Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 44 (27.10.1868)
- Date
- 1868-10-27
- Page
- Seite 890 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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890 wünsche ich ein Vaterland heißer als Jbr, und weil mein Geburtsort nicht größer war als die Judengasse, und hinter dem verschlossenen Thor das Ausland für mich begann, genügt mir auch die Stadt nicht mehr zum Baterlande, nicht mehr ein Landgebiet, nicht mehr eine Provinz; nur das große Vaterland genügt mir, soweit seine Sprache reicht. Und hätte ich die Macht, ich duldete nicht, daß Landgebiet von Landgebiet, daß deutschen Stamm von deutschem Stamm auch nur eine Gasse trennte, nicht breiter als meine Hand, und hätte ich die Macht, ich duldete nicht, daß nur ein einziges deutsches Wort aus deuschem Munde jenseits der Grenze zu mir herüberschallte. „Und weil ich einmal aufgehört, ein Knecht von Bürgern zu sein, will ich auch nicht länger der Knecht eines Fürsten sein; ganz frei will ich werden. Ich habe mir das Haus meiner Freiheit von Grund aufgebaut; macht es wie ich, und begnügt Euch nicht, das Dach eines baufälligen Staatsgebäudes mit neuen Ziegeln zu decken. Ich bitte Euch, verachtet mir meine Juden nicht. . .." Kleine Mittheilrmgen. Im sechsten Bande seines Geschichtswerkes theilt uns Dr. Grätz iS. 277) mit, daß inmitten der härtesten Verfolgungen Süßkind aus Trimberg an der Fränkischen Saale in der Sangweise Walther's von der Vogelweide ein jüdischer Minnesänger gewesen. In dem nahen Würzbnrg lebte er als Arzt in einem Hospital und sang in freien Stunden, die Laute in der Hand, seine kunstgerechten Weisen, von denen uns Grätz Proben mittheilt. Es war daher ganz passend, daß in der 20. Versammlung der deutschen Philologen zu Würzburg Professor Kreizenach bei der Besprechung der literarischen Momente der mittel-hochdeutschen Zeit ausführlich auf Süßkind von Trimberg einging, und bekämpfte er die Meinung, daß derselbe nur aus Mißverständniß einiger Wendungen in seinen Liedern als Jude bezeichnet worden sei. Mit dieser Ausführung erklärte sich Professor Hildebrand einverstanden und knüpfte daran Erörterungen über andere ganz neuerdings zugänglich gemachte literarische Denkmäler, aus denen der lebhafte Antheil, welchen die Juden des Mittelalters an deutscher Dichtung und Sage genommen, unzweifelhaft hervorgeht. So sei ein episches Gedicht vorhanden, worin ein Jude die Thaten Samuel's im Stil etwa des Rosengartens, besingt. Diese Dichtung wurde im 16. Jahrhundert mit hebräischen Lettern gedruckt. Wir empfehlen diese Notiz jüdischen Literaturhistorikern. J. P. Ueber die Persönlichkeit Mose's nach ägyptischen Quellen hielt Dr. Laut aus München auf der Philologen-Versammlung zu Würzbnrg einen längern Vortrag, über den wir der A. A. Z. nachfolgendes Nähere entlehnen: In zwei ägyptischen Papyrus-Urkunden ist die Rede von einer Persönlichkeit, die der Redner auf Moses deutet. Es kommt darin unter Anderem vor, daß der Schreiber Hui den Mesu anklagt bei seinem Oberen, er habe ein Bad (d. h. wohl ein Seebad) genommen, Fische gegessen, was Beides ägyptischen Priestern verboten war, und von einer Reise nach Syrien, die er gemacht, mancherlei Verbotenes erzählt. Dieser Mesu wird als Marina, d. h. großer Herr, bezeichnet — ein Titel, der nicht den Aegyptiern, sondern nur den Apries, d. h. Ebräern erthei.lt wurde. Es wird von ihm gesagt: er habe in Anu (On, Heliopolis) studirt, er sei ein Dreißiger gewesen, d. h. Mitglied des ägyptischen Areopags, er habe Kriegszüge unternommen, bei denen 5000 Mann unter ihm gestanden; aber er wird nun zugleich bezeichnet als ein Forscher über religiöse Dinge, von dem es heißt: Dein Wissen ist ein Gebirg, dein Götterkreis, nicht ist er bekannt u. s. w., d. h. also ein Neuerer in Religion. Er wird geschildert als jähzornig, zugleich aber als schön, ganz wie Moses im Exodus. Endlich hat er außer Mesu, d. h. Kind, noch einen anderen Namen, der Binsenkörblein bedeutet, und wird chronologisch in Verbindung mit einer Erscheinung gebracht, des Phönix nämlich, wenn wir nicht irren, mit der vom 52. Jahre des Ramses, d. h. 1525 vor der gew. Ztrchn. Alle diese und andere Umstände scheinen dem Redner ganz nochwendig hinzuweisen auf die Identität des Mesu mit Moses. jg, (Wir legen allerdings auf diese Hypothese noch gar kein Gewicht, und müßten erst eine vollgültige Beweisführung verlangen. Red. d. A. Z. d. I.) (Kuriosums Auf den vor Kurzem Hingeschiedenen Rabbiner zu Wien, Lazar Horwitz, hat zu Austerlitz der dortige Rabbiner Lichtschein eine Trauerrede drucken lassen, in welcher es unter Anderem heißt: „Wie qualvoll auch der traurige Gedanke, nämlich des Verlustes, an und für sich ist, tausendfach schmerzhafter und bitterer noch, daß wir hinzufügen müssen: Wehe uns,daß wir den Tod dieses Frommen verschuldet; der Fromme, Edle, Gerechte und Tugendhafte wird durck die Sünden des Zeitalters hinweggerafft. Der Fromme mußte nicht um seiner, sondern um unsertwillen in das Reich der Todten hinabsteigen." In Folge dieses Blödsinns protestiren „Einige Austerlitzer" tu der N. fr. Pr. gegen diese Beschuldigung, daß sie die Mörder des ruhig entschlafenen Rabbinen seien, damit sie nicht mit der Criminaljustiz in Conflict gerathen könnten. Es ist in der jüngsten Zeit mit der jüdischen Kanzel doch weit gekommen! Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur H. Lotze. m m üiittHüMl