Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 40 (29.9.1868)
- Date
- 1868-09-29
- Page
- Seite 793 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Me Kenntniß der h. «Schrift, alle Liebe zu ihr und alle Andacht und Erhebung zu verlieren? Man hat eingewendet, daß in den Haftoroth Ausdrücke Vorkommen, die sich vor dem Publikum nicht gut übersetzen lassen. Allein das sind nur wenige Stellen, die durch eine leichte Färbung des Ausdrucks sehr schnell behoben werden. Wir bemerken nur noch, daß die neue Auswahl, um die Einheit nicht zu stören, für den gemeinsamen Gebrauch getroffen werden müsse. Einige Worte un- Bemerkungen. Die Rabbinerversammlung und die Synode, aus Bonn, Proßnitz, Trier. — Wochenmärkte am Sabbath. — Versteckte Proselytenmacher«. — Die wandernde Bettelei. — Mendelssohn.— Wir haben wiederholt ausgesprochen, daß wir uns in keine Polemik über die Rabbiner-Versammlung zu Cassel einlaffen. Dies verschließt uns aber den Mund nickt so sehr, daß wir nicht ein kurzes Wort im Allgeineinen sagen dürften. Wer einige jüdische Blätter über die Rabbiner-Versammlung liest, dem muß es — übel und weh werden. Man frägt sich, wozu sind diese eigentlich da? was wollen sie? womit füllen sie ihre Existenz aus? ... Es ist eine alte Fabel, daß der Strauß, wenn er verfolgt wird, den Kopf in den Sand oder in ein dichtes Gebüsch steckt, und nun glaubt, weil er den Verfolger nicht mehr sieht, es gebe gar keinen solchen. Gut. Aber nicht haben wir gehört, daß diese Strauße, indem sie den Kops in den Busch stecken, zugleich den Schnabel öffnen, und losschimpfen auf solche Strauße, welche den Kopf nicht verstecken, die Verfolger sehen, und sich rüsten, sie mit aller Kraft und allen Waffen abzuwehren. Wir sehen hierbei ab von den Blättchen, welche nun einmal Verketzerung und Lüge zu ihren Müttern und Ammen gemacht und sich von der ihnen hierdurch gewordenen Natur nicht frei machen können. Sie sind die Marktschreier, die auf dem Jahrmarkt das „Landvolk" heranfchreien, um ihm ihre schlechte Waare aufzunöthigen oder es ihre Sprünge und Taschenspielerkünste sehen zu lassen. Aber Andere? Wie? Bei jeder religiösen Diskussion, die sich erhebt, ruft Ihr „Ruhe! Stille! Schweigt doch!"? Das ganze Jahr schwatzt Ihr, und sobald es gilt, ein Werk der Bildung, der Klärung, der Beeiferung, der Begeisterung zu fördern — nehmt Ihr nicht einmal einen Standpunkt, eine Position vertheidigt diese — nein! Ihr wollet Schweigen, Ihr nehmet die Miene der Zurückweisung an — o gehet nach Hause, ziehet die Nachtmütze über Augen und Ohren, und — schnarcht!... Vor jener Versammlung schrieb mir ein wohlmeinender Mann: Ja, Sie haben Recht, es steht schlimm, der Verfall greift immer mehr um sich, cs muß Etwas geschehen — aber, bitte, rühren Sie nichts an und auf, der Frieden der Gemeinden käme in Gefahr — geh' nach Hause, und — schlafe! ... Vor jener Versammlung kam ein wohlmeinender Freund zu mir, und sagte: Was? wollen Sie abermals die galvanische Batterie an das erstarrte Glied bringen? Es wird einen Augenblick zucken, und dann wieder starr sein wie zuvor... Nein! Freund, dieser Körper ist nicht todt und nicht starr; das Leben stockt wenig, der Umlauf des Blutes ist träge. Wissen wir nicht, daß im Leben eines großen Organismus solche Zeiten immer kommen nnd mit Perioden frischer Regsamkeit, starker Treibkraft, mächtigen Schaffens abwechseln? Wer darf sagen, wann die eine, wann die andere eintritt? Vergleichen wir eine andere Zeit, in der größere Männer, die größten unseres Volkes wirkten. Ward der Richter und Prophet Samuel nicht gegen Ende seines thatenreichen Lebens gezwungen, dem Volke einen König zu geben, und diesem Könige mußte er selbst wieder die Krone absprechen? Folgten auf Jesaias Wirksamkeit nicht gerade die götzendienerischsten Könige Menasseh und Amon — und dann doch wieder der gottesfürchtige Josija? Wurde nicht Jeremias gegeißelt und in's Gefängniß geworfen, und er sah mit eigenen Augen sein Volk sich selbst vernichten? Aber gerade da ging das Judenthum seiner Klärung von allem Heidenthume entgegen. Jesaias der zweite sprach in Babel zum Volke mit feuriger Engelszunge — aber wie unbedeutend und arm war der Theil des Volkes, der sich zur Rückkehr entschloß — und doch ging ein sechshundertjähriger Bestand daraus hervor!... Nein, nicht nach Tagen, nicht nach dem Augenblick der Gegenwart dürfen wir unsere Wirksamkeit, dürfen wir die Zukunft bemessen — es giebt einen höhern Maßstab, der in der Hand des höchsten Wesens, Gottes, der götilichen Vorsehung liegt.*) *) Im neuesten Heft seiner Zeitschrift S. 171 sagt Herr vr. Geiger: „Von der Anregung, welche unter