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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-10-20 · Heft 43 (20.10.1868) · p. Seite 855

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 43 (20.10.1868)
Date
1868-10-20
Page
Seite 855 (sequence 6)
Language
German
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855 Noch weniger eignen sie sich für den Gottesdienst durch ihren Inhalt, der sich aus der Benutzung der feruliegendsten Hagadoth in schrankenloser parabolischer Kühnheit aufbaut, und deshalb der gelehrtesten Forschung bedarf, urn verständlich zu werden, ohne daß der in so vielfacher und harter Hülle verborgene Kern an Tiefe des Sinnes und Bedeutendheit des Gedankens irgend Ersatz böte. Wir sprechen nur das Urtheil unserer hervorragendsten Männer von Maünonides an aus, wenn wir sagen, daß die Einfügung dieser geschmack- und oft sinnwidrigen Produkte, die eben nur als historisches Zeugniß der immer energischen Geistesbewegung unserer Väter Bedeutung haben, die ärgste Verirrung war, und um so mehr widergesetzlich, weil sie die heiligst gehaltenen Gebete und Segenssprüche aus einander rissen und verschoben. Die allgemeine Abschaffung dieser Piutim, die für unseren Gottesdienst ein Unglück waren, und ihre Zurücklegung in die jüdische Literaturgeschichte braucht daher kaum befürwortet zu werden; sie ist geradezu eine Pflicht. Es sind aus ihnen nur einige schönere, an Sprache reinere und an Inhalt erhabenere für Rosch Haschanah und Jom Kippur aufrecht zu erhalten, wie wir später bemerken werden. Liegt somit das Schacharith-Gebet klar und einfach von Borchu bis zur Beendigung der Thefillah lSchemone Esre) vor uns, so wird es Niemandem zweifelhaft sein, daß das aus Thorahstücken bestehende Kriath Schema und die Thefillah als die Urstücke der jüdischen Gebetordnung in der hebräischen Sprache erhalten und vorgetragen werden müsien, wobei nur zu bemerken, daß die Wiederholung der Thefillah ganz überflüssig ist, so daß die Thesillah von dem Vorbeter sogleich laut vorgetragen werde, und die Gemeinde sie leise mitbetet. Was nun die Gebetstücke zwischen Borchu mit seiner Venediktion, die ebenfalls in hebräischer Sprache beizubehalten, und dem Kriath Scherua und zwischen diesem und der Thesillah betrisst, so werden sie füglicher in einer Ueberarbeitung in der Landessprache vorzutragen sein. Sie bestehen aus Stücken, die verschiedenen Zeitaltern angehören, und die meisten derselben sind aus früheren und späteren Formeln zusanuuengesetzt, indem ln die älteren neue Formeln eingeschaltet wurden.*) Irr *) Offenbar jünger sind z. B. *71-0 du, das "psnn bis ninnram. Bei den Spaniern fehlt das von Saadia bekämpfte van yoi: by wnn n«.. Gbeu so ist 12^128 mi* jüngeren Ursprungs u. s. w. diesen Stücken finden sich auch die prophetisch-mystischen Chajoth, Seraphim, Cherubim, Ofanim, so wie aridere Momente, welche theils ihrer Dunkelheit wegen für das Gebet nicht geeignet, theils dem 'Bewußtsein der Gegenwart entrückt sind oder geradezu widersprechen, und daher in den: Sinne des von uns so oft gebeteten „Lautere unser Herz, dir in Wahrheit zu dienen" *p22'b n:nb) zu vermeiden sind. Die Ueberarbeitung in der Landessprache wird daher leicht durch eine angemessene Wendung derartige Momente ausscheiden.**) Eine andere Frage ist, ob bei der Thorahvorlesuug das Aufrufen einzelner Personen zur Thorah beizubehalten sei oder nicht. Es ist überflüssig zu bemerken, daß dieses Aufrufen einzelner Personen, so wie die Ertheilung der sg. Mizwoth die Quelle vieler Uebelstände, großen Aergernisses, von Streitigkeiten, ja sogar von Prozessen war, und nicht minder vielfache Störung verursachte. Es wurden hier Triebfedern zu Leidenschaften, wie Eitelkeit, Anmaßung, Rechthaberei u. s. w. geweckt, die aus dem Gottesdienste, aus dem Kreise der Gottesverehrung verbannt bleiben müssen. Setzen wir nun auch voraus, daß der alte Unfug des Versteigerns der Mizwoth und Alioth überall beseitigt ist, daß es gelingt einen Turnus festzustellen, der jede Neigung Einzelner beseitigt, so bleibt noch immer genug übrig, was bei dieser Prozedur Störendes für den Gottesdienst hat. Selbst wenn das namentliche Aufrufen durch Karten mit 'nb, "orrü ff. ersetzt ist, selbst wenn der anderweitige Unfug zahlreicher Mischeberach's beschränkt worden, macht das Vertheilen der Karten, das Hinauf- und Hinuntergehen der einzelnen Personen, das Unterbrechen der Vorlesung durch die in verschiedensten Tonarten gesprochenen Segeussprüche keinen günstigen Eindruck und bringt mancherlei Störung hervor. Bei einer großen Zahl versammelter Beter sind es ja doch nur immer wenige, welche diese Auszeichnung erhalten. — Hierbei ist nun zu erwägen, daß diese ganze Einrichtung bedeutungslos geworden. Es ist bekannt, daß ursprünglich die aufgerufeneu Personen die aufeinanderfolgenden Abschnitte der Parascha und zwar in der üblichen Weise und aus dem Sepher Thorah selbst vorzulesen hatten. Ein Sachverständiger stand dem Lesen- **) Derartige Überarbeitungen finden sich in unserm „dienen israelitischen Gebetbuche" 2. Aust. Louis Gerschel, Berlin. 1801.

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