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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-10-13 · Heft 42 (13.10.1868) · p. Seite 843

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 42 (13.10.1868)
Date
1868-10-13
Page
Seite 843 (sequence 13)
Language
German
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Jerusalem, die Wünsche sür eine glücklichere Zukunst für die ganze Menschheit, das sind die Gedanken, welche ihnen Seufzer, Thränen, von Freude- und Hoffnungsrufen unterbrochen, entreißen. Die Morgenröthe des Tages stört die betenden Gruppen der Diener Gottes nicht, und die Sohne geht nie unter, ohne daß die Echos der Umgebung nicht zweimal die Rufe dieser unermüdlichen Beter wiedergehallt hätten. Das Gebet beginnt mit dem Ausruf: Abba! Abba! (Vater! Vater!), und während häufiger Kniebeuaungen werden die Worte: Abiet! Abiet! (Herr! Herr!) mehrere Male mit außerordentlicher Innigkeit ausgesprochen. Der häusliche Heerd ist nicht weniger rein als das Heiligthum. Die Frau, welche stei, ifast unabhängig, aber arbeitsam und bescheiden ist, hält einen reinlichen Haushalt und läßt die Familie die Frucht ihrer Arbeit genießen. Indem sie das Haus leitet und des Herzens ihres Mannes sicher ist, hält sie sich in den schwersten Krisen des Lebens an seiner Seite. Die Polygamie ist durch das Gesetz nicht verboten; aber sie wird für eine strafbare Handlung angesehen. Das Concubinat ist gänzlich unbekannt. Die Heirathen finden bei reifem Alter statt; nur sehr selten hört man von einem Scheiduugsfalle sprechen. Die Neuvermählten bleiben zehn Tage in dem Hause, ohne auszugehen. Im Sterbefalle besorgen drei oder vier Personen das Waschen und das Begräbniß; das Volk begleitet den Leichenzng bis zur Hecke des Friedhofes unter Singen der Gebete. Am siebenten Tage rastrt man sich die Haare und bringt das Opfer für die Seele des Verstorbenen. Die Debteras und die Armen nehmen an der Mahlzeit Theil und verfehlen niemals die Tugenden desjenigen zu loben, den die Familie soeben verloren hat. Die Falascha, die den Namen dafür haben, gute Ackerbauer zu sein, repräsentiren zu gleicher Zeit die industrielle Klaffe des Landes. Alle Handwerke werden fast ausschließlich von ihnen ausgeübt. Sie sind Schmiede, Böttcher, Töpfer, Weber, Bauleute rc. Die Frauen helfen ihren Männern bei allen Arbeiten und verlassen sie nur, um für die Bedürfnisse des Hauses zu sorgen. Die jungen Burschen hüten die Heerden, die jungen Mädchen holen Wasser und verbringen ihre Zeit, Baumwolle zu spinnen. Der Handel steht in den Augen der Falascha nicht hoch. Sie betrachten ihn wie ein Hinderniß der Ehrlichkeit und der Strenge hinsichtlich der religiösen Vorschriften. Die Sklavenhändler besonders sind ihnen ein Abscheu; ein solcher Handel wird für widerrechtlich angesehen. Wenn zufällig ein Falascha dazu kommt, einen Sklaven zu besitzen, so versucht er, ihn in die Gesetze der zehn Gebote und in die der Reinigung einzuweihen; sofort wird er als Jude betrachtet und kann weder wieder verkauft werden noch länger als sechs Jahre dienen. Wenn dieser Termin abgelaufen ist, wird er für einen Juden erklärt, und tritt ohne irgend eine Schwierigkeit in die jüdische Gemeinschaft ein. Die Sklaven, welche es verweigern, die Dogmen des Judenthums anzunehmen, können weder zur Zubereitung der Speisen, noch zu den anderen Dienstleistungen im Hause gebraucht werden, wegen der strengen Reinigungsopfer, welche ihre Berührung jeden Augenblick verursachen könnte. Solche Sklaven werden immer sorgfältig gemieden. Wenn die Falascha den Handel verwerfen, zögern sie nicht, in die Reihen der Krieger zu treten. Sie sind sehr muthig. Sie vertheidigen sich mit viel Ausdauer gegen ihre Angreifer. In den Provinzen, in denen ihre Zahl ein wenig compact ist, flößen sie ihren Nachbarn, die sie nie unbestraft angreifen, Respect ein. Während die Falascha im Norden die ganze Bitterkeit der barbarischen Erpressungen erdulden müssen, sind die jüdischen Bewohner von Atyefer und Kuara ein Gegenstand ernstlicher Furcht für die Amharas. Der König Theodoros zählte tausende von ihnen in seiner Armee, und unter den unglücklichen Kämpfern, die von Tfaddik bei seinein Einfall bis in Algaden am Mareb befehligt wurden, gab es eine große Zahl Falascha aus Adiaba. Sie lieben ihr Vaterland über Alles, und werden ganz wüthcnd, wenn Jemand es wagt, eine ungünstige Bemerkung über Abyssinien und seine Bewohner zu machen. Die Justiz wird von den Alten (Chimalzieh) ausgeübt. Die Klagen und Streitigkeiten werden vor sie gebracht. Ihre Urtheile werden stets von beiden Theilen respectirt. Niemand wagt, sich ihnen zu widersetzen noch an das amharische Gericht Appell einzulegen. Die Falascha sind im Allgemeinen heftig, Streitigkeiten sind nicht selten bei ihnen. Jeder vertheidigt seine Sache mit einer großen Beredtsamkeit und mit ausdrucksvollen Gesten; aber dieser Eifer »ersteigt sich nicht zu Schlägen, und sobald man sie unterbricht um sie Vernunft annehmen zu lassen, vergessen sie, was sich zugetragen. Zur Ehre der Frauen muß gesagt werden, daß sie fast niemals das gute Einverständniß der Nachbarschaft durch ihr Gezänk stören. Die religiöse Einigkeit der Falascha hat sich seit un-

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