf die Hülfe der redenden Brüder angewiesenen Klasse von Glaubensgenossen hinreichend gesorgt werden könne! Es wäre dieses ein verdienstvolles Werk, ein Werk echter Menschlichkeit und Brüderlichkeit, eine solche Anstalt baldthunlichst in's Leben zu rufen! Männer, wie Sie, hochgeschätzter Herr Rcdacteur, deren ganzes Leben und Streben jüdischen Interessen gewidmet ist und deren Einfluß so mächtig auf die öffentliche Meinung ist, so wie angesehene Rabbiner bedeutender Gemeinden wären am geeignetsten, das bezeichnet Unternehmen in Angriff zu nehmen und zur Ausführung zu bringen. Ich bin überzeugt, daß es an der regen Betheiligung von Seiten der Gemeinden nicht fehlen würde und daß die mit Glücksgütern gesegneten Glaubensgenossen zu einem solchen guten Zwecke opferfreudig ihre Spenden auf den Altar echter Gottesfurcht reichlich niederlegen würden. Um die Wahl des Ortes, in welchem ein solches Institut zu errichten wäre, dürfte man nicht verlegen sein. Zweifelsohne wäre Berlin der geeignetste Platz dafür, weil hier unter unseren Glaubensgenossen ein seltener Gemein- und Wohlthätigkeitssinn mit der erforderlichen Wohlhabenheit verbunden, herrscht, bei welchen eine gute Sache immer ihren gedeihlichen Fortgang findet. Außerdem wäre hier den für die Anstalt zu gewinnenden Kräften hinlängliche Gelegenheit geboten, sich für den Beruf die nöthige Befähigung zu erwerben. Mögen diese meine Worte, welche ich innerlich getrieben hier niederschreibe, nicht in den Wind gesprochen sein! Mögen sie vielmehr in der öffentlichen Meinung ihren wohlverdienten Wiederhall finden und bewirken: „daß recht bald ein jüdisches Taubstummen- Jnstitut in Preußen, rcsp. Berlin errichtet werde." Hermann Tietz. Berlin, 18. October. lPrivatmitth.) sDie Jacobson-Säkularfeier.j Während des gestrigen Morgengottesdienstes iSabbath Noach, hielt Herr Rabbiner Dr. Aub in der neuen Synagoge die hundertjährige Gedächtnißfeier an den hochverdienten Israel Jacobsou ab. Die für unsere Glaubensgenossen und besonders die der Stadt Berlin so segensvolle Thätigkeit des Verstorbenen erstreckte sich auf drei Gebiete: die politische Befreiung, die Veredlung

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