Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 44 (27.10.1868)
- Date
- 1868-10-27
- Page
- Seite 874 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226635-3226680--26567-3262115- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
874 indem er sich, unaufgefordert alsINathgeber austretend, für den Gegenkandidaten Simon's aussprach. Diese Einmischung aber hat für Herrn Simon eine höchst schmeichelhafte Kundgebung zur Folge gehabt, wie sie im parlamentarischen Leben nicht zu den alltäglichen gehört. Eine Niesenadresse, 00 Fuß laug, und mit 3125 Unterschriften bedeckt, worin ihm das Vertrauen des Wahlkreises aufs neue zugesichert, ward ihm vor einer Versammlung von etwa 5000 Menschen überreicht. Bei Gelegenheit der jetzigen Parlamentswahl ward anch eine Prinzipienfrage augeregt, welche in der Geschichte des jüdischen Lebens früher wohl niemals zum Austrag kam. Die Frage besitzt genügendes Interesse für die Gesammtheit, um eine vorübergehende Beleuchtung zu verdienen. In dem Wahlbezirk Tower Hamlets (die Dörfer am Tower), einem londoner Stadttheil, der früher aus getrennten Dörfern bestand, ist Herr S, amu da, ein unternehmender Schiffsbauer, nebst Anderen als liberaler Candidat aufgetreten. Herr Samuda hat, bereits in männlichen Jahren stehend, die Reihen des Iudenthums verlassen. In den Tower Hamlets aber befinden sich 5000, nach Andern sogar 7000 jüdische Wähler. Diese können wohl keinen Ausschlag geben, allein sie stellen doch einen bedeutenden Coeffizienten dar, welcher der einen oder anderen Partei allerdings zum Siege verhelfen kann: kein Wunder also, daß an ihre Sympathien und Antipathien appellirt wird. Man muß sich zu besserem Verständnisse das wogende Leben, den schonungslosen Kampf bei einer englischen Parlamentswahl vorstellen: da rennen Prinzipien und Interessen hart aneinander, da kämpft Mann mit Mann und die Parteileidenschaft borgt von der Freiheit und Oeffentlichkeit zur Beleuchtung des Gegners ihre blen^ dendsten Strahlen. Unter solchen Verhältnissen wird es nicht Wunder nehmen, daß jede Körperschaft die Candidaten nach ihrem eigenen Maaße mißt, auf ihrer eigenen Wage wägt und nicht selten zu leicht findet. — So entspann sich der Samuda-Streit in der jüdisch englischen Presse, ein Streit, bei dem wir Alles Persönliche von den prinzipiellen Kundgebungen scharf trennen müssen. Die Einen protestiren gegen die Anmuthung eines Apostaten als Vertreters ihrer politischen Interessen, weil derjenige, der in den höchsten Wahrheiten des Glaubens schwanke, auch für die parlamentarischen Pflichten nur geringe Bürgschaft biete; die Andern dagegen behaupten, daß der Wechsel der Religion durchaus nichts mit der politischen Thätigkeit eines Mannes zu thuu habe.! So liegt der Streit, der etwa erst in sechs Wochen mit dem Wahltage, sein Ende finden wird. Wir, die wir den Personen und Interessen ferner stehen, können die einander gegenüberstehenden Prinzipien etwas bestimmter und kenntlicher umzeichnen. Nach unserem Ermessen lautet oie Frage nicht: ob ein Convertite parlamentarische Ehren genießen soll; sondern ob er diese Ehren und Rechte unserer Wahl und Zustimmung verdanken soll. In einem Convertiten des reiferen Alters und der bewußten Wahl halten wir nur das eine von den folgenden zwei Motiven, die einander ausschließeu, für möglich. Entweder er hat seine Religion ans weltlichen oder überhaupt äußeren Beweggründen gewechselt, oder aber, er hat diesen Entschluß in der Ueberzeuguug gefaßt, daß dies neue Bekenutniß das bessere sei. Nun denn, in dem ersten Fall wird er sich doch wohl gefallen lassen müssen, einen Theil unserer Achtung zu verlieren: wir können ihm als Fachmann, als Gelehrten, als Künstler Gerechtigkeit, selbst Anerkennung zollen, allein wir — und warum blos wir? — müssen doch wohl den sittlichen Schwerpunkt seines Wesens als gestört betracht ten. Keine Toleranz kann demnach von uns fordern; daß wir seinen Abfall durch senatorische Würden belohnen, daß wir gerade ihn als das passende Werkzeug der wichtigsten politischen Thätigkeit auswählen. — Setzen wir aber das zweite Motiv überhaupt als möglich, so werden wir wiederum, auch bei der umfassendsten Toleranz, bei aller Achtung für fremde Religionen und für ihre Bekenner, nur ein unleugbares natürliches Rest üben, wenn wir unsere eigene Religion für die vernünftigere und bessere halten. Und wir müssen demgemäß zu dem Schlüsse gelangen, daß derjenige, welcher im Judenthume geboren, dasselbe bei reiferen Jahren mit Ueberzeugung verläßt, dadurch eine Schwäche im Denken und Schließen enthüllt, die ihm, nach unserem Ermessen, auch bei jeder anderen abstrakten Thätigkeit, die unter dein Einfluß der allgemeinen Denkgesetze steht, — uud dazu gehört ja auch die Politik — hinderlich sein müßte. Wir sagen: der allgemeinen Denkgesetze; wir halten es nämlich für möglich, daß ein solcher Mann als Arzt, bildender Künstler u. s. w. Vortrefflichkeit anstrebe; allein wir würden ein philosophisches System von seiner Urheberschaft ebenso entschieden ablehneu als seine staatsmännische Laufbahn. Uns, die wir für eine sittliche Weltordnung einstehen, wird man allerdings gestatten müssen, die Politik unzertrennlich von den großen Moral- und Verstandesgesetzen zu denken.