Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 44 (27.10.1868)
- Date
- 1868-10-27
- Page
- Seite 887 (sequence 17)
- Language
- German
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Zeitung des Zuvruthums. Femlleton-Seilaye M Ar. 44. Leipzig, den 27. Oktober 1868. Eine Mortarageschichte auf der Bühne. Referat von.Louis Weyl in Frankfurt a. d. Oder. II. Das Drama.. Seitdem Noemi zur Christin getauft und ihren Eltern geraubt worden, seitdem die Letztern ihre Wanderung angetreten und der junge Ottavio Salviati auf's Schiff zu seinem Vater gekommen, — sind 17 Jahre verronnen. Was ist währerd dieser AM aus den genannten Personen geworden? — Ob-sie Alle noch auf Erden wandeln? — Nein! Gideon Ben Merr ist längst abberufen. Der kranke Mann hatte die ihm widerfahrene Schmach, das auf ihn eingedrungene Leid, seines einzigen Kindes in doppelter Weise sich beraubt zu sehen, nur wenige Monde überleben können und seine Gattin Gemea als allein dastehende Wittwe — zwar reich an Gold und Edelsteinen, aber elend und unglücklich vurchWeelenschmerz und nagenden Herzensgram — in der bösen Welt zurückgelassen. — Und Gemea? — Nun, sie hatte ihr Wort gehalten, ihren Schwur getreu erfüllt; sie war, keine Beschwerden scheuend und keine Schonung kennend, von Hütt' zu Hütt' und von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt und von Land zu Land gewandert, um zu dem, was sie verloren, wieder zu gelangen, um ihre einzige, über Alles geliebte Tochter wieder zu finden. — Letztere aber war inzwischen zur stattlichen Jungfrau herangeblüht, überaus reizend an Wuchs und Schönheit, und befand sich immer - och im Hause jener vornehmen Dame, welche sie einst im Kloster zu Bisagno empfangen und an Kindes Statt angenommen hatte. Es ist dies die Gräfin Bianca von Lomellini gewesen, und aus dem Judenmägdlein Noömi war die von Allen geliebte und angebetete Gräfin Paula v. Lomellini geworden. — Wer sie aber am heißesten liebte und am meisten anbetete — es jear der nun 23 Jahre alte Ottavio Salviati — wtzt jedoch nicht mehr unter diesem Namen, sondern unter dem eines „Grafen Doriani" bekannt; es war der Sohn der unglücklichen Martha, welcher von seinem Vater — der vom einfachen Steuermann bis zum Admiral emporgestiegen war — mit einem Ungeheuern Vermögen auch die Grafenkrone — außerdem aber noch Etwas, nämlich: den glühenden und rachedürstenden Haß gegen die Judenfamilie, welche an dem Tode Martha's schuld gewesen — geerbt hatte. — Und endlich noch eines Menschen ist zu gedenken, der an der Action von vornherein einen nicht unwesentlichen Antheil genommen und, wie wir sehen werden, auch später und bis zum Ende ein wichtiges Glied in der Kette der agirenden Personen geblieben. Wir meinen den nichtsnutzigen Rutchioni, Wn dem wir bereits gehört, daß er bei der priesterlicheuMaufe Noömi's, mit der verstorbenen Martha verein^ W. „Patenschaft^ vertreten. Dieser Mensch, ein echter Lg-Mroni, war im Laufe der Zeit eher schlechter als Wer geworden, und, nur von unehrlichem Erwerbe lebend, hält er jetzt (1745) in Genua sich auf. woselbst wir, bei Beginn des ersten Actes unseres Dramas (dasselbe ist vieractig) auch die übrigen Persönlichkeiten allesammt antreffen. — Gemea bewohnt hier eine ärmlicke Hütte. Sie hatte ihre (von der Erbschaft aus Neapel herstammenden) Reichthümer wohl verborgen und das Handwerk einer Kartenlegerin und Wahrsagerin angenommen, um utife dieser Maske, die sie zu Allen und Alle zu ihr führte, desto leichter die richtigen Spuren zum Aufenthalt ihres Kindes entdecken zu können. — Was Letzteres betrifft, soerfahren wir aus dem Munde Gemea's, daß sie das-" selbe noch in Bisagno :— drei Tage nach Martha's Tode — in den Armen einer tief verschleierten und in einer prächtigen Karosse sitzenden Dame ganz untrüglich gesehen, es dieser zu entreißen und an sich zu bringen aber — trotz der verzweifeltesten Anstrengung, wobei es sogar zu einem heftigen Kampfe gekommen — nicht vermocht habe. Seit jener Stunde aber war jede weitere sichere Spur verloren gegangen. — Die Jüdin Gemea bewohnt jetzt in Genna, wie gesagt, eine arme Hütte, hat aber dessen ungeachtet des Besuchs der Reichsten und Vornehmsten des Ortes, männlichen wie weiblichen Geschlechts, gar oft sich zu erfreuen, weil sie in dem Rufe steht, daß ihre „Karten" immer die Wahrheit ankündigen, daß die Weissagungen ihres Mundes stets sich erfüllen. Aber noch aus einem andern Grunde wird Gemea von den Großen und Edlen häufig aufgesucht. „Man nennt sie auch die Wucherin, weil sie den vor-