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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-10-20 · Heft 43 (20.10.1868) · p. Seite 857

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 43 (20.10.1868)
Date
1868-10-20
Page
Seite 857 (sequence 8)
Language
German
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857 dingt und kämpfen darum; unsere persönlichen Verhältnisse sind örtlich und allgemein mit dem Verkehrs- und Berufsleben aufs Innigste verwachsen, und unsere Anschauung geht dahin, daß wir persönlich in die Ortsgemeinde, in den Staat, in die ganze Gesellschaft gehören, und daß Israel seiner Mission nach auf dein Kampffelde der ganzen Menschheit seinen Platz hat, und nicht mehr in der Beschränkung eines kleinen, abgeschlossenen Landes. Das heiße, immer wiederholte Gebet „uni die Sammlung aller unserer Zerstreuten aus allen Ländern der Erde", um die Rückführung aller Söhne und Bekenner unserer Religion nach Palästina hat demnach seinen Inhalt verloren, ja widerspricht unserer ganzen Anschauung, unseren: Streben und Verlangen, unseren persönlichen Verhältnissen. Demnngeachtet kann man sich noch immer denken, daß mit dieser Lage der Dinge es noch nicht im Wiedersprnch steht, irgend einen Bruchtheil, eine Masse der Sprößlinge unseres Stammes in Palästina versammelt, wohnhaft, eine eigene staatliche Gesellschaft bilden $u sehen, gewissermaßen als ein Kern- und Halt- Punkt für die, über die ganze Erde zerstreuten Bekenner des Jndenthums. Wir wissen, daß die politischen Verhältnisse hiernach nicht aussehen; es ist auch sehr fraglich, welche Bedeutung ein solches Faktum haben würde; aber man kann sich doch eine Vorstellung machen: es ist eine romantische Idee, aber auch die Romantik hat Berechtigung, nnd namentlich auf dem cultuellen Gebiete. In solcher Modisicatiou hätte wenigstens eine Gebetformel über den Zusammenhang unseres Stammes mit dem Land unserer Väter noch einen Sinn und Inhalt. Entschieden anders aber steht es um die Gebete für Wiederherstellung des Opferkultus. Dieser gehört unzweifelhaft' einer früheren, längst schon gänzlich entschwundenen Periode des menschlichen Geistes an, jener Periode, welche vorzugsweise in der Symbolik, allein in symbolischen! Ausdruck der Gedanken und Gefühle lebte und kein anderes Mittel sich kundzuthun hatte. Bekanntlich erklärte schon Maimonides den Opferkultus der mosaischen Gesetzgebung für eine Accommodation, für ein bloßes Zugeständniß an die Sitten und Gewohnheiten der damaligen Menschen. Wir haben diese Ansicht stets bekämpft, weil sie der Offenbarungslehre unwürdig und weil sie überhaupt unrichtig ist. Das Stillschweigen der h. Schrift über die Bedeutung des Opferkultus in allen seinen Akten, und das Hervortreten derselben Symbolik in anderen Gesetzesvorschriften, wie in den Zizith, in der Weihe der Erstlinge re. widerlegt jene Meinung, nnd die thatsächliche Erscheinung, daß bei allen Völkern und in allen Religionen des Alterthums der Lpfercultus vorhanden, bezeugt, daß er in der ganzen Organisation des Menschengeistes auf der ersten Eulturstnfe seine Nothwendigleit hatte. Die mosaische Religion hätte damals gar keine andere 'konkrete Erscheinung haben können. Dies zeigt sich auch in der außerordentlichen Kürze aller Gebete, die hier und da, wie von Jacob und Moses, Vorkommen; es bewährt sich z. 23. auch durch den eigenthümlichen Vorgang, daß als Hanuah, die Mutter Samuels, im Heiligthum betete, ohne daß ihre Srinnne vernehmbar war, sich der Hohepriester Eli so verwunderte, daß er sie für trunken hielt, so wellig war man des Leteus im Heiligthum gewohnt (I.Sam. t, 12. ff.). Je mehr aber die Geistesentwickelnng den Verstand weckte und kräftigte, und ihm die Herrschaft über Phantasie und Gefühl verschaffte, desto mehr starb die Symbolik ab, ihr unmittelbares Verständniß entschwand ans dem Geiste, und sie erstarrte zur bloßen Form; zugleich fand aber der denkende Geist immer mehr das Wort zu seinem Ausdrucke und befähigte ihn, selbst innerhalb des dunklen und verworrenen Kampfes der Gefühle, im Worre seinen Ansdruck zu sinden. So bricht mit einem Mate der Strom des Gebetwortes mit gewaltiger Kraft und dennoch schon künstlerisch gebildet in den Psalmen Davids hervor, und das Gebet Salomos bei der Einweihung des Tempels (1. Kön. 8.) zeigt schon die fortschreitende Entwickelung des Gebetkultns. Mit der Einführung der Psalmen in den Tempel war eine neue Aera angebrochen: der Opferkultus war für nicht mehr genügend erklärt; und so schnell schritt dies vorwärts, daß schon Jesaias mit harten Worten das heuchlerische und allzu viele Beten verurtheilt (1, 15). Während des Bestandes des zweiten Tempels organisirte sich seit Esra der Gebetkultus selbständig in den Synagogen, während noch der Opferkultus im Tempel bestand. Große Massen der Juden zogen lange vor dem Falle Jerusalems nach anderen und fernen Ländern und bauten überall ihre Synagogen, in geringen: Zusammenhänge mit dem Tempel, und nur allein in: Lande der Pharaonen fand der Opferkultus seitens der Inden eine schwache, undauerhafte Nachahmung. Der Tempel siel, der Opferkultus hörte auf, und das Judenthum fühlte nicht die geringste innere Erschütterung dadurch. Hinterdrein wurde die Erklärung gegeben, daß die Gebete an die Stelle der Opfer getreten seien, eine Erklärung, die nur eine formelle Bedeutung hatte, da thatsächlich diese Er-

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