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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-09-15 · Heft 38 (15.9.1868) · p. Seite 769

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 38 (15.9.1868)
Date
1868-09-15
Page
Seite 769 (sequence 19)
Language
German
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Merkwürdig ist, daß bei dem zärtlichen Berhältniß, welches die Ehen der Karaiten kennzeichnet, niemals ein Ehemann seiner Gattin beim öffentlichen Erscheinen, bei Promenaden re. den Arm bietet; er geht wohl neben dieser, aber niemals führt er sie, wie es sonst Höflichkeitssitte ist. Wie die Türken, rauchen die Karaiten leidenschaftlich starke Tabake, aber meist aus kurzen Pfeifen. Im Umgänge ist der Karait offen und liebenswürdig, gastfrei und wohlthätig gegen Jeden ohne Ausnahme, nur in Bezug auf die talmudischen Glaubensbrüdcr beherrscht ihn eine Unduldsamkeit, die mit seinem sonstigen Wesen ganz divergirt. *) Als gute, treue Unterthanen und stets zu Opfern bereite Helfer erfreuen sich die Karaiten überall des Schutzes der Regierung; Bildern und Bildwerken abgeneigt, hängt doch jeder Karait die Portraits des regierenden Kaiserpaares am besten Platze seines Wohnzimmers auf. Die Maraueu in St. Jean de Luz. Eines der wichtigsten Geschäfte der spanischen Agenten im Auslande unter der Regierung Philipps II. und seiner Nachfolger war das Ausspüren von Ketzern, die in irgend eine Beziehung zu Spanien getreten waren. So wie ein Ungläubiger heimlich eine Reise nach Spanien antrat, sobald ein französischer Hugenott einen Ballen Bibeln in spanischer Uebersetzung dort einschmuggelte, wußten die zahlreichen öffentlichen und geheimen Agenten Spaniens sich hiervon Kenntniß zu verschaffen und meldeten es getreulich dem Madrider Staatsrache und der heiligen Inquisition. So finden wir im Pariser Archiv (K 1453) den Bericht eines ungenannten Agenten an den Staatsrath vom Juli 1612, in welchem derselbe das Vorhandensein einer bedeutenden Kolonie geflüchteter Maranen in St. Jean de Luz venuncirt. Hier, dicht an der spanischen Grenze, halten die Neuchristen, welche der *) Ref. fragte bei passender Gelegenheit einen als Menschenfreund bekannten Karaiten, ob er denn nicht einem talmudischen Bruder die Hand reichen möchte. — ,.Jch würde sie ihm reichen, sagte er, wenn er am Ertrinken wäre und ich ihn damit aus dem Wasser ziehen könnte." Diese Intoleranz dürste stch aus der Erinnerung an erlittene Bedrückungen erklären lassen, t??) Wuth der Inquisition entgangen waren> ihren Sitz aufgeschlagen, und nicht nur kehrten sie nun ganz offen zum Juventhume zurück, sondern sie benutzten auch die Nähe des Mutterlandes und die zahlreichen Verbindungen, welche sie dort besaßen, um einen ausgedehnten und einträglichen geheimen Handel mit denselben anzuknüpfen. In Madrid war man über diese Kühnheit der Maranen höchlichst empört, man faßte den Umstand, daß die geflüchteten Juden gerade dicht an der spanischen Grenze ihr Wesen trieben, als eine directe Beleidigung gegen den katholischen König auf und sann über die Mtttel nach, sie zu bestrafen. Zuerst wurde beschlossen, ihre Maaren in den spanischen Städten, soweit man sie ausfindig machen könne, mit Beschlag zu belegen. Dann wollte man sich einiger von ihnen auf französischem Gebiete mit Gewalt bemächtigen und sie nach Spanien transportiren: aber schließlich verwarf man dieses bedenkliche Auskunftsmittel und beschloß sich an die französischen Gesetze zu wenden, welche den Uebertritt eines Christen zum Judenthume auf das strengste ahndeten und deshalb mit Erfolg auf die zum Glauben ihrer Väter zurückgekehrten Neuchristen hätten angewendet werden können. Ja noch mehr. Als am Ende des Jahrs 1612 die spanische Regierung den Herzog von Pastrana nach Paris senden wollte, um hier den Vertrag wegen der Doppelheirath zwischen dem spanischen und franzöjischen Königshause zu unterzeichnen, sollte er bei dieser feierlichen Gelegenheit nur eine Bitte im Namen seines Königs Philipp Hl. Vorbringen (ibid. K 1427): nämlich, daß man ein Übereinkommen zu gegenseitiger Auslieferung von geflüchteten Ketzern schließen möge! Hierin tritt der spanische Charakter recht deutlich zu Tage: wie man die großen Freudenfeste durch riesige Autodafes feierte, so wollte man bei dem Abschluß eines Heirathsvertrages die Auslieferung Hunderter von unglücklichen Maranen zu einem gewissen und qualvollen Tode verlangen! Jndeß ging dieses drohende Uugewitter noch einmal unschädlich über den Häuptern der nach Frankreich geflüchteten Ncuchristen hinweg. Die Sendung des Herzogs von Pastrana verzögerte sich um sechs Monate, und da inzwischen anderweitige wichtige Fragen auf die Tagesordnung gekommen waren, so unterblieb die Verhandlung über den beabsichtigten Vertrag wegen der Ketzerauslieferung. Es wäre wohl interessant nachzuforschen, ob sich nicht noch anderweitige Spuren von der blühenden Maranenkolonie in St. Jean de Luz finden.*) Dr. Martin Philippson. *) Wir finden über diese Kolonie in den jüdischen Geschichtswerken keine andere Nachricht als «bei Kayserling, Geschichte der Juden in Portugal S. 294) die Notiz, daß Isaak ben Mathatias Aboab de Fonseca, der Begründer einer Maranenkolonie in Brasilienin St. Jean de Luz geboren sei.

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