Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 44 (27.10.1868)
- Date
- 1868-10-27
- Page
- Seite 873 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3226635-3226680--26566-3262114- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
buche und einem Meisterwerke der Erzählerkunst, ward ein Drama zum Hausbedarf der Bühne zugeschnitzelt, in welchem der Jude Isaak Levi durch Geist, Edelsinn und Charakterstärke wahrhaft imponirt, ja die wohlthätige Vorsehung des Stückes bildet. Die Erscheinung ist so bedeutsam, daß ich — mit Ihrer Erlaubniß, Herr Redakteur — in einer besonderen Darstellung darauf zurückzukonuneu gedenke. Das ^abbinische Collegium „Ohel Mosche vij’hudit“ rv-nm tv£7a bna — welches der edle Sir Moses Montefrore zum Andenken an seine verstorbene Gemahlin in Ramsgate gegründet hat, steht seit dem November v. I. vollendet da, ohne daß man von der praktischen Thätigkeit der Anstalt bis jetzt viel gehört hätte. Der anfängliche Plan war sehr bedeutend angelegt. Der Zweck des Hauses sollte einerseits in der Förderung des Gesetzesstudiums in allen seinen Zwecken bestehen, andererseits in der Anstellung von zehn Gelehrten, die unter einem Rektor dem Studium täglich durch 14 Stunden (!) obliegen sollten. Der Zutritt zu den Vorlesungen wird vollkommen frei sein. — In der Stadt Neath ward am 10. Sept. eine neue Synagoge eröffnet. Unter ven Auspizien und durch die Bemühungen der Frau von Rothschild ward in Halton in Buckinghamshire, nahe dem Familiensitze, neulich eine Industrieausstellung veranstaltet. Dieselbe wurde am 1. Juni durch den Minister Disraeli feierlich eröffnet. Herr Simon Sampson, ein geachteter Kaufmann Manchesters, ist mit einem vorzüglichen mimischen Talente begabt, das ihn zu einem .der geschätztesten Darsteller komischer Rollen auf der Liebhaberbühne des nördlichen England macht. Da Herr S. sein schönes Talent lediglich zu wohlthätigen und Humanitären Zwecken ausübt, so hat er der Sache der Humanität schon viele ersprießliche Dienste geleistet. Namhaft sind die Summen, welche der begabte Mann derart schon edlen und gemeinnützigen Unternehmungen Zugewendet hat, indem er stets unter persönlichen Opfern den Aufforderungen, selbst aus ziemlich weiter Ferne, Folge leistete. Mit der Auflösung des letzten Parlaments hat eine 34jährige Epoche politischer Thätigkeit ihr Ende erreicht.' Dieses Parlament war das letzte, das nach den Bestimmungen der Verfassung von 1832 zusammengesetzt war. — Der Rückblick auf diese Zeit ist ein lohnender und freudiger; für uns Juden ein zwiefach erhebender, weil unsere Interessen im Bunde mit denen der Menschheit gefördert wurden. Eine große Provinz des Fortschrittes und der Aufklärung ward während dieser Zeit erobert; dem Vorurtheil, dem Besitz, dem stolzesten Adel der Welt ein Vorrecht nach dem andern entwunden, die Resultate der Freiheit wurden bis in die Hütte des Armen gefördert. Kaum eine Seite des socialen Lebens, die nicht eine wesentliche Hebung erfuhr. Die Verbesserung der Schulen, der Gefängnisse, der Armengesetze, die Abschaffung der Kornsteuer, d'e Milderung der Strafen, die wohlfeile Presse, die reichste Entfaltung der Preßfreiheit (Leigh Hunt war noch ein Märtyrer für dieselbe), die Ermäßigung der Steuern, die Emancipirung Indiens, die Selbstverwaltung der Colonieu: es sind ebensoviel Trophäen im Pantheon der europäischen Menschheit. Für uns Juden ward die Aemterfähigkeit und der Eintritt in die gebietendste Staatsversammlung der Welt, iu jenes Senatshaus zu Westminster, auf dessen Debatten Völker lauschen, errungen. Der letztere Erwerb, zuerst durch eine sophistische Klausel ermöglicht, ward bald darauf zu einer se^tändigen Institution des öffentlichen Rechts ausgebildet, Nach diesen großen Erfolgen blieb nur wenig mehr zu erstreben übrig. — Die Abschaffung der Universitätseide setzte es durch, daß die Studien und Promotionen zu Oxford und Cambridge nicht mehr durchgängig vom christlichen Bekenntnisse abhängig sind; durch die Gründung der Londoner Universität auf freisinniger Basis war hiezu bereits die Bahn gek ochen. — Die Wohlthat der Armengesetze fließt jetzt allen Bekenntnissen gleichmäßig zu; ebenso wie die staatliche Unterstützung des Bolksunterrichts u. s. w. — Es war kein leichtes Werk, diese großen Siege zu erfechten: eine Phalanx von Geistern, wie Brougham, Peel, Macaulay, Palmerston, Cobden, Brighö, Gladstone, Russell, Campbell mußten die ganze Kraft ihres Genies dazu aufbieten, und die Intelligenz eines Jahrtausends in den Kampf führen — Tantae molis erat! ... Das neue Parlament, zu dem sich weit vorher im Lande der gewaltige Wahlkampf bereits vorbereitet, wird das erste sein, welches nach dem reformirten Wahlgesetze von 1867 gebildet werden soll. Auch ihm steht eine große Aufgabe bevor: so edle und seltene Güter zu erhalten, mit Eifer zu pflegen, mit Argwohn zu hüten, mit Treue weiter zu bilden. Herr Serjeant Simon hat seine Bewerbungen um den Parlamentssitz in Dewsbury mit vielen Aussichten auf Erfolg weiter betrieben. Der berühmte Redner John Bright erlaubte sich leider eine Einmischung in diese Wahlsache, die seinem politischen Takte wenig Ehre macht,