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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-10-27 · Heft 44 (27.10.1868) · p. Seite 872

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 44 (27.10.1868)
Date
1868-10-27
Page
Seite 872 (sequence 2)
Language
German
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872 enden Parsen, ist trotz der darin athmenden würdevollen Gesinnung und reinen Moral, verworren und langweilig im Vergleich zum Talmud, und dasselbe gilt vom Koran. Jedes dieser Bücher steht, als ein Ganzes, dem Talmud ebenso sehr nach, wie dieser als ein Ganzes der Bibel nachstcht." Auch diesmal haben wir von erfreulichen Beispielen einer wachsenden Anerkennung des jüdischen Namens und Wesens in Presse und Literatur zu sprechen. Zu den Anzeichen derselben zählt ein im Ganzen trefflicher Aufsatz im Examiner: über die Zukunft der europäischen Juden. — Bei dem öffentlichen Aergerniß der Entführung in Cardiff, von dem wir später ausführlicher zu'sprechen gedenken, bekundete die Presse eine durchaus würdige, freisinnige und vorurtheilsfreie Haltung. — Am befriedigendsten ist die Wahrnehmung, daß die besseren und gesiunungsvollereu Blätter nicht selten spontan und unaufgefordert gegen grobe und herausfordernde Angriffe auf Juden und Judenthmn in die Schranken treten. So erlaubte sich der Guardian in seinem Parteihasse gegen Disraeli neulich einen Ausfall gegen die Juden in Bausch und Bogen, worauf er und Andere in den „Edioes from the Club"' eine sehr entschiedene Abfertigung erhielt. „Der Guardian, heißt es in dieser elegant geschriebenen Wochenschrift, ist einOrgan der ehrwürdigen Herren in Keverend newspapcrj. Und doch schreibt er unheilbare Laster allen Mitgliedern des Stammes zu, aus dem Christus und die Apostel hervorgingen, und dessen heilige Bücher die ausschließliche Lösung des orthodoxen Bekenntnisses bilden. Das klingt, um es gelinde zu sagen, seltsam. Nichts würde leichter sein, als, noch dazu mit Beispielen aus der Gegenwart, zu erweisen, daß die verächtliche Richtung, welche angeblich den Juden wesentlich eignet, denselben in der That fern genug liegt. Spinoza, Heine, Mendelssohn waren Inden. Bieten die 'Namen Rothschild und Montefiore etwa den schmählichen Beschuldigungen einen Stoff dar, welche das kirchliche Organ des Herrn Gladstone, in der Absicht, Herrn Disraeli herabzusetzen, auf den gesammten jüdischen Stamm häuft? Sicher nicht. Durchaus verachtungswerth ist diese Art, eine politische Fehde zu führen." Ueberhaupt ist der Parteihaß gegen Disraeli, der uns nur durch seine Abstammung angehört, die bedauerliche Quelle einzelner Schmähartikel. Da der Premier- Minister ein Conservativer ist, so ertönen diese feindseligen Stimmen diesmal aus dein liberalen Lager. Solche Begriffsverwirrung ist beklagenswerth, aber nicht unerklärlich in einem Lande, wo fast jede Kundgebung des Geistes unwillkürlich eine politische Färbttüg annimmt. — Eine andere Quelle der Verkennung erblicken wir in der faden, frivolen Witzhascherei der Feuilletvn- und Skizzenverfertiger, in jener unendlichen Geist- und Gesinnungslosigkeit, welche einem großen Theile der zeitgenössischen Literatur den Todesstempel einer wohlverdienten Vergänglichkeit aufvrückt. Sowie aber betrubsame Dinge wohl auch ihr Gutes haben, so ist es auch hier. So lange der Krieg noch nicht aus der Welt verschwunden ist, scheint es ersprießlich, daß große Staaten von Zeit zu Zeit einen kleinen Krieg führen, damit die Politik nicht vergessen werde. Und so lange die Menschheit im Ganzen und Großen noch nicht zur Gerechtigkeit und Vernunft bekehrt ist, so muß den großen Gesammtheiteu ein kleiner Feind von Zeit zu Zeit willkommen sein, an welchem der jüngere 'Nachwuchs seiner Verfechter die Sporen verdienen lerne. In diesem Sinne gereichte uns eine neuliche Kundgebung des Herrn R u s k in zu einer endgiltigen Genugthuung. Dieser sonst sehr verdienstvolle Kunsthistoriker und Aesthetiker hatte im ächtesten Feuilleton-Stil eine jener landläufigen Phrasen gegen den sogenannten jüd. Wucher von Stapel gelassen. Darauf richtete Herr Harry L. Barnatt, ein sehr hoffnungsvoller junger Mann und einer der achtbarsten Familien Manchesters angehörig, einen gediegenen Brief, voll Entschiedenheit und Männlichkeit und doch in der bescheidensten und urbansten Form, an den Angreifer, worauf dieser mit einem theilweise widerrufenden Schreiben antwortete. Wir empfehlen diese Correspondenz unfern ' jüngern Glaubensgenossen im Vaterlande zun: Studium und zur Nacheiferung; denn es könnte gar nicht schaden, wenn wir in den diversen Burgfesten des Judenhasses, die noch zahlreich existiren, einen Cordon solcher Barnatts als tapfere Vorposten aufgestellt wüßten. Bei diesem Anlässe sei auch eines interessanten dramatischen Charakters aus dem englischen Theaterleben der Gegenwart Erwähnung gethan. England, die eigentliche Heimath des Romanjuden (siehe: Jvauhoe und Cmnberlands Juden), vergnügt sich jetzt au zahlreichen Abenden an der hervorragenden Gestalt eines edlen jüd. Greises, von einem bedeutenden Dichtergriffel gezeichnet. Aus dem unendlich reichen Inhalt von Charles R e ade's Romane: „It is never too late to raend“ — (Zur Umkehr ist es nie zu spät) einem ächten Volks-

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