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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-09-22 · Heft 39 (22.9.1868) · p. Seite 789

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 39 (22.9.1868)
Date
1868-09-22
Page
Seite 789 (sequence 17)
Language
German
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und Schmucksachen gefüllt, griff. Sie eilten wieder hinaus, wo Ines, in einen Mantel gehüllt, ihrer harrte. Raphael reichte dem zitternden Mädchen seinen freien rechten Arm und sprach noch: „Wir müssen das Haus wieder sorgfältig verschließen und auf der Straße so wenig Geräusch als möglich machen." Alle verließen das Haus, das wieder in sein voriges Schweigen und seine Dunkelheit zurücksank. Die Leute des Tenor liefen auseinander; ein Jeder dachte nur an seine eigene Rettung und mochte sich bereits in Gedanken ein Versteck ausgesucht haben. Raphael führte Ines, Mendes und Silva folgten ihm. Es ging einige Straßen hinab, dann stand Raphael vor einem Hause still und schlug heftig an dessen Pforte. Bald darauf steckte ein Mann seinen Kopf durch das Fenster des obern Stockwerks und rief: „Wer ist da?" Uebrigens schien der Kops mit der Nachtmütze durchaus nicht erstaunt über den nächtlichen Besuch; er mochte wohl öfter einen solchen zu erwarten haben. „Ich bin es, Oheim, mach auf, aber schnell." Jetzt erst schien der alte Mann verwundert und erwiderte kopfschüttelnd: „Was ist los, Raphael? wo kommst Du her in der Nacht?" — „Komm nur, Oheim, ich will es Dir schon sagen." „Warum führen Sie uns zu Ihrem Oheim?" fragte Mendes mit leiser Stimme Raphael. „Weil Sie hier am sichersten sind. Mein Oheim ist Ihr entschiedenster Gegner und das Haupt der Bernsteinhändler. Hier suchen die Mordbrenner Sie am wenigsten, und mein Oheim ist so brav .und liebt mich auf's herzlichste. Anders wäre es bei meinen Eltern, die mit dem Bernstein nichts zu schaffen haben. Die Bauern gehen gewiß dahin, aber sie tasten nichts an, weil wir bei ihnen wohlgelitten, und weil sie nichts wollen als Rache an Ihnen üben." Unterdeß hatte der alte Mann die Thüre seines Hauses geöffnet und fragte: „Wen bringst Du denn da, Raphael?" „Oheim," sagte der junge Mann mit Innigkeit, „jetzt sollst Du beweisen, daß Du ein echter Jehudi bist, und daß das „Lau ßikkaum welau ßittaur"*) nicht blos auf Deiner Zunge, sondern in Deinem Herzen wohnt. Die Bauern kommen in die Stadt, Gott hat mich sie treffen lassen, als ich von N. nach der Stadt ging. Sie wollen den Tenor Mendes erschlagen und sein Haus niederbrennen. Du sollst ihn beschützen, Du ihn verbergen. Du wirst es thun, weil Dir die Religion es gebietet, und weil Du mich liebst!" Im Herzen des alten Mannes mochte wohl der Aerger, den er auf Mendes hatte, der mancherlei Verlust, den er durch ihn erlitten, mit seinen besseren Empfindungen kämpfen. Aber lange währte dieser Kampf nicht. Er schloß die Thüre und sagte: „Gut. Es soll geschehen; ich werde Sie, Herr Mendes, nach einem Orte *) „Du sollst Dich nicht rächen und keinen Zorn nachtragen." führen, wo ich am wenigsten geglaubt gerade Sie emtreten zu lassen; aber Sie werden dort sicher sein." Sie folgten dem Alten, der sie die Stiegen hinauf auf den Speicher führte. Hinter dem Bodenzimmer war ein Versteck angebracht, in das eine künstlich verkleidete Thüre führte. Der Raum war klein und dunkel, er hatte keine Fensteröffnung, und nur durch vereinzelte Glasscheiben, die statt der Ziegeln in das Dach hier und da eingefügt waren, fiel am Tage ein spärliches Licht. Einige Kisten und ein Regal mit Schubfächern füllten beinahe den ganzen Verschlag. In den Schubfächern lagen einige Maaren, die Kisten waren die Behälter für den Bernstein, den der alte Mann heimlich von den Fischern und Bauern kauf?/. Mendes verstand jetzt die Worte, die der Mann gesprochen, und biß sich auf die Lippen. Aber wie sollten sich in seinem erregten Gemüthe andere Gedanken lange aufhalten, als das Gefühl der Sicherheit, das sich seiner zu bemächtigen begann. Raphael sprach unterdeß leise mit seinem Oheim, sie mochten sich wohl berathen, was jetzt zu thun sei. Er wollte sich mit diesem entfernen. Aber Ines rief: „O, Raphael, verlassen Sie uns nicht, bleiben Sie bei uns! Ich vergehe vor Angst, wenn Sie von uns gehen!" Raphael beruhigte sie, er werde gleich wieder da sein, er wolle nur ein Paar Pistolen holen, um auf alle Fälle gerüstet zu sein, so unwahrscheinlich sie auch eintreten möchten. Der Oheim aber eilte zu den Eltern Raphaels, um sie von der Lage der Dinge zu unterrichten. Dann zündete er Licht im Zimmer des unteren Stockes an, und postirte sich in seinen Schlafrock gehüllt und die Nachtmütze auf dem Kopfe, vor die geöffnete Hausthüre, als ob er eben erst dem Bette entstiegen wäre. — Unterdeß hatten die anrückenden Bauern das Städtchen erreicht; auf ihr Anklopfen öffnete der Wächter das Stadtthor; aber die Eindringenden bemächtigten sich sofort seiner, daß die Menge ungehindert in die Stadt hineinstürmen konnte, und Einige von ihnen besetzten das Thor, um es für einen ungünstigen Fall offen zu erhalten. Jetzt eilten die Aufrührer nach dem Hause Mendes' und erbrachen alsbald die Thüren. Müller-Hans und zwei Brüder an der Spitze, stürzten sie hinein und eilten durch alle Zimmer, um denen jeden Fluchtversuch unmöglich zu machen, die ihre Wuth und ihr Rachedurst suchten. Wie flammten aber diese auf, als sie keinen der Bewohner des Hauses fanden, als diese alle verschwunden waren!.. . Die Bande theilte sich alsbald in ihre verschiedenen Beschäftigungen. Der eine Theil fiel über alles Werthvolle Her, das sich im Hause befand, um es fortzuschleppen. Sie kamen in die Kassenstube, und erblickten die festverschlossenen eisernen Kisten, in denen beträchtliche Baarsummen in Gold und Silber geborgen waren. Man nahm die Aexte zur Hand, und so stark die Kisten auch waren, unter den Schlägen von zwanzig gewichtigen Fäusten wurden die Deckel gesprengt und die gierigen Augen blitzten auf, als die Menge der Gold- und Silber--

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