Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-10-27 · Heft 44 (27.10.1868) · p. Seite 889

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 44 (27.10.1868)
Date
1868-10-27
Page
Seite 889 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226635-3226680--26582-3262130
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Gemea: „Ob ich sie kenne? Ich selbst bin ihre Mutter!" Kaum aber hat die Gräfin dies vernommen, und sie will mit aller Gewalt das Wort wieder zurücknehmen, wodurch sie sich verrathen — will vom Golde der Wucherin Nichts wissen, sondern anderswo Hülfe suchen — will so eilig als möglich die Hütte verlassen. — Doch hierzu ist es zu spät. Denn schon hat Gemea einem Diener gewinkt, der die Gräfin in Gewahrsam nimmt, während sie selber — Rutchioni in seinem Versteck ganz und gar vergessend — nach dem Palaste Lomellini eilt, um daselbst ihr Kind aufzusuchen und wiederzufinden. — Soweit die beiden ersten Acte des Sejour'schen Dramas. — (Schluß folgt.» Ludwig Börne. (Schluß.) Jetzt fällt es wohl Niemandem mehr bei, Börne für einen Feind und Hasser Deutschlands und für einen Freund und Diener Frankreichs zu halten, wie es nach dem Erscheinen seines ersten Bandes der Pariser Briefe der Fall war, wo sehr viele seiner früheren Bewunderer ihn mit Schimpfreden überhäuften, Nur kleine Seelen können es nicht begreifen, daß man den züchtigen und geißeln kann, welchen man am meisten liebt, und daß der selbst am tiefsten leidet, der dies vollziehen muß. Seine Vorliebe für Frankreich ging nur so weit, wie es der Freiheit diente und diese errungen hatte. Vom ersten Schritte, den es von diesem Pfade wieder abwich, kehrte sich Dn Abscheu und seine Verachtung nicht minder gegen dasselbe. Aber für Deutschland glüht seine enthusiastische Liebe zu aller Zeit, und dessen Erniedrigung wühlt die Leidenschaft in seiner empfindungsreichen Seele auf. Seitdem ist es in Deutschland anders geworden; das deutsche Selbstbewußtsein und die Scham über seine Zustände ist allgemein; diese selbst haben keine geringen Fortschritte zur Erhebung und zur Besserung gemacht, und so muß sich auch das Urtheil über Börne reinigen. Die Politik war also das ganze Leben Börne's; aber er war kein Theoretiker und Doktrinär, sondern praktisch und realistisch durch und durch, nur daß er dies nicht so verstand, den Faden der Entwickelung aus den gegebenen Verhältnissen und ihnen gemäß fortzuspinnen, sondern mit der Vergangenheit auf einmal abzubrechen und das zu Erstrebende sofort zu verwirklichen. Auch hierin war er Dichter, und glaubte, daß "nt veränderten Institutionen die Menschen alsbald anders werden würden; er glaubte daher immer Alles ganz nahe, was noch einen sehr weiten Weg zurückzulegen hatte und hat. Im zweiten Bande seiner Pariser Briefe beantwortete er einmal den Borwurf, der ihm gemacht worden, daß er eigentlich nicht sage, was er denn Positives verlange? Er zählt daher dieses auf. Mustern wir dieses dutch, so müssen wir sagen, daß Vieles, was er fordert, jetzt bereits da oder in der nächsten Zeit sicher zu erwarten ist. Börne würde nicht ganz zufrieden damit sein, weil das Meiste noch so verklausulirt und bedingt ist, daß es ihn heute nicht befriedigen würde. Wir jedoch erkennen daraus die bedeutenden Fortschritte, welche seit dem Tode Börne's gemacht worden, wenn wir auch seitdem abermals eine Reactionsperiode durchzukämpfen hatten. Heute wäre es ihm mehr zum Bewußtsein gekommen, daß immer hinter der Lösung einer Frage eine neue steht, ein neues Problem sich aufstellt, das meist noch viel schwieriger zu lösen. Sejne Vorstellung von der socialen Frage war noch eine sehr verworrene. In einer sogenannten Republik geboren und groß geworden, neigte sich Börne bald zum Republikanismus und wurde nach den Congressen und unter dem Gouvernement Ludwig Philipp's zum entschiedenen Republikaner, zum Hasser des monarchischen Princips. Er schweift darin bis zur äußersten Grenze der Leidenschaftlichkeit aus. Die unerhörte Weise, in welcher in Frankfurt a.M. mit den Juden verfahren wurde, die man 1811 ihre bürgerliche Freiheit mit' einer großen Summe erkaufen ließ, sie aber nach der Restauration derselben wieder beraubte ohne Ersatz des Kaufgeldes, regte Börne zunächst auf, für das Recht der Juden in die Schranken zu treten, und er vergaß dieses Verhältniß niemals. Er versuchte auch wiederholt die Juden in die revolutionären Bestrebungen hineinzuzieheu. Als er mit dem ersten Bande seiner Pariser Briefe hervorgetreten, fehlte unter den gemeinen Lästerungen, mit denen man ihn überhäufte, der Vorwurf, daß er ein Jude sei, niemals, ja man suchte darin die Erklärung seines vermeintlichen Hassesgegen die Deutschen. Was er daraus erwiderte, wollen wir hier noch Herstellen, weil es zugleich seine Stellung zum Judenthume scharf markirt. „Die armen Deutschen! Im untersten Geschosse wohnend, gedrückt von den vielen Stockwerken der höheren Stände, erleichtert es ihr ängstliches Gefühl, von Menschen zu sprechen, die noch tiefer als sie selbst, die im Keller wohnen. Keine Juden zu sein, tröstet sie dafür, daß sie nicht einmal Hofräthe sind. Nein, daß ich ein Jude geboren, das hat wich nie erbittert gegen die Deutschen. Ich wäre ja nicht werth das Licht der Sonne zu genießen, wenn ich die große Gnade, die mir Gott erzeigt, mich zugleich ein Deutscher und ein Jude werden zu lassen, mit schnödem Murren bezahlte — wegen eines Spottes, den ich immer verachtet, wegen Leiden, die ich längst verschmerzt. Nein, ich weiß das unverdiente Glück zu schätzen, zugleich ein Deutscher und ein Jude zu sein, nach allen Tugenden der Deutschen streben zu können, und doch keinen ihrer Fehler zu theilen. Ja, weil ich als Knecht geboren, darum verstehe ich die Freiheit besser als Ihr. Ja, weil ich die Sklaverei gelernt, darum verstehe ich die Freiheit besser als Ihr. Ja, weil ich in keinem Vaterlande geboren, darum

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.