Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 43 (20.10.1868)
- Date
- 1868-10-20
- Page
- Seite 869 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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m zu Land las; uns gehen und suchen nach unfevm Kinde. Der Gott, der unsere Väter durch die Wüste geführt nach bcnt gelobten Lande, er wird mit ums sein und auch unsere Schritte lenken." Hiermit endigt das Vorspiel, und hiermit wollen auch wir unfern heutigen Artikel beendigen, um im nächstfolgenden über das Drama selber zu berichten, auf daß der geehrte Leser erfahre, was (nach der Phantasie des Dichter^) im Laufe der Zeit aus Noemi, der gelausten Jüdin, geworden. Ludwig Börne. Wir haben vor Kurzem in v. Bl. aus Strodtmann's Leben und Wirken Heiue's über diesen Dichter zu sprechen Veranlassung gehabt. Durch die Aufhebung der Privilegien ist jüngst ein neuer Aufschwung in den Vertrieb der deutschen Klassiker gekommen, und auch Ludwig Börne's gesammelte Schriften kamen uns soeben in einer wohlfeilen Ausgabe von Tendler in Wien zu. Am Schlüsse derselben fand eine Skizze von Karl Grün über Ludwig Börne ihren Platz. Sie ist im Geiste Börne's und fast in dessen Manier geschrieben, frisch, keck und sicher. Um so mehr finden wir uns veranlaßt, dem Bilde Heiners auch unsrerseits das Börne's hinzuzufügeu. Beide werden ja immer neben einander genannt und haben so viele Momente der Aehulichkeit, während sie doch in Wesen und Streben außerordentlich verschieden sind. Beide waren Juden, beide in jener geistlosen Orthodoxie erzogen, welche gegen Ende des vorigen und den Anfang dieses Jahrhunderts überall bestand und gegen die von den Juden selbst erstrebte Bildung so sehr abftach und so schwache Waffen bot;*) beide ließen sich taufen, um im Staatsdienste Carriere zu machen, beiden half es nichts und beide gereute es; beide dienten dem Liberalismus, mußten Deutschland verlassen, gingen nach Paris, starben daselbst und haben dort ihre Grabmonumente. Sie kannten sich, standen sich nahe, und verfeindeten sich zuletzt; beide bedienen sich des Witzes als ihrer schärfsten Wasse, und entwickeln die deusche Sprache nach dieser Richtung in einer bis dahin ungekannten Weise. Dennnoch wie verschieden sind sie! Heine war bildender Künstler, wenn auch nur in kleinen Schöpfungen, während Kunstwerke aus dem Großen ihm nicht gelangen; hätte Börne schöpferisches Genie gehabt, so würde er einer der gößteu Dichter geworden sein, denn die Gabe, welche anderweitig den Dichter in der Detailzeichnung macht, jede abstrakte Idee in einem zutreffenden Bilde auözuprägen, besaß er in einem Grade, wie Shakespeare nicht mehr. Börne trägt den höchsten Ernst, die entschiedenste Beeiferung vor sich her, und ruft Witz und Scherz nur als deren Diener und Schergen zur Hülfe; *) ES heißt S. 115: „Der orthodoxe jüdische Religion^ unterricht, den ihm sein andersdenkender Lehrer Sachs auf Commando des Vaters ertheitte, langweilte ihn." bei Heine ruht der Ernst im Hintergrunds und ror sich hin spielt er mit Allein, mit Politik^ .ttunst, Wissenschaft, Sittlichkeit und Religion. Darum trug Heine trotz alledem ein tiefes religiöses Gefühl in sich, das immer wieder zum Durchbruch kommt, und weil es in ihm unbefriedigt geblieben, zum Humor greift, zur Selbstverhöhnung, um es zu verkleiden und stille zu machen. Börne weiß und hat nichts von Religion; seine Religion ist die politische Freiheit; diese und nichts Anderes hatte seine ganze Seele in Besitz genommen; er hatte vom Judenthuine keine Spur, keine Ahnung; nicht die Juden, nicht das Judenthum, sondern nur die bürgerliche Freiheit, die ihnen als Menschen zukam, vertheidigte er, und nur, weil er durch die Geburt ihnen nahe stand, kam er öfter auf sie zurück, als auf andere bedrückte Schichten des Volkes; wo sie ihm als seinem Ideale der politischen Freiheit nicht dienstbar, oder gar gegensätzlich erschienen, geißelte er sie auf unerbittliche, ja ungerechte Weise, wie es ihr Feind nicht ärger hätte thuu können. Geben wir eine kurze, dürre Lebensstizze an der Hand Grün's. Ludwig Börne ward am 22. Mai 17Sf> als Löb Baruch in der Jndengasse zu Frankfurt a. Main geboren. Mit 15 Jahren, anno 1500, kam er in das Pensionat Hetze! zu Gießen, ward auch nebenbei in die Liste der Studenten eingetragen, und legte das edle Frankfurter Judendeutsch ab. Dann studirte er in Berlin, Halle, Heidelberg, offieiell Mediän, wie Schiller; in Heidelberg entschied er sich für Staatswissenschaften. Am 8. August 1805 promovirte er in Gießen zum Doktor der Philosophie auf Grund einer Arbeit: „lieber die geometrische Vertheilung des Staatsgebiets." Der Fürst Primas zu Frankfurt hatte den Juden gestattet, sich frei zu kaufen. Börne ward richtig 1811 Polizei-Aetuar und ein fleißiger, intelligenter Arbeiter. Grün fährt fort: „Die Freiheitskriege schlugen Alles wieder in Knechtschaft; auch der Polizei-Aetuar Börne ward 1514 beseitigt. Am 5. Juni 1818 verwandelte ihn zwar das Wasser in einen lutherischen Christen; die Wirkung war jedoch nicht besonders gcoß, später hat ihn das Taufgeld gereut." Er wurde dennoch nicht wieder angestellt, sondern — pensiouirt. Von da ab wandte er sich zur Publieistik. Er gab 1818 die „Waage" heraus, und seine Theaterkritiken wurden bald berühmt, weil sie mit feinster Ironie unter den Figuren der Schauspieler gegen die damaligen politischen Zustände und Männer die schärfsten und bittersten Angriffe richteten. Andere journalistische Versuche gingen an den Maßnahmen der politischen Behörden schnell unter. 1810 und 1822 war er zwei Mal in Paris; 1821 finden wir ihn in Heidelberg, aber sein Leben ist bereits durch einen Blntstnrz bedroht und er leidet an Schwerhörigkeit. Vom Jahre 1525 ist die unsterbliche Denkrede auf Jean Paul, 1527 starb sein Vater, und nun hatte er mit seiner Pension U»oo Gulden jährlich zu verzehren, die aber bei seinem Hang zu einer einfachen, aber sehr feinen Lebensart nicht genügten. 1828 gab er 8 Bände „gesammelte Schriften"