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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-09-29 · Heft 40 (29.9.1868) · p. Seite 809

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 40 (29.9.1868)
Date
1868-09-29
Page
Seite 809 (sequence 19)
Language
German
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Eltern Raphaels waren da, und empfingen die Emtretenden mit freundlichen Worten. Kaum, daß die Mutter ihren Raphael begrüßt und umarmt hatte, wandte sie ihre Sorgfalt tfem bleichen Mädchen zu, das sich bald zu erholen begann. Mendes aber hatte schnell seine Fassung wieder gewonnen. Seine Gestalt richtete sich auf, und seine Stimme nahm die alte Ruhe und Festigkeit an. Er bat Herrn Hirsch höflich, ihm in das Nebenzimmer zu folgen. Hier standen sich die beiden Männer wieder gegenüber, der lange, bescheidene und der kleine, stolze Mann, wie im Anfänge unserer Erzählung. Doch die Verhältnisse hatten sich sehr geändert. Statt des prächtig geschmückten Salons war es das kahle Schlafzimmer eines alten Junggesellen, wo sie sich befanden; statt des hoffährtigen, gebietenden Tenors war es ein von einem furchtbaren Schlage niedergebeugter, dem schrecklichsten Geschick kaum entgangener Mann, gerettet und geschützt durch dieselben Leute, welche er damals so hart abgewiesen. Aber die Rinde war gebrochen, und der hohe und edle Sinn, der hinter derselben im Herzen des Spaniers gewohnt, hatte sich nur umsomehr aufgerichtet und trat offen an das Licht des Tages. „Herr Hirsch," begann Mendes, „wie die Dinge stehen, müssen die Verhältnisse zwischen uns geordnet werden. Der Vorgang heute Nacht hat meinen Muth nicht gebrochen, und ich bin jetzt der Mann, nach meinen Einsichten unbeirrt zu handeln, wie ich es gestern war. Aber meine Gedanken und Meinungen haben sich geändert, und ich bin bereit, den Umständen Rechnung zu tragen, wie sie sich mir offenbart. Was meine eigenen Angelegenheiten betrifft, so werden Sie bald sehen, wie ich sie zu gestalten gedenke. Was mir die nächtlichen Räuber zerstört haben, ist zwar bedeutend, aber doch nur ein Theil meines Vermögens, den ich verschmerzen kann. Ich vermag größere Opfer zu bringen. Aber anders verhält es sich mit unseren Kindern. Ich bin ihrem Sohne Alles schuldig, und will ihm daher auch Alles geben, was ich besitze. Er soll mein Kind haben, und ich werde nur die eine Bedingung daran knüpfen: ich kann mich von meiner Tochter nicht trennen, er muß mir folgen." Eine Helle Rothe lief über das bleiche markirte Gesicht des alten Hirsch; ein Strahl unsäglicher Freude leuchtete aus seinen Augen, aber es war nichts darin, was nach der Befriedigung von Stolz und Vergeltung ausgesehen hätte, nur die reine väterliche Liebe, die Freude am zukünftigen Glücke seines Sohnes strahlte aus ihm. „Und gedenken Sie denn, Tenor, diese Staat zu verlassen?" „Ja, und so schnell wie möglich. Ich habe nur nockeinige Papiere zu ordnen, und einen Kurier an die Regierung in Stralsund abzusenden." Die Freude, welche den Vater unseres Raphael soeben beseelt hatte, schien einer Traurigkeit weichen zu wollen, aber nach einigem Nachdenken erwiderte er ruhig: /,Nun, wenn wir sonst einig sind, wird es sich mit der einen Bedingung, die Sie stellen, auch schon machen lassen. Verkünden wir unfern Kinder ihr Glück." Was that es, daß dort in der Hauptstraße des Städtchens die Lohe noch aufschlug, die Gluthen noch sengten, die Sturmglocke noch tönte, die Hörner noch klangen, die Wasserstrahlen zischend in die Flammen fuhren, die brennenden Balken noch stürzten, die Männer schrien und die Weiber jammerten — hier in der engen und niedrigen Stube des alten Oheims Jakob waren glückliche Menschen versammelt, welche schnell die Stunden des Schreckens uud der Angst vergessen halten, die soeben verflossen, und deren Blicke in eine Zukunft gerichtet waren, welche rosiger schimmerte, als das Morgenroth des Tages, der eben Heraufstieg, auch wenn die neidischen Wolken es nicht mit ihrem Schleier verdeckt hätten. Dennoch zeigte es sich bald, daß die furchtbare Nacht nicht ohne Folgen geblieben. Mitten durch den Rausch des Glückes, der in Ines' Seele eingezogen, > als sie den Entschluß ihres Vaters vernommen und dieser segnend ihre Hand in die Raphaels gelegt, gab sich die fieberhafte Erregung und die Schwäche kund, in welche das noch nicht ganz genesene Mädchen zurückgefallen. Man hatte schon beschlossen, daß Mendes und Ines ihren Aufenthalt, so lange er noch währen würde, in dem bequemeren und besser ausgestatteten Hause der Familie Hirsch nehmen sollten. Man beschleunigte daher den Gang nach diesem, und die Mutter Raphaels bereitete alsbald dem kranken Mädchen ein Lager, und widmete ihr fortan die treueste mütterliche Pflege. Senor Mendes begab sich sofort an seine Arbeit. Er berechnete den Schaden, der ihm an Haus, Geld und Maaren angerichtet worden, und faßte einen genauen Bericht an die schwedische Regierung ab. Aber in offenster Weise sprach er den Verzicht auf jede Entschädigung aus, wenn ihn die Regierung seiner kontraktlichen Verbindlichkeiten, d. h. der Generalpacht des Bernsteinhandels, entheben würde. Er konnte aus diesem Geschäfte sv nicht anders als mit dem Verluste eines Drittels seines ganzen Vermögens heraustreten; aber er wollte es, denn dieses Geschäft war ihm so widerwärtig geworden, daß er so schnell wie möglich von ihm loskommen wollte. Er reiste dann nach Altona ab, um hier wieder seinen Wohnsitz zu nehmen und Alles zum Empfange des jungen Paares in Bereitschaft zu setzen. Dies vermochte jedoch Mendes nicht ganz nach seinem Sinne durchzuführen. Denn auch der junge Raphael hatte seinen eigenen Sinn und willigte zwar ein, in derselben Stadt, wie der Senor zu wohnen, beharrte aber fest darauf, nichts von ihm anzunehmen, fo lange er lebe. Hierin unterstützte ihn Ines, die sich innerlich befriedigt fühlte, ihrem zukünftigen Manne, dem sie so vieles zu danken habe, das Opfer des Reichthums und der Pracht zu bringen und ihm in bescheidene Verhältnisse zu folgen. Seine Eltern hatten ihren Entschluß ebenfalls gefaßt. Sie verkauften ihr Geschäft und ihr

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