Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-10-27 · Heft 44 (27.10.1868) · p. Seite 888

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 44 (27.10.1868)
Date
1868-10-27
Page
Seite 888 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226635-3226680--26581-3262129
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

nehmen Familien des Landes Geld vorschießl, wenn sie sich in Verlegenheit befindend — Dies erzählt uns nämlich Rutchioni, der überhaupt mehr weiß als tausend Andere im Orte, und dem es denn auch kein Geheimuiß geblieben, daß das unscheinbare Haus Gemea's große Schätze — die er sogar auf Millionen anschlägt — geborgen halte. Diese ungeheure Entdeckung verdankt der Lazzaroni seinem Scharfsinn, und er will sie benutzen, um sich und seine Kameraden, denen er davon Mittheilung gemacht, zu reichen Männern zu machen. Die Kartenlegerin soll ihres Vermögens gewaltsamer Weise beraubt werden. Da ihre,,Karten" ihr aber immer Alles genau Voraussagen, so hat sie natürlich zeitig genug dafür zu sorgen gewußt, daß die Banditen beim Einbrüche, statt strotzender Geldsäcke, nur leere Schränke und Kasten finden sollen. — Bei dieser Gelegenheit jedoch wird Rutchioni von Gemea erkannt, schlau zurückgehalten und für die Ausführung ihres Planes gewonnen. — Wohin aber zielt dieser Plan? — An Ottavio Salvati, dem nunmehrigen Grafen Doriani, bittere Rache zu üben — und zwar da, wo er am empfindlichsten, wo es für ihn am schmerzlichsten und grausamsten ist, den vergifteten Pfeil der Wiedervergeltung auf ihn abzudrücken. In seiner Liebe soll er tödtlich verwundet, soll der vernichtende Streich auf sein Herz geführt, werden. Denn Gemea weiß es bereits, daß der reiche und stolze Graf Doriani kein Anderer als der Sohn Martha's ist, von der ihr ganzes Elend herrührt; sie weiß auch, daß er als der vertrauteste Freund im Palaste der Lomellini's verkehrt — und sie weiß endlich, daß er die reizende Paula glühend liebt, daß er von ihr nicht minder glühend geliebt wird — ja, daß zwischen Beiden sogar schon die Berlobungsringe gewechselt worden. — Dies Alles hat die kluge Jüdin längst ermittelt, und sie sinnt nun darauf, die Braut dem Bräutigam zu entführen. — Hierzu wird sie aber noch von einem andern Beweggründe getrieben. — Sie hat nämlich schon zu öftern Malen die junge Gräfin Lomellini gesehen und in deren Zügen mit dem Bilde Noomi's, das nie aus ihrem Geiste geschwunden, eine überaus merkwürdige Aehnlichkeit gefunden. Was Wunder also, wenn in ihr die Vermuthung, die tröstende und belebende Hoffnung aufgestiegen, daß Paula wohl gar ihre „getaufte und geraubte Tochter selber" sein könnte? Je mehr sie aber diesem Gedanken Raum, je mehr sie dieser Hoffnung Nahrung giebt, desto lebhafter und eifriger natürlich denkt sie an die Verwirklichung ihres Planes; denn gelänge ihr die beabsichtigte Entführung, so hätte sie dadurch vielleicht das Hauptziel ihres Lebens und Strebens erreicht, nämlich: das allgewaltige Sehnen ihres Herzens gestillt — oder sie hätte, wenn ihre Hoffnung eine trügerische gewesen, wenigstens — wie der Dichter es will und, seiner Tendenz gemäß, stark betont — ihren glühenden Rachedurst gesättigt und den Sohn Martha's zu Grunde gerichtet. — Während jedoch Gemea im Begriffe steht, über die Ausführung ihres finstern Vorhabens mit Rutchioni zu unterhandeln^ wird ihr die Gräfin Bianca v. LmneltinH aPgeuwldet, und sie hat nun natürlich nichts Eiligeres zu thun, als den Erstern zu verbergen, um die Letztere ungestört zu empfangen. — Was aber will die Dame des Palastes bei dem Weibe in der Hütte? — Sie giebt allerdings vor, sich „die Karten legen lassen" zu wollen, hat im Grunde aber nur die Wucher in aufgesucht, um mittelst eines bei derselben zu machenden großen Geldanlehens sich und ihre ganze Familie aus Noth und Schande zu retten. Ihr Gatte nämlich, der Graf Lomellini, sitzt gefangen, und von seiner persönlichen Freiheit hängt auch die Rettung seiner reichen Güter ab, die sonst der Confiscation anheimfielen. Die Kartenlegerin hat dies schnell erforscht, sowie ein einziger Blick in das Antlitz der fremden Dame sie überzeugt hat, daß dieselbe keine Andere sei, als die Frau, mit welcher sie vor 17 Jahren zu Bisagno am Kutschenschlage um das Kind, das jene mit sich führte, verzweiflungsvoll kämpfend gestritten. Durch die Narbe auf der innern Fläche der rechten Hand der Gräfin — eine untrügliche Spur der Wunde/ welche Bianca bei jenem Kampfe davougetragen — wird Gemea in ihrer Ueberzeugung nur bekest^Mso daß gegen dieselbe gar kein Zweifel mehr aufWtzhLMann, und die Jüdin den Muth hat, Alles, was jetz^v^ihxem geistigen Auge lebendig dasteht, ihrem vornehmen HcM geradezu in's Gesicht zu sagen. Es sei uns gestattet, Einiges hiervon wörtlich anzuführen. .... „Nicht wahr, Ihr habt eine Tochter?.Ihr nennt Euch Mutter jenes Kindes. Ich Hage Euch aber: Jenes Kind wird von seiner Mutter gesucht. Ihr seid Gräfin und eines Herzogs Tochter, jenes Kind dagegen ist von niederer Herkunft — es stammt von einem Volke ab, das böse Menschen verhöhnen und mit Füßen treten. — Ihr seid Christin, jenes Kind hingegen ist eine Jüdin!" — Und ebenso freimüthig sagt Gemea der Gräfin, zu welchem Zwecke diese eigentlich in die Hütte gekommen. - Und Gold bietet sie ihr an, so viel ihr nur nöthig, um den Gatten zu lösen — ja, Alles, was sie an Reichthümern besitzt, stellt die Jüdin der Christin zu beliebiger Verfügung, wenn Letztere nur die eine Frage ehrlich beantworten wolle, ob Paula ihre Tochter? — Bianca v. Lomellini sucht nach allen Seiten auszuweichen und womöglich dem Gespräche eine andere Richtung zu geben. Umsonst. Die Kartenlegerin bleibt beharrlich bei der Frage: „Ist Paula Deine Tochter?" Die Gräfin: (endlich wankend) „Versprecht Ihr mir, daß das Mädchen auch ferner bei mir bleibt?" Gemea: (mit einem Freudenschrei) „Ha! Weiter brauche ich Nichts! Du hast es schon gesagt: Sie ist nicht Deine Tochter!" Die Gräfin: „Kennt Ihr die Mutter?"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.